Was von Kursk geblieben ist – Schutt und Asche. Das Foto zeigt einen Raketenangriff auf die Stadt Kursk, veröffentlicht auf dem Telegram-Kanal des Kursker Bürgermeisters Igor Kutsak. Beide Seiten haben sich in der Region nichts geschenkt.
Die Ukraine verteidigt Stellungen in Kursk, die so dicht an der eigenen Grenze sind wie nie zuvor. Scheinbar will Putin jetzt zum finalen Angriff ansetzen.
Kursk – „Die gewagte Kampagne der Ukraine zur Eroberung und Besetzung russischen Territoriums scheint sich dem Ende zu nähern“, schreiben Constant Méheut, Marc Santora und Juri Schywala. Die Korrespondenten der New York Times (NYT) berichten davon, dass Wladimir Putins Armee die ukrainischen Besatzer bei Kursk „bis auf einen schmalen Landstreifen“ zurückgedrängt hätten. Demnach sei eingetreten, was Zweifler schon von Anbeginn an befürchtet hatten: Dass sich Wolodymyr Selenskyj mit seinem Plan überhoben habe.
„Wir erreichen unsere Ziele“, schrieb der ukrainische Präsident Selenskyj im August mittels des Messenger-Dienstes Telegram über den zu der Zeit seit zwei Wochen andauernden Einmarsch in Kursk, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet hat. Allerdings ist bis heute offen, welches Ziel Selenskyj faktisch angepeilt hatte, beziehungsweise, wohin er marschieren lassen wollte. Vielleicht auch nur einfach geradeaus. Immer wieder hatte er angedeutet, er wolle Verhandlungsmasse erobern: ein paar Quadratkilometer russischen Kernlandes, das er in Friedensverhandlungen tauschen würde gegen von Russen in der Ukraine besetztes Territorium. Dieser Plan scheint nun kolossal gescheitert zu sein.
Kursk gilt Experten als verloren: „Das Ende des Kampfes naht“
„Das Ende des Kampfes naht“, sagte gegenüber der NYT jetzt Pasi Paroinen. Zu diesem Ergebnis kommt der Militäranalyst der finnischen Black Bird Group aufgrund des inzwischen auf 75 Quadratkilometer geschrumpften Territoriums, das die Ukraine in Kursk kontrolliert – ein schmaler Landstreifen entlang der russisch-ukrainischen Grenze, wie Paroinen erläutert. Auch Reuters meldet aktuell, dass Russland behauptet habe, zuletzt 100 Quadratkilometer sowie zwölf Siedlungen wieder zurückgewonnen zu haben. Im August hatten ukrainische Truppen in einem Handstreich rund 1300 Quadratkilometer russischen Territoriums erobert; bis Mitte Februar waren davon schon wieder 800 Quadratkilometer in russische Hand zurückgefallen, wie Reuters berichtete.
„Die ukrainischen Soldaten in der Region Kursk werden rücksichtslos vernichtet, wenn sie sich weigerten, ihre Waffen niederzulegen“
Mit einer Offensive von Fallschirmjägern hatte Russland demnach offenbar versucht, in einer Zangenbewegung die Versorgungslinien der Ukraine und mögliche Rückzugsrouten abzuschneiden gedroht, so Reuters. Das ukrainische Militärkommando dementiert allerdings, dass ihre Truppen akut bedroht seien eingekesselt zu werden. Nach eigenen Angaben hätten die Truppen die Front verkürzt und sich zurückgezogen in hügeliges Gelände, „um die heranrückenden russischen Truppen besser unter Kontrolle zu haben“, wie das die New York Times zitiert. Die mehrere Tausend Einwohner umfassende Ortschaft Sudscha soll möglicherweise längst wieder unter russischer Kontrolle sein – Spezialkräfte hätten sich wohl durch eine Gaspipeline in den Rücken der Besatzer geschlichen, berichtet Reuters.
„Einige sagen, der Einmarsch habe viele Ziele erreicht, andere fragen sich, ob er ukrainische Leben gekostet habe, ohne dass ein greifbarer Nutzen dabei herausgekommen wäre“, schreibt Shaun Walker. Für den Korrespondent des britischen Guardianmarkiere das Zurückweichen der Ukraine aus Kursk „das Ende einer kühnen Operation“, was er allerdings mit dem Zusatz „offenbar“ noch leicht ins Wahrscheinliche zurückdrängt. Möglicherweise, um sich noch etwas um die Realisierung des Unvermeidlichen zu drücken. „Kursk hat den Konflikt auf russisches Territorium verlagert, und Russlandhat einige seiner besten Einheiten eingesetzt, um dort zu kämpfen. Allerdings war auch eine beträchtliche Zahl ukrainischer Eliteeinheiten nötig, um den Kessel zu halten“, sagte Michael Kofman, wie der Guardian den Analysten des Carnegie Endowment for International Peace wiedergibt.
Selenskyjs Plan: Kann das Ergebnis tatsächlich anders beurteilt werden als enttäuschend?
Kann das Ergebnis tatsächlich anders beurteilt werden als enttäuschend? Was die Ukraine durch den Kursk-Einmarsch gewinne, hatte Michael A. McFaul noch im September vergangenen Jahres für den Thinktank Hoover Institute thematisiert. Laut dem Politikwissenschaftler habe der Kursk-Einmarsch der Ukraine „spürbare Vorteile“ gebracht. Erstens sei Selenskyj gelungen, der Welt die Angst zu nehmen, die Ukraine verliere den Krieg. Zweitens hätte er klargestellt, dass die Ukraine nicht nötig habe, ihr eigenes Land gegen Frieden einzutauschen. Drittens habe die Offensive dem gesamten Volk „psychologischen Auftrieb“ gegeben, wie der Politikwissenschaftler geschrieben hat.
„Selenskyjs Verhandlungsposition ist heute deutlich stärker als vor dem Kursk-Einmarsch“, behauptet McFaul – davon scheint im Moment kaum etwas spürbar. Mit der Unerbittlichkeit Wladimir Putins gegen eine Waffenruhe, gegen Putins Meter um Meter vorrückende Truppen sowie gegen einen taktierenden US-Präsidenten Donald Trump haben die Ukraine und Selenskyj offenbar militärisch wie diplomatisch an drei Fronten zu kämpfen.
Die ukrainische Kursk-Offensive sei ein kläglicher Fehlschlag gewesen, argumentiert aktuell Daniel R. DePetris. Nach Meinung des Autors des Magazins American Conservative habe Wolodymyr Selenskyj politisch wie militärisch versagt. „Selenskyj verstand die politische Dynamik entweder nicht oder ignorierte sie“, schreibt DePetris – ihm zufolge habe Wladimir Putin das Gegenteil dessen gemacht, was Selenskyj von ihm erwartet hatte: Solange die Ukrainer innerhalb seiner Grenzen sitzen, würde Putin nie und nimmer verhandelt haben, glaubt der Autor. Putin habe keine Schwäche zeigen wollen, behandelte den Überfall als „kleines Ärgernis“, so DePetris und würde sich nie den Bedingungen der Ukraine unterworfen haben wollen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Ukraine sieht sich noch im Spiel: Offensichtlich verbreitet die ukrainische Truppe weiter Zweckoptimismus
Auch an der militärischen Logik der Ukraine zweifelt der in New York ansässige freie Journalist für Sicherheitsthemen. „Wenn es darum ging, die Stellung im Osten zu halten und Russlands Offensive aufzuhalten, war die Verlegung von Truppen und Ressourcen 900 Kilometer nach Norden ein merkwürdiger Ansatz“, schreibt er aufgrund des Umstands, dass die Ukraine vielleicht von Anfang an mit ihren Kräften und ihrem Material haushalten musste. Ihm erscheint Selenskyj deshalb als Hasardeur: als jemand, der verantwortungslos gehandelt und alles aufs Spiel gesetzt habe.
Laut DePetris hätte der ukrainische Präsident auch ohne militärtaktische Ausbildung wissen können, „dass die Verlegung erfahrenster und bestausgerüsteter Truppen in einen neuen Angriffssektor in feindliches Gebiet ein hohes Risiko negativer Auswirkungen auf andere Frontabschnitte birgt“ – zumal unter dem fehlenden Luxus unbegrenzter Truppenstärke und dem grundsätzlich anderen Menschenbild der Russen, die ob eines lohnenswert erscheinenden militärischen Ziels ihre Kräfte gnadenlos auf die Schlachtbank befehlen.
Offensichtlich verbreite die ukrainische Truppe aber weiterhin Zweckoptimismus. Sie hielten weiterhin die Stellung, hatte ein Zugführer namens „Boroda“ der New York Times gegenüber geschildert. „Der einzige Unterschied ist, dass unsere Stellungen deutlich näher an die Grenze gerückt sind.“ Demgegenüber sieht sich Russland jetzt auch wieder propagandistisch am Drücker, wie die russische Nachrichtenagentur Tass aktuell durch den stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrats wissen lässt: „Die ukrainischen Soldaten in der Region Kursk würden rücksichtslos vernichtet, wenn sie sich weigerten, ihre Waffen niederzulegen“, sagte Dmitri Medwedew via seines Telegram-Kanals.
Russlands Rhetorik in alter Schärfe: „Systematisch und gnadenlos eliminiert“ würde, wer sich nicht ergebe
„Systematisch und gnadenlos eliminiert“ würde, wer sich nicht ergebe. Wer dagegen die Waffen niederlege, dem werde Leben und angemessene Behandlung garantiert. Inwieweit das Kiewer Regime gedenke, mit dem Leben seiner Soldaten umzugehen, würden die nächsten Stunden entscheiden, so Medwedew. Russland pflegt also die gleiche Rhetorik wie vor dem Überfall, von Demut ob der eigenen territorialen Verletzlichkeit keine Spur. Wolodymyr Selenskyj wird keinen Quadratmeter Boden, den er jetzt noch hält, als Erfolg verbuchen können; im Gegenteil wird Russland die zurückgedrängten ukrainischen Truppen als Beweis der eigenen militärischen Überlegenheit betrachten müssen – und das ukrainische Volk wird weiter leiden, vielleicht noch stärker als bisher.
Für den Autoren Daniel R. DePetris hat Selenskyj viel gewagt und alles verloren, was er mit einer Anekdote an den 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten zu belegen versucht: „Ronald Reagan hatte während seines erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampfes 1980 einen klugen Spruch parat: ,Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren?‘ Ukrainische Politiker werden sich nun mit einer Variante dieser Frage auseinandersetzen: Geht es der Ukraine besser als vor August 2024? Die Antwort ist ein klares Nein.“