Selenskyjs Plan gescheitert

„Rücksichtslos vernichtet“: Ukraine in Kursk in der Defensive

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Was von Kursk geblieben ist – Schutt und Asche. Das Foto zeigt einen Raketenangriff auf die Stadt Kursk, veröffentlicht auf dem Telegram-Kanal des Kursker Bürgermeisters Igor Kutsak. Beide Seiten haben sich in der Region nichts geschenkt.
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Die Ukraine verteidigt Stellungen in Kursk, die so dicht an der eigenen Grenze sind wie nie zuvor. Scheinbar will Putin jetzt zum finalen Angriff ansetzen.

Kursk – „Die gewagte Kampagne der Ukraine zur Eroberung und Besetzung russischen Territoriums scheint sich dem Ende zu nähern“, schreiben Constant Méheut, Marc Santora und Juri Schywala. Die Korrespondenten der New York Times (NYT) berichten davon, dass Wladimir Putins Armee die ukrainischen Besatzer bei Kursk „bis auf einen schmalen Landstreifen“ zurückgedrängt hätten. Demnach sei eingetreten, was Zweifler schon von Anbeginn an befürchtet hatten: Dass sich Wolodymyr Selenskyj mit seinem Plan überhoben habe.

„Wir erreichen unsere Ziele“, schrieb der ukrainische Präsident Selenskyj im August mittels des Messenger-Dienstes Telegram über den zu der Zeit seit zwei Wochen andauernden Einmarsch in Kursk, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet hat. Allerdings ist bis heute offen, welches Ziel Selenskyj faktisch angepeilt hatte, beziehungsweise, wohin er marschieren lassen wollte. Vielleicht auch nur einfach geradeaus. Immer wieder hatte er angedeutet, er wolle Verhandlungsmasse erobern: ein paar Quadratkilometer russischen Kernlandes, das er in Friedensverhandlungen tauschen würde gegen von Russen in der Ukraine besetztes Territorium. Dieser Plan scheint nun kolossal gescheitert zu sein.

Kursk gilt Experten als verloren: „Das Ende des Kampfes naht“

„Das Ende des Kampfes naht“, sagte gegenüber der NYT jetzt Pasi Paroinen. Zu diesem Ergebnis kommt der Militäranalyst der finnischen Black Bird Group aufgrund des inzwischen auf 75 Quadratkilometer geschrumpften Territoriums, das die Ukraine in Kursk kontrolliert – ein schmaler Landstreifen entlang der russisch-ukrainischen Grenze, wie Paroinen erläutert. Auch Reuters meldet aktuell, dass Russland behauptet habe, zuletzt 100 Quadratkilometer sowie zwölf Siedlungen wieder zurückgewonnen zu haben. Im August hatten ukrainische Truppen in einem Handstreich rund 1300 Quadratkilometer russischen Territoriums erobert; bis Mitte Februar waren davon schon wieder 800 Quadratkilometer in russische Hand zurückgefallen, wie Reuters berichtete.

„Die ukrainischen Soldaten in der Region Kursk werden rücksichtslos vernichtet, wenn sie sich weigerten, ihre Waffen niederzulegen“

Dimitri Medwedew, Telegram

Mit einer Offensive von Fallschirmjägern hatte Russland demnach offenbar versucht, in einer Zangenbewegung die Versorgungslinien der Ukraine und mögliche Rückzugsrouten abzuschneiden gedroht, so Reuters. Das ukrainische Militärkommando dementiert allerdings, dass ihre Truppen akut bedroht seien eingekesselt zu werden. Nach eigenen Angaben hätten die Truppen die Front verkürzt und sich zurückgezogen in hügeliges Gelände, „um die heranrückenden russischen Truppen besser unter Kontrolle zu haben“, wie das die New York Times zitiert. Die mehrere Tausend Einwohner umfassende Ortschaft Sudscha soll möglicherweise längst wieder unter russischer Kontrolle sein – Spezialkräfte hätten sich wohl durch eine Gaspipeline in den Rücken der Besatzer geschlichen, berichtet Reuters.

„Einige sagen, der Einmarsch habe viele Ziele erreicht, andere fragen sich, ob er ukrainische Leben gekostet habe, ohne dass ein greifbarer Nutzen dabei herausgekommen wäre“, schreibt Shaun Walker. Für den Korrespondent des britischen Guardian markiere das Zurückweichen der Ukraine aus Kursk „das Ende einer kühnen Operation“, was er allerdings mit dem Zusatz „offenbar“ noch leicht ins Wahrscheinliche zurückdrängt. Möglicherweise, um sich noch etwas um die Realisierung des Unvermeidlichen zu drücken. „Kursk hat den Konflikt auf russisches Territorium verlagert, und Russland hat einige seiner besten Einheiten eingesetzt, um dort zu kämpfen. Allerdings war auch eine beträchtliche Zahl ukrainischer Eliteeinheiten nötig, um den Kessel zu halten“, sagte Michael Kofman, wie der Guardian den Analysten des Carnegie Endowment for International Peace wiedergibt.

Selenskyjs Plan: Kann das Ergebnis tatsächlich anders beurteilt werden als enttäuschend?

Kann das Ergebnis tatsächlich anders beurteilt werden als enttäuschend? Was die Ukraine durch den Kursk-Einmarsch gewinne, hatte Michael A. McFaul noch im September vergangenen Jahres für den Thinktank Hoover Institute thematisiert. Laut dem Politikwissenschaftler habe der Kursk-Einmarsch der Ukraine „spürbare Vorteile“ gebracht. Erstens sei Selenskyj gelungen, der Welt die Angst zu nehmen, die Ukraine verliere den Krieg. Zweitens hätte er klargestellt, dass die Ukraine nicht nötig habe, ihr eigenes Land gegen Frieden einzutauschen. Drittens habe die Offensive dem gesamten Volk „psychologischen Auftrieb“ gegeben, wie der Politikwissenschaftler geschrieben hat.

Selenskyjs Verhandlungsposition ist heute deutlich stärker als vor dem Kursk-Einmarsch“, behauptet McFaul – davon scheint im Moment kaum etwas spürbar. Mit der Unerbittlichkeit Wladimir Putins gegen eine Waffenruhe, gegen Putins Meter um Meter vorrückende Truppen sowie gegen einen taktierenden US-Präsidenten Donald Trump haben die Ukraine und Selenskyj offenbar militärisch wie diplomatisch an drei Fronten zu kämpfen.

Die ukrainische Kursk-Offensive sei ein kläglicher Fehlschlag gewesen, argumentiert aktuell Daniel R. DePetris. Nach Meinung des Autors des Magazins American Conservative habe Wolodymyr Selenskyj politisch wie militärisch versagt. „Selenskyj verstand die politische Dynamik entweder nicht oder ignorierte sie“, schreibt DePetris – ihm zufolge habe Wladimir Putin das Gegenteil dessen gemacht, was Selenskyj von ihm erwartet hatte: Solange die Ukrainer innerhalb seiner Grenzen sitzen, würde Putin nie und nimmer verhandelt haben, glaubt der Autor. Putin habe keine Schwäche zeigen wollen, behandelte den Überfall als „kleines Ärgernis“, so DePetris und würde sich nie den Bedingungen der Ukraine unterworfen haben wollen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Ukraine sieht sich noch im Spiel: Offensichtlich verbreitet die ukrainische Truppe weiter Zweckoptimismus

Auch an der militärischen Logik der Ukraine zweifelt der in New York ansässige freie Journalist für Sicherheitsthemen. „Wenn es darum ging, die Stellung im Osten zu halten und Russlands Offensive aufzuhalten, war die Verlegung von Truppen und Ressourcen 900 Kilometer nach Norden ein merkwürdiger Ansatz“, schreibt er aufgrund des Umstands, dass die Ukraine vielleicht von Anfang an mit ihren Kräften und ihrem Material haushalten musste. Ihm erscheint Selenskyj deshalb als Hasardeur: als jemand, der verantwortungslos gehandelt und alles aufs Spiel gesetzt habe.

Laut DePetris hätte der ukrainische Präsident auch ohne militärtaktische Ausbildung wissen können, „dass die Verlegung erfahrenster und bestausgerüsteter Truppen in einen neuen Angriffssektor in feindliches Gebiet ein hohes Risiko negativer Auswirkungen auf andere Frontabschnitte birgt“ – zumal unter dem fehlenden Luxus unbegrenzter Truppenstärke und dem grundsätzlich anderen Menschenbild der Russen, die ob eines lohnenswert erscheinenden militärischen Ziels ihre Kräfte gnadenlos auf die Schlachtbank befehlen.

Offensichtlich verbreite die ukrainische Truppe aber weiterhin Zweckoptimismus. Sie hielten weiterhin die Stellung, hatte ein Zugführer namens „Boroda“ der New York Times gegenüber geschildert. „Der einzige Unterschied ist, dass unsere Stellungen deutlich näher an die Grenze gerückt sind.“ Demgegenüber sieht sich Russland jetzt auch wieder propagandistisch am Drücker, wie die russische Nachrichtenagentur Tass aktuell durch den stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrats wissen lässt: „Die ukrainischen Soldaten in der Region Kursk würden rücksichtslos vernichtet, wenn sie sich weigerten, ihre Waffen niederzulegen“, sagte Dmitri Medwedew via seines Telegram-Kanals.

Russlands Rhetorik in alter Schärfe: „Systematisch und gnadenlos eliminiert“ würde, wer sich nicht ergebe

„Systematisch und gnadenlos eliminiert“ würde, wer sich nicht ergebe. Wer dagegen die Waffen niederlege, dem werde Leben und angemessene Behandlung garantiert. Inwieweit das Kiewer Regime gedenke, mit dem Leben seiner Soldaten umzugehen, würden die nächsten Stunden entscheiden, so Medwedew. Russland pflegt also die gleiche Rhetorik wie vor dem Überfall, von Demut ob der eigenen territorialen Verletzlichkeit keine Spur. Wolodymyr Selenskyj wird keinen Quadratmeter Boden, den er jetzt noch hält, als Erfolg verbuchen können; im Gegenteil wird Russland die zurückgedrängten ukrainischen Truppen als Beweis der eigenen militärischen Überlegenheit betrachten müssen – und das ukrainische Volk wird weiter leiden, vielleicht noch stärker als bisher.

Für den Autoren Daniel R. DePetris hat Selenskyj viel gewagt und alles verloren, was er mit einer Anekdote an den 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten zu belegen versucht: „Ronald Reagan hatte während seines erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampfes 1980 einen klugen Spruch parat: ,Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren?‘ Ukrainische Politiker werden sich nun mit einer Variante dieser Frage auseinandersetzen: Geht es der Ukraine besser als vor August 2024? Die Antwort ist ein klares Nein.“

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