VonPatrick Mayerschließen
Die ukrainische Armee kann im Süden offenbar einen Keil zwischen die russischen Befestigungen schlagen. Auch die Krim macht Moskau wohl erneut Sorgen.
Saporischschja – Auf Fotos von Anfang August sieht Wladimir Putin recht gezeichnet aus. Weil dem Kreml-Chef der von ihm angezettelte Ukraine-Krieg mehr und mehr zusetzt? So wie den vielen Millionen Menschen, die der Moskau-Machthaber mit dem Angriffskrieg Russlands gegen den westlichen Nachbarn ins Leid gestürzt hat?
Wie vielen seiner Landsleute, die vergeblich auf die Rückkehr von Ehemännern, Söhnen und Vätern aus der Ukraine warten? Während Kiew die Lieferung schwerer M1-Abrams-Kampfpanzer aus den USA herbeisehnt und in der Zwischenzeit wohl eine neue Super-Drohne gegen einzelne russische Panzer entwickelt hat, muss der Kreml Rückschlag um Rückschlag einstecken.
Ukraine-Offensive: Russische Armee muss bei Werbowe wohl Rückschlag hinnehmen
So kursiert unter proukrainischen Twitter-Bloggern die Meldung, dass es der ukrainischen Armee gelungen sei, südöstlich von Robotyne und südlich der Siedlung Werbowe einen Keil zwischen die russischen Befestigungsanlagen zu schlagen. Die Nachricht lässt sich nicht unabhängig verifizieren. Aber: Stimmt die Information, käme dies einem erheblichen militärischen Fortschritt an der südlichen Front gleich.
UKRAINIAN ADVANCE!! In #Robotyne update . Ukrainian forces broke Russian lines and advanced 5 km along a wide font. The are now outside Verbove and on the Eastern side of Robotyne. Source https://t.co/MqtTm48I8M pic.twitter.com/0LtvpSTlEZ
— Albir 24 🇪🇺🇪🇸🇺🇦 (@albir2024) August 1, 2023
Denn: Just dort war die ukrainische Offensive zuletzt auf einem etwa fünf Kilometer breiten Abschnitt zwischen Robotyne und Werbowe südlich der Kleinstadt Orichiw (etwa 15.000 Einwohner) zum Stehen gekommen. Wie jetzt unter anderem der viel zitierte Twitter-Account „Albir 24“ berichtet, der offensichtlich besten Zugang zu Bildmaterial der ukrainischen Streitkräfte hat, gelang es den Ukrainern angeblich, stellenweise vorzurücken. „Sie rückten fünf Kilometer vor“, heißt es in dem Tweet. Damit nicht genug: Angeblich konnten die Flanken des Keils gesichert werden.
Ukraine-Offensive: Russische Armee befestigte Tokmak und Berdjansk im Süden
Das wäre insofern gewaltig, als dass die Truppen Kiews im Süden laut New York Times (NYT) in den ersten Wochen der Offensive insgesamt gerade mal acht Kilometer vorstoßen konnten, statt der anvisierten 100 Kilometer nach Berdjansk (etwa 115.000 Einwohner), das von Russland zuletzt befestigt wurde, und Melitopol am Asowschen Meer. Die Kleinstadt Tokmak (vormals 33.000 Einwohner), die einer russischen Festung gleicht, gerät somit Schritt für Schritt in Schlagdistanz der ukrainischen Einheiten. Diese hätten, stimmt die Nachricht, die nächste Linie russischer Minenfelder und Schützengräben überwunden, nachdem sie nach Angaben des Verteidigungsministeriums schon vergangene Woche rund 2,5 Kilometer gutgemacht hatten.
Laut Bildmaterial der amerikanischen Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) und des Militärexperten Brady Africk ist Tokmak zwar erheblich mit Verteidigungslanlagen der Russen umgeben. Doch südlich davon werden laut Satelittenbildern und anderer Quellen kaum noch zusammenhängende Befestigungen registriert. Ist ein Durchbruch hier möglich?
Tokmak, das knapp 35 Kilometer südlich von Werbowe liegt, hat eine immense strategische Bedeutung für beide Seiten, da von dort aus die Regionalstraße T0401 bis ins ukrainische „Widerstandsnest“ Melitopol führt. Laut ISW-Kartenmaterial ist diese Straße von den Russen nur auf den ersten Kilometern befestigt worden. Kann der Keil zwischen Orichiw und südlich von Werbowe gehalten werden, könnten die Ukrainer ihre Artillerie durch die geräumten Minenfelder hindurch nach vorne verschieben und diese wichtige Straße ins Visier nehmen. Soweit die Theorie.
Ukraine-Offensive: Brücke von Tschonhar zur Krim wieder bombardiert?
Bezeichnend: Am Dienstag (1. August) hatte das britische Verteidigungsministerium in seinem täglichen Update mitgeteilt, dass „zu den allgemeinen Problemen der russischen Kommandeure im Süden knappe Bestände an Artilleriemunition, ein Mangel an Reserven und Probleme bei der Sicherung der Flanken der verteidigenden Einheiten gehören“ dürften. Die 58. russische Armee habe südlich von Orichiw höchstwahrscheinlich mit Kampfmüdigkeit und Abnutzung in vorgeschobenen Regimentern zu kämpfen, die sich seit mehr als acht Wochen in intensiven Gefechten befänden, hieß es aus London weiter.
Besagte 58. Armee sowie Teile der hier stationierten 68. Armee sollen, darin sind sich viele Militärexperten einig, zwischen Orichiw, Tokmak und Melitopol von der übrigen russischen Streitkraft abgeschnitten oder auf die Krim zurückgeschlagen werden. Der erste Rückzugsweg wäre die Brücke bei Tschonhar. Doch auch hier soll Russland in den vergangenen Tagen angeblich einen empfindlichen Schlag kassiert haben.
⚡️Damage to Chongar railroad bridge after a Ukrainian strike.
— War Monitor (@WarMonitors) July 31, 2023
This is one of the bridges that connects mainland Ukraine to Crimea. pic.twitter.com/5vsHlfRYoF
Ukraine-Offensive: Druck auf russische Truppen auf der Krim immer größer
So wird bei Twitter beharrlich die Nachricht verbreitet, die dazugehörige Eisenbahnbrücke bei Sywasch sei von mindestens einem Marschflugkörper Storm Shadow oder SCALP-E getroffen worden. Ein ebenfalls verbreitetes Foto, das die angeblich zerstörten Eisenbahnschienen zeigen soll, lässt sich nicht unabhängig verifizieren. Zu der Meldung gibt es weder eine Reaktion aus Kiew noch aus Moskau. Bereits im Juni wurde die parallel verlaufende Autobrücke von Tschonhar - eine wichtige Krim-Versorgungsroute der russischen Armee - mutmaßlich von einer Storm-Shadow-Rakete getroffen. (pm)
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