Erneuter Fehlschlag: Russlands moderne Interkontinental-Rakete RS-28 Sarmat ist offenbar kurz nach dem jüngsten Test explodiert. Moskau versucht diesen Rückschlag scheinbar zu vertuschen und die Explosion einem Drohnen-Angriff der Ukraine zuzuschreiben.
„Drei Minuten, 20 Sekunden bis Straßburg“: Sprecher der Duma warnt die EU mit einer Nuklear-Rakete, die noch nicht erfüllt hat, was Putin von ihr verlangt.
Plessezk – „Es ist eine sehr problematische Rakete“, sagt Oleksandr Kovalenko. Der Analyst der Information Resistance Group der Ukraine bezeichnete bereits im März gegenüber dem Medium RBC Ukraine die Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat (zu Deutsch: Satan) als unzuverlässig und gefährlich. Jetzt soll sie Wladimir Putin quasi um die Ohren geflogen sein. Nicht nur, dass der neuerliche Test von Putins Atomwaffen wiederum ein Fehlschlag war – seine Propaganda versuchte auch die Schuld der Ukraine in die Schuhe zu schieben. Erfolglos.
Explosion auf Weltraumbahnhof: Russland verliert offenbar eine RS-28 Sarmat Interkontinentalrakete
Der Test sei jedoch katastrophal schiefgegangen und hätte zu einer gewaltigen Explosion geführt, die an der Stelle der ehemaligen Startrampe nichts außer einem Krater hinterlassen hätte, wie das Magazin schreibt. Russische Nachrichtenagenturen hätten die Explosion als erneuten Erfolg der Ukraine zu verkaufen versucht, schreibt Defense Express – demnach wäre ein weiteres Munitionsdepot Russlands mittels Drohnen zerstört worden und damit „eine wichtige Versorgungsquelle für die russische Invasionsarmee und Berichten zufolge eine der Lagerstätten für Artilleriegeschosse aus Nordkorea“, wie das Magazin schreibt.
„Wenn das passiert, wird Russland mit härteren Waffen reagieren. Niemand sollte sich darüber Illusionen machen. Die Staatsduma besteht darauf. Die Maßnahmen des Europäischen Parlaments führen uns in Richtung eines Weltkriegs mit Atomwaffen.“
„Kommt nur alle 50 Jahre vor“: Satellitenbilder fangen Raketen-Explosion in Russland ein
Allerdings verdichteten sich dann aufgrund von Satellitenbildern die Hinweise auf einen fehlgeschlagenen Raketentest – ein äußerst seltenes Ereignis, das eigentlich nur alle 50 Jahre vorkommen sollte, wie Defense Express behauptet. Der letzte vergleichbare Vorfall sei die Explosion während des ersten Teststarts der sowjetischen Interkontinentalrakete R-16 gewesen; im Oktober 1960 auf dem Kosmodrom Baikonur.
Im Westen kennt man die Sarmat-Rakete unter dem Namen „Satan“
Die Sarmat-Rakete ist im Westen auch unter dem Namen Satan bekannt und soll die verbliebenen russischen Interkontinentalraketen RS-20 beziehungsweise RS-SS-18 Satan ersetzen, womit Russland seine Nuklearstreitkräfte sukzessive modernisieren wolle, wie Timothy Wright berichtet. Der Thinktank International Institute for Strategic Studies (IISS) schätzt, dass Russland über ungefähr 40 silobasierte SS-18 verfügt – genau wie diese soll, laut dem IISS-Analysten, auch der Nachfolger jeweils bis zu zehn unabhängig zielbare Wiedereintrittsraketen tragen. Optimisten gehen aus von bis zu 15 inkludierten Atomsprengköpfen.
Die Waffe wird getrennt von jeweils anderen Unternehmen konstruiert und produziert, wie Wright berichtet. Dadurch sollen Konstruktionsfehler früher erkannt werden können – was offenbar fehlschlägt. Das IISS berichtet von zwei Tests der Sarmat aus 2021, die jeweils abgesagt wurden. Wright führt dafür mehrere Ursachen an, „darunter fehlgeschlagene Festigkeitstests der Rakete, Probleme mit dem Triebwerk der ersten Stufe beziehungsweise Schwierigkeiten bei der Ausstattung des Testgeländes des Kosmodroms Plessezk für Teststarts und Produktionsverzögerungen aufgrund erheblicher Personalveränderungen im Raketenwerk Krasmasch.“
Allerdings sei das Sarmat-Programm lediglich der Spiegel der gesamten kriselnden russischen Industrie, behauptet Maxim Starchak. 2018 hätte die RS-28 der Truppe schon zur Verfügung stehen sollen. Wie der Analyst der in Washington D.C. ansässigen Carnegie-Stiftung im Oktober vergangenen Jahres geschrieben hat, ließe das aber noch auf sich warten. Wie Präsident Wladimir Putin gesagt haben soll, könne die Massenproduktion aber jetzt beginnen und der Betrieb der russischen Super-Waffe aufgenommen werden. Weit gefehlt.
Rakete dient zur nuklearen Abschreckung
Laut Starchak hatte das Vorgänger-Modell SS-18 von Mitte 1990er-Jahre an in Kraft sowie Größe Maßstäbe gesetzt und die gegenseitige nukleare Abschreckung zwischen den Blöcken bestimmt – als problematisch erwies sich im Nachhinein lediglich, dass dieses Programm in der Ukraine gefertigt worden war, wie Starchak ausführt. Russland hatte sich dann dazu entschlossen, die SS-18 zu überholen, um deren Nutzungsdauer zu verlängern; was durch die wachsenden Spannungen mit der Ukraine und mit der Annexion der Krim 2014 unmöglich wurde.
Kurz vorher war aber die Nachfolge mit der RS-28 beschlossen worden und erste Tests für 2015 geplant, aber dann auch schon wieder auf 2017 verschoben worden. Mitte 2023 hatte Juri Borissow dann Vollzug gemeldet: Die Sarmat solle sich im aktiven Dienst befinden, verkündete der Chef der russischen Weltraumorganisation Roskosmos. Anfang Oktober 2023 korrigierte ihn Wladimir Putin: Obwohl das Modell alle notwendigen Tests erfolgreich absolviert hätte, seien noch einige administrative Vorgänge abzuschließen, bevor die Serienproduktion starten und die Rakete an die Truppe übergeben werden könne. Putin versprach, das werde in nächster Zukunft geschehen sein, wie Starchak berichtet.
„Wenn die SS-X-29 alle aktuellen SS-18 ersetzt, wird sie in insgesamt 46 Silos der drei Regimenter auf dem Dombarovsky-Raketenfeld und der vier Regimenter auf dem Uschur-Raketenfeld – sechs Regimenter mit sechs Raketen und ein Regiment mit zehn Raketen – installiert. Es sieht so aus, als ob das erste Regiment, das Sarmat erhält, das 302. Raketenregiment sein könnte“, schrieben die Wissenschaftler. Auch das scheint noch erfolgen zu müssen.
Anfang vergangenen Jahres hatte Defense Express sogar den Erfolg der beiden verbrüderten Nationen Russland und Nordkorea in Bezug auf die Tests von Interkontinental-Raketen verglichen – Nordkorea habe demnach fünf Tests seiner interkontinentalen Modelle Hwasong-15 sowie Hwasong-17-Raketen erfolgreich absolviert. Russland hatte demnach zu dem Zeitpunkt lediglich zwei Tests absolviert Möglicherweise habe Nordkorea auch bereits bis zu einem Dutzend ihrer am weitesten entwickelten Hwasong-17-Rakete in der Truppe integriert und würde damit im Vergleich zu Russland die weit größere Bedrohung der USA darstellen.
Carnegie-Analyst Starchak manifestiert diese Vermutung mit der Zahl an Starts von Interkontinental-Raketen durch Russland – die sei über die vergangenen Jahre hinweg sogar stark gesunken: Zischen 2013 und 2017 hätte die Russische Föderation noch bis zu zehn Tests realisiert, schreibt er; zwischen 2018 und 2022 habe sich die Zahl mindestens halbiert. Für ihn deutet das darauf hin, dass Präsident Putin den Fokus vom allgemeinen Ausbau seiner nuklearen Abschreckung umlenkt zu einer Stabilisierung der Flugeigenschaften vor allem der Sarmat-Rakete.
In drei Minuten bis Straßburg: Russland droht dem Westen mit Atomkrieg
Aktuell wird das untermauert von einer erneuten Drohung aus Moskau, wie die Kiew Post berichtet. Aufgrund der Forderung des Europäischen Parlaments, die Beschränkungen für den Einsatz von Langstreckenwaffen durch die Ukraine gegen russisches Territorium aufzuheben, soll ein Duma-Abgeordneter prompt heftig gen Westen gegeifert haben, wie die Post schreibt: Demnach habe Wjatscheslaw Wolodin die westlichen Regierungen aktuell gewarnt, dass ein Atomkrieg drohe, wenn sie Kiew erlaubten, mit aus dem Westen gelieferten Langstreckenwaffen Ziele tief im Inneren Russlands anzugreifen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
„Wenn das passiert, wird Russland mit härteren Waffen reagieren. Niemand sollte sich darüber Illusionen machen. Die Staatsduma besteht darauf“, soll er auf seinem Telegram-Kanal behauptet haben; und legte nach: „Die Maßnahmen des Europäischen Parlaments führen uns in Richtung eines Weltkriegs mit Atomwaffen.“ Für den Sprecher des Unterhauses des russischen Parlaments und Mitglied von Putins Sicherheitsrat spielt Russlands Vorzeige-Waffe dafür eine entscheidende Rolle – er will das Europäische Parlament an einem seiner Sitze direkt attackieren, wie er schrieb.
„Sarmat wird Straßburg in nur drei Minuten und 20 Sekunden erreichen.“