Streit um Gazastreifen: Netanjahu-Sohn keilt gegen Armeechef
VonErkan Pehlivan
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Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will den Gazastreifen vollständig besetzen. Die Armeeführung sieht darin Gefahren, vor allem für die israelischen Geiseln.
Hintergrund: Netanjahu drängt wohl trotz der Einwände seines Militärchefs auf eine vollständige Einnahme des Gazastreifen. Mit Generalstabschef Eyal Zamir soll es deswegen zu einem heftigen Streit gekommen sein. Er habe Netanjahu vorgeworfen, die Einnahme von ganz Gaza werde zu einer „Falle“ für die israelische Armee und gefährde obendrein die Geiseln, die noch immer in den Fängen der Hamas sind.
Netanjahus Sohn schaltet sich auf X zu Streit über Gazastreifen ein
In die Auseinandersetzung eingeschaltet hat sich nun Netanjahus Sohn Yair Natanjahu. Auf X schrieb dieser in einem Kommentar, die Haltung des Militärchefs zu Gaza gleiche „einer Rebellion und einem versuchten Militärputsch“ wie in einer „Bananenrepublik im Mittelamerika der 70er-Jahre“ und sei „absolut kriminell“.
Armeechef Zamir habe die Anschuldigungen von Yair Netanjahu in einem Gespräch mit dem Regierungschef harsch zurückgewiesen, berichtet Times of Israel: „Wie sieht das denn aus? Warum greifen Sie mich an? Warum sprechen Sie mitten im Krieg gegen mich?“
Benjamin Netanjahu habe laut dem Bericht entgegnet: „Drohen Sie in den Medien nicht ständig mit Rücktritt. Ich kann nicht akzeptieren, dass Sie jedes Mal drohen zu gehen, wenn wir Ihren Plan nicht annehmen. Mein Sohn ist 33, er ist ein erwachsener Mann.“
Laut mehreren israelischen Medien habe Zamir einen alternativen Besatzungsplan vorgelegt. Statt einer kompletten Besetzung des Gazastreifens sehe dieser eine schrittweise Einkesselung von Gaza-Stadt und anderen Städten vor. Netanjahu habe allerdings auf einer Besetzung des ganzen Gazastreifens bestanden und von seinem Armeechef Nachbesserungen seiner Pläne gefordert. Derzeit kontrolliert die israelische Armee laut eigenen Angaben rund 75 Prozent des Gazastreifens.
Armee sieht Komplett-Besatzung von Gazastreifen derzeit kritisch
Das israelische Militär hatte sich schon in der Vergangenheit gegen eine Komplett-Besatzung des Gazastreifens ausgesprochen. Die Beseitigung sämtlicher Tunnel und Bunker der Hamas könne Jahre dauern, beschrieb Times of Israel die Bedenken der Armeeführung. Der israelische Militär befürchtet zudem, dass israelische Geiseln getötet werden könnten, sollten israelische Truppen den Orten ihrer Gefangenschaft zu nahe kommen.
Netanjahu scheint sich aber von seinen Plänen nicht abbringen zu lassen. „Es wird Militäreinsätze auch in Gebieten geben, in denen Geiseln festgehalten werden“, zitierte Ynet News einen Offiziellen. „Wenn der Generalstabschef (Eyal Zamir) damit nicht einverstanden ist, dann soll er zurücktreten.“
Rechtsextreme Minister fordern auch Besiedlung von Gazastreifen
Eine vollständige Einnahme des Gazastreifens fordern vor allem rechtsextreme israelische Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich. „Um sicherzustellen, dass der gesamte Gazastreifen besetzt wird, muss die Souveränität im gesamten Gazastreifen erklärt, jeder Hamas-Anhänger entfernt und die freiwillige Einwanderung gefördert werden. Nur so werden wir die Entführten freilassen und den Krieg gewinnen“, sagte Ben Gvir jüngst vor dem muslimischen Tempeldom in Jerusalem.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
UN spricht von Hungersnot in Gaza – Trump will Palästinenser umsiedeln
Das Leben für die über zwei Millionen Menschen im Gazastreifen wird zunehmend unmöglich. Israel lässt nur einen Bruchteil der benötigten Lebensmittelhilfen für die eingeschlossenen Menschen in dem Küstenstreifen durch. Die UN schlägt Alarm und spricht von einer Hungersnot im Gazastreifen.
US-Präsident Donald Trump hatte im Februar 2025 die Idee aufgeworfen, die Palästinenser in arabische Staaten „umzusiedeln“ und aus dem Gazastreifen eine „Riviera des Nahen Ostens“ zu machen. Allerdings sehen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International in solchen Zwangsumsiedlungen eine ethnische Säuberung, was ein Kriegsverbrechen darstellen würde. (erpe/dpa)