VonLars Pollmannschließen
Der BVB-Kader im Check – Wer überzeugt, wer enttäuscht und welche Weichen für die Zukunft der Schwarzgelben gestellt werden. Teil drei: Das Mittelfeld.
Dortmund – Mit einem Finale Furioso ist Borussia Dortmund in der Bundesliga doch noch auf einem Champions-League-Platz gelandet. Die FIFA Klub-WM im Sommer kann der BVB nun unbeschwert angehen.
Vor dem Trainingsauftakt Anfang Juni bleibt die Zeit für den Blick zurück, aber auch nach vorn. Absolut Fussball, das Fußball-Portal von Home of Sports, betrachtet in einer Serie über die kommenden Tage die vier Mannschaftsteile, verteilt ein Zeugnis und gibt einen Ausblick auf mögliche Veränderungen in der Kaderplanung.
Den Auftakt machten die Torhüter des BVB, dann waren die Dortmunder Abwehrspieler dran. Nun gilt der Blick dem Mittelfeld.
Julian Brandt war lange das Krisengesicht der BVB-Mannschaft
Nach den Abschieden von Mats Hummels und Marco Reus sollte Julian Brandt in eine Führungsrolle wachsen. Der BVB gab ihm die Rückennummer 10, machte den Spielmacher zum Vizekapitän. Lange schien Brandt mit dieser Verantwortung eher überfordert als beflügelt. Der sensible Norddeutsche hatte auch an der teils sehr harten Kritik von außen zu knabbern.
Über Monate galt Brandt als das Krisengesicht in der Mannschaft von Dortmund. Spät hat er die Kurve bekommen, seine Statistiken lesen sich letztlich mehr als ordentlich: 15 Scorerpunkte in der Bundesliga, fünf in der Champions League. Seine Saison hinterlässt dennoch einen gemischten Eindruck.
Das Zeugnis für Julian Brandt in einem Satz: Mit Führungsaufgaben machte man Julian Brandt keinen Gefallen, dessen Leistung stimmte, als es mit der Mannschaft aufwärts ging. Note: 3,5
Emre Can hat beim BVB eine neue Perspektive erhalten
Einen Großteil seiner Einsätze absolvierte Emre Can in der Innenverteidigung, wo sein Tempo und seine Aggressivität im Zweikampf zur Geltung kommen und der Einfluss auf den Spielaufbau leichter begrenzt werden kann. Offiziell führt der BVB den Kapitän aber noch als Mittelfeldmann.
Der Wandel von Can ist durchaus bemerkenswert: Lange Zeit schieden sich an ihm die Geister, nach der Versetzung in die Abwehr war er einer der stabilsten Profis von Dortmund. Gerade das Zusammenspiel mit Nico Schlotterbeck funktionierte, Ausreißer nach unten (Platzverweis gegen Mainz) wurden selten. Zudem stellte sich Can mit erheblichen Adduktorenproblemen über Wochen unter Schmerzen in den Dienst der Kollegen.
Das Zeugnis für Emre Can in einem Satz: Die Versetzung des Kapitäns in die Abwehr hat dem lange umstrittenen Emre Can in Dortmund vielleicht eine ganz neue Perspektive gegeben. Note: 3,0
Carney Chukwuemeka droht, zum „was wäre, wenn ...“-Profi zu werden
Mit der Leihe von Carney Chukwuemeka vom FC Chelsea reagierte der BVB im Winter unter anderem auf einen längeren Ausfall von Felix Nmecha. Allerdings wurde schnell klar, dass der Engländer selbst nicht seriös eingeplant werden konnte. Wegen ständig neuer Probleme absolvierte der 21-Jährige nur 13 zumeist kurze Einsätze für Dortmund.
Besonders ärgerlich: Das Talent quoll ihm dabei jederzeit nur so aus den Poren. Dass in Chukwuemeka ein herausragender Fußballer steckt, ist völlig offensichtlich. Wenigstens machte er sein bestes Spiel beim Sieg in Freiburg, der für Platz vier letztlich entscheidenden Charakter haben sollte.
Das Zeugnis für Carney Chukwuemeka in einem Satz: Die Leihe von Carney Chukwuemeka hat sich für den BVB nicht gerechnet, war wegen seines herausragenden Talents aber das Risiko wert. Note: 4,0
Pascal Groß war eine gelungene BVB-Ausnahme
Mit der Verpflichtung von Pascal Groß verstieß der BVB gegen so manches selbstauferlegtes Prinzip auf dem Transfermarkt. Der 33-Jährige musste sofort funktionieren, um den Deal zu rechtfertigen. Jedoch brauchte er trotz seiner Erfahrung einen Anlauf.
Dazu trug die Flexibilität von Groß im negativen Sinne bei, weil er unter Nuri Şahin in der Aufstellung hin- und hergeschoben wurde. Unter Niko Kovač bekam der Nationalspieler einen festen Platz und war nicht mehr wegzudenken. Am Ende stehen starke 16 Scorerpunkte zu Buche. Sein Einfluss in der Kabine stand ohnehin nie im Zweifel.
Das Zeugnis für Pascal Groß in einem Satz: Die Anlaufzeit von Pascal Groß beim BVB war länger, als sie bei einem 33-Jährigen sein sollte – dann aber war er einer der großen Kovač-Gewinner. Note: 2,5
Felix Nmecha hat beim BVB einen großen Schritt gemacht
Dass man Neuzugänge beim BVB nicht zu früh bewerten sollte, beweist das Beispiel Felix Nmecha: Er galt im Vorjahr schon als Fehleinkauf, war aber in der Hinrunde als Sechser einer der wenigen beständigen Borussen. Nur eine längere Verletzungspause zwischen Ende Januar und Anfang April hat den Aufstieg zum absoluten Leistungsträger eingebremst.
Nach dem Comeback rang Nmecha etwas mit der Form, schoss er aber auch wichtige Tore gegen Gladbach und Kiel. Der 24-Jährige, der auch das DFB-Comeback geschafft hat, ist ein Spieler, der zum Fundament der nächsten Jahre gehören sollte.
Das Zeugnis für Felix Nmecha in einem Satz: Mit Eleganz und Dynamik hat Felix Nmecha beim BVB als Sechser einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht und kratzt an der internationalen Klasse. Note: 2,5
Salih Özcan kehrte im Winter überraschend zum BVB zurück
Als Nmecha zum Ende der Winter-Transferperiode ausfiel, holte der BVB kurzerhand Salih Özcan von einer bis dahin kaum zufriedenstellenden Leihe an den VfL Wolfsburg zurück. Der türkische Nationalspieler machte insgesamt 14 größtenteils unauffällige Spiele.
Auch die haben gezeigt: Bei allem Einsatz und einer guten Einstellung zum Trotz reicht es bei Özcan qualitativ nicht für eine echte Rolle beim BVB.
Das Zeugnis für Salih Özcan in einem Satz: Der BVB holte Salih Özcan im Winter zurück, um den Kader aufzufüllen – nicht mehr und nicht weniger. Note: 4,0
Giovanni Reyna hat eine verlorene Saison beim BVB hinter sich
Gemessen am puren fußballerischen Talent müsste Giovanni Reyna längst ein absoluter Star der Bundesliga sein. Dass es dazu auch in der abgelaufenen Saison nicht gereicht hat, lässt sich nicht mehr nur mit dem Hinweis auf Verletzungspech wegdiskutieren.
Reyna stand in 37 Pflichtspielen im Kader, genau so oft wie Karim Adeyemi, Nmecha und Nico Schlotterbeck, sammelte aber deutlich weniger Minuten als zum Beispiel Winter-Leihe Daniel Svensson. Der US-Amerikaner muss als ein großer Verlierer der BVB-Saison gelten.
Das Zeugnis für Giovanni Reyna in einem Satz: Als einstiges Ausnahmetalent des BVB legte Giovanni Reyna eine völlig nichtssagende Saison hin. Note: 5,0
Marcel Sabitzer hatte Probleme mit BVB-Trainer Nuri Şahin
Die Saison von Marcel Sabitzer begann mit einer Kontroverse: Der Österreicher meckerte über seine Position auf dem Flügel unter Şahin. Letztlich ging es für den 31-Jährigen doch wieder ins Zentrum, dort konnte er nicht an die guten Leistungen gerade aus der Champions League 2023/24 anknüpfen.
Ein Innenbandriss stoppte ein kurzes Formhoch unter Neu-Trainer Kovač, erst im Saisonfinale kehrte Sabitzer zurück. Bezeichnend: Sein Treffer gegen Kiel war das erste Saisontor für den Nationalspieler, viel zu wenig für einen so gestandenen Profi mit beachtlicher Vita.
Das Zeugnis für Marcel Sabitzer in einem Satz: Marcel Sabitzer sorgte beim BVB diese Saison mehr für Unruhe, als dass seine Leistungen für Aufsehen gesorgt hätten. Note: 4,5
Kjell Wätjen
Nach beachtlichen ersten Schritten in der Vorsaison sollte Kjell Wätjen die Zukunft in Dortmund gehören. Die Tatsachen sahen anders aus: Ganze 15 Minuten sammelte das Mittelfeld-Talent bei den Profis, unter Kovač war er überhaupt nicht dabei. Immerhin schoss Wätjen fünf Tore in 20 Spielen für die zweite Mannschaft des BVB in der 3. Liga, deren Abstieg er allerdings nicht verhindern konnte.
Kein Zeugnis
Welche Kaderfragen muss der BVB im Mittelfeld beantworten?
Mit Ausnahme von Chukwuemeka stehen alle Mittelfeldspieler beim BVB über den Sommer hinaus unter Vertrag. Die Kaufoption für den Engländer wird Dortmund nicht ziehen. Wegen seiner Verletzungsanfälligkeit ist der Klub auch von der Idee abgerückt, mit dem FC Chelsea ein erneutes Leihgeschäft einzugehen. Ob sich das nochmal ändert? Aktuell ist ein Kurzzeit-Vertrag für die FIFA Klub-WM im Gespräch.
Klar ist: Der BVB hat im Zentrum großen Transferbedarf ausgemacht. Es sollen ein dynamischer Achter und ein Kreativspieler für die Zehner-Position kommen. Die Namen an der Spitze der Wunschliste sind bekannt: Jobe Bellingham vom AFC Sunderland und Rayan Cherki von Olympique Lyon.
Beide Jungstars sind allerdings teuer und auch anderswo heiß begehrt. Bellingham weilte mit seinen Eltern am Montag in Frankfurt, um sich die Gegebenheiten bei der Eintracht anzuschauen. Bei Cherki wächst in Dortmund der Verdacht, Lyon-Boss John Textor wolle einen Wechsel zum BVB verhindern, nachdem es Misstöne bei einem gescheiterten Deal im Winter-Transferfenster gab.
Bis auf Nmecha ist im BVB-Mittelfeld wenig klar
Nach aktuellem Stand ist durchaus möglich, dass beide Transfers scheitern. Wie Dortmund dann reagiert, welche anderen Namen intern hochbewertet werden, ist derzeit unklar. Das Interesse an Enzo Millot vom VfB Stuttgart ist nach dem Aus von Kaderplaner Sven Mislintat, der zuvor Sportdirektor beim neuen DFB-Pokalsieger war, offenbar erkaltet. Den Franzosen zieht es wohl ohnehin zu Paris Saint-Germain.
Auf Abgangsseite sollte sich einiges tun: Reyna bekommt keine Steine in den Weg gelegt, auch Özcan möchte der BVB gerne von der Gehaltsliste bekommen. Sie stehen wie Brandt, Can und Groß bis 2026 unter Vertrag. Eine vorzeitige Verlängerung ist für den BVB bei keinem dieser Profis ein akutes Anliegen, weshalb auch hier Abgänge nicht komplett auszuschließen sind.
Das gilt auch für Sabitzer trotz Vertrags bis 2027, bei dem aber die Marktlage fraglich erscheint. Mithin ist die Situation nur bei Nmecha völlig klar, der Nationalspieler ist ein Fixpunkt in der Kaderplanung und soll im Idealfall künftig mit Bellingham sowie Cherki das Mittelfeld besetzen.
Bei Wätjen dürfte eine Leihe zu einem ambitionierten Zweitligisten das Ziel aller Beteiligten sein.
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