VonLars Pollmannschließen
Der BVB-Kader im Check – Wer überzeugt, wer enttäuscht und welche Weichen für die Zukunft der Schwarzgelben gestellt werden. Teil vier: Der Angriff.
Dortmund – Mit einem Finale Furioso ist Borussia Dortmund in der Bundesliga doch noch auf einem Champions-League-Platz gelandet. Die FIFA Klub-WM im Sommer kann der BVB nun unbeschwert angehen.
Vor dem Trainingsauftakt Anfang Juni bleibt die Zeit für den Blick zurück, aber auch nach vorn. Absolut Fussball, das Fußball-Portal von Home of Sports, betrachtet in einer Serie über die kommenden Tage die vier Mannschaftsteile, verteilt ein Zeugnis und gibt einen Ausblick auf mögliche Veränderungen in der Kaderplanung.
Den Auftakt machten die Torhüter des BVB, dann waren die Dortmunder Abwehrspieler dran. Nach dem schwarzgelben Mittelfeld bilden die Angreifer den Abschluss der Serie.
Karim Adeyemi stellt neue Rekorde beim BVB auf
Hinter Karim Adeyemi liegt seine zahlenmäßig stärkste BVB-Saison: 13 Scorerpunkte in der Bundesliga, sieben in der Champions League, 36 Pflichtspieleinsätze – alles Bestwerte für den 23-Jährigen, der gerade zum Saisonende aufgedreht hat. Den allerletzten Schritt vom Talent zum Leistungsträger muss Adeyemi aber noch gehen.
Auch in dieser Saison gab es zu lange Phasen, in denen der Einfluss des Angreifers gering ausfiel. Zwischen Mitte September und Anfang März etwa blieb Adeyemi ohne Tor in der Bundesliga. Die Höchststrafe durch Interimscoach Mike Tullberg, als er den gebürtigen Münchner gegen Heidenheim ein- und wieder auswechselte, bleibt in Erinnerung. Nur wenige Wochen später feierte Adeyemi aber nach zweieinhalb Jahren sein Comeback in der A-Nationalmannschaft.
Das Zeugnis für Karim Adeyemi in einem Satz: Die letzte Konstanz ging Karim Adeyemi weiter ab, der Trend zeigte aber gerade unter Niko Kovač deutlich nach oben. Note: 3,0
Maximilian Beier hatte typische Startschwierigkeiten beim BVB
Bei der Verpflichtung von Maximilian Beier nahm die Öffentlichkeit ihn als Ersatz für Niclas Füllkrug wahr. Allerdings fühlt sich Beier in der Rolle des alleinigen Mittelstürmers nicht wohl. Mit dem Rücken zum Tor kann der Jungstar seine Stärken nicht entfalten. Genauso wenig ist der EM-Teilnehmer ein klassischer Flügelspieler.
Unter Nuri Şahin musste Beier in diesen Rollen spielen und erlebte einen für BVB-Neuzugänge keineswegs untypischen schleppenden Start mit Ausreißern nach oben, etwa bei den Siegen gegen Leipzig und Wolfsburg. Unter Nachfolger Kovač kam Beier viel öfter in seiner Lieblingsposition als hängende Spitze zur Geltung und dankte es etwa mit acht Scorerpunkten in zehn Ligaspielen, ehe ihn eine Sprunggelenksverletzung stoppte.
Das Zeugnis für Maximilian Beier in einem Satz: Nach wenig überraschenden Anlaufschwierigkeiten setzte Maximilian Beier in der zweiten Saisonhälfte zum Durchbruch an. Note: 3,0
Cole Campbell spielte nur unter Nuri Şahin
US-Talent Cole Campbell sorgte in der Saisonvorbereitung für viel frischen Wind und galt als potenzieller Überraschungskandidat auf den Durchbruch beim BVB. Letztlich reichte es zu sechs Einsätzen, alle unter Şahin im Herbst. Da wurde deutlich: Campbell bringt Talent mit, ist aber noch davon entfernt, bei einem Klub wie Dortmund regelmäßige Spielanteile zu sammeln.
Kein Zeugnis
Julien Duranville muss weiter auf den Durchbruch in Dortmund warten
Auch nach zweieinhalb Jahren beim BVB ist Julien Duranville eine Unbekannte: Der quirlige Belgier bringt unverkennbar herausragende Anlagen mit, kommt aber nur sehr sporadisch zum Einsatz. In dieser Saison waren es vier Startelf-Nominierungen bei insgesamt 22 Partien. Ohne Rhythmus kann sich Duranville nicht entwickeln.
Dabei fehlte der 19-Jährige nur im Herbst einige Wochen wegen einer Verletzung – bis dato galten die als sein größtes Problem. Kurios indes: Im September wurde Duranville belgischer A-Nationalspieler, nachdem er beim BVB in anderthalb Jahren auf ganze 69 Einsatzminuten gekommen war. Das zeigt, welches Potenzial ihm in der Branche zugesprochen wird.
Das Zeugnis für Julien Duranville in einem Satz: Wie zu viele Talente beim BVB erlebte Julien Duranville ein weitgehend verlorenes Jahr. Note: 5,0
Jamie Gittens entwickelte sich gegenläufig zum BVB
Die Entwicklung von Jamie Gittens in der abgelaufenen Saison verlief gegensätzlich zum restlichen Team: In der schwachen Hinrunde war der Engländer oft der große Lichtblick und entschied Spiele im Alleingang, unter anderem zum Auftakt gegen Frankfurt oder in der Champions-League gegen Brügge. Im Jahr 2025 schwand sein Einfluss jedoch merklich.
In der Rückrunde war Gittens nur noch an einem Bundesliga-Tor beteiligt, dem Dribbler war diese Krise irgendwann auch deutlich anzumerken: Mit dem Kopf durch die Wand, das funktionierte nicht. Unter Kovač ging so folgerichtig auch der Stammplatz verloren. 17 Scorerpunkte bleiben eine gute Bilanz, müssen jedoch in den richtigen Kontext gesetzt werden.
Das Zeugnis für Jamie Gittens in einem Satz: Jamie Gittens war über Monate der größte BVB-Lichtblick, entwickelte sich dann aber zu einem der großen Sorgenkinder. Note: 3,5
Serhou Guirassy war der „MVP“ bei Borussia Dortmund
Wo hätte der BVB die Saison ohne Serhou Guirassy beendet? Das möchte sich kein Fan ausmalen. Der Guineer lieferte nach seinem Wechsel vom VfB Stuttgart nach Dortmund auf internationalem Top-Niveau ab, war in 45 Spielen an 43 Treffern beteiligt. Guirassy dürfte sogar geteilter Torschützenkönig der Champions League werden. Mit sieben Toren in den letzten sieben Spielen schoss er den BVB auch erneut in die Königsklasse.
Der 29-Jährige muss als absoluter Top-Transfer gelten und könnte sogar als „MVP“ der BVB-Saison bezeichnet werden. Der einzige kleine Wermutstropfen: Zu oft ließ sich Guirassy zu Schwalben hinreißen. Das hat ein so guter Stürmer gar nicht nötig.
Das Zeugnis für Serhou Guirassy in einem Satz: Wie wohl kein zweiter Spieler war Serhou Guirassy in dieser Saison über jeden Zweifel erhaben. Note: 1,5
Welche Kaderfragen muss der BVB im Angriff beantworten?
Alle genannten Spieler haben einen über das Saisonende hinausgehenden Vertrag in Dortmund. Der Klub hat also das Heft des Handelns in der Hand. Eine theoretische Ausnahme gibt es: Guirassy könnte per Ausstiegsklausel zu einem internationalen Top-Klub wechseln. Die ohnehin geringe Wahrscheinlichkeit hat durch den geglückten Einzug in die Königsklasse aber weiter abgenommen.
Deutlich realistischer ist ein Abgang von Gittens, der in England einen robusten Markt hat und die finanziellen Spielräume des BVB erweitern sollte. Allerdings dürften die schwächeren letzten Eindrücke den Preis nach unten gedrückt haben – ein womöglich teurer Minuspunkt in der Saisonbilanz von Trainer Kovač. Dessen Fokus auf ein System mit Dreierkette hat den Bedarf an reinen Außenstürmern reduziert.
Ob Gittens daher eins zu eins ersetzt werden muss, sei dahingestellt. Der BVB täte wohl eher gut daran, Duranville mehr Minuten zu verschaffen, wenn der einst immerhin 8,5 Millionen Euro teure Jungprofi nicht zum ewigen Talent verkommen soll. Ein Leihgeschäft will Dortmund bei Duranville nach jetzigem Stand nicht eingehen, um seine Entwicklung selbst steuern zu können.
BVB sucht einen Backup für Torjäger Guirassy
Mit Adeyemi, Beier und Guirassy sieht sich der BVB im vorderen Bereich in der Spitze gut aufgestellt, es fehlt jedoch etwas in der Breite. Vor allem klafft hinter Guirassy eine Lücke. Einen längerfristigen Ausfall des Mittelstürmers könnte man bei aktueller Lage kaum kompensieren.
Kein Thema werden dabei die derzeit verliehenen Sébastien Haller und Youssoufa Moukoko sein. Bei Haller deutet viel auf eine einvernehmliche Lösung hin, die ihm einen Verbleib beim FC Utrecht ermöglicht. Moukoko wird nicht bei OGC Nizza bleiben, sondern muss sich anderswo nach einer Chance umschauen, seiner Karriere wieder Schwung zu verleihen. Der BVB hofft bei diesen Personalien nicht auf hohe Ablösen, wäre schon mit Gehaltseinsparungen zufrieden.
Im Umkehrschluss soll ein neuer Backup für Guirassy kommen. Das Profil: jung, entwicklungsfähig, mit Marktwertpotenzial. Nicht zum ersten Mal schwebt der Name Ante Crnac im Umfeld des Klubs, allerdings ist der Kroate erst 2024 für elf Millionen Euro von Raków Czestochowa in Polen zu Norwich City nach England gewechselt. Seine Verpflichtung dürfte das vorgesehene Budget überschreiten.
Der ebenfalls ins Spiel gebrachte Brasilianer Luighi von Palmeiras würde das Profil indes auch nur teilweise erfüllen, da er kein reiner Mittelstürmer wie Guirassy ist, sondern eher Beier und Adeyemi ähnelt.
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