Kriegsende

80 Jahre danach: Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg droht zu verblassen

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Michael Hoffmann im Steinbruch in Ellwangen-Neunheim, Gedenkort an den Hessentaler Todesmarsch, wo mindestens 23 KZ-Häftlinge umkamen und verscharrt wurden.
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Historiker Michael Hoffmann erklärt, warum Erinnerungen an Kriege oft nur drei Generationen überdauern. Was bedeutet das für die Zukunft?

Ellwangen. Wie verändert sich 80 Jahre nach Kriegsende die Erinnerung an und den Umgang mit dem geschichtlichen Erbe des Faschismus in Deutschland? Darüber spricht Dr. Michael Hoffmann, Historiker, Gymnasiallehrer und Leiter des Kompetenzzentrums für geschichtliche Landeskunde im Unterricht (ZSL) im Interview.

Für jeden Krieg, jede schlimme Katastrophe kommt der Zeitpunkt, an dem der Schmerz, die persönliche Betroffenheit verschwindet, weil niemand mehr lebt, der diesen Schmerz am eigenen Leib erfahren hat. Stehen wir, was den Zweiten Weltkrieg und die Schrecken der NS-Diktatur betrifft, unmittelbar vor diesem Moment?
Michael Hoffmann: Vermutlich wird es nicht so sein, dass es einen „Moment“ gibt, bei dem der Schalter von „Schmerz“ zu „Schmerzfrei“ umgelegt wird, aber natürlich lassen zeitliche Distanz und das biologische Ende der Zeitzeugengeneration die kollektive Erinnerung verblassen. Diese kann dann, wie Aleida Assmann schreibt, in ein kulturelles Gedächtnis übergehen. Dieses ist dann aber durch Gedenktage, Symbole oder Codes geprägt, die stärker auf der kognitiven Ebene ansetzen – und natürlich durch die Geschichtsschreibung, die rationalen Methoden verpflichtet ist.

Michael Hoffmann im Steinbruch in Ellwangen-Neunheim, Gedenkort an den Hessentaler Todesmarsch, wo mindestens 23 KZ-Häftlinge umkamen und verscharrt wurden.

Welche Erkenntnisse hat die Geschichtsschreibung dazu? Wie veränderte sich beispielsweise die Erinnerung an die napoleonischen Kriege, die in unserer Region ebenfalls Tod und Vernichtung brachten?
Hoffmann: Grundsätzlich kann man von einer Drei-Generationen-Regel ausgehen, das heißt, solange der Opa dem Enkel noch erzählen kann, wird die Erfahrung, auch und gerade die emotionale, weitertradiert. Danach findet entweder eine kulturelle Konstruktion statt – oder eben das Vergessen.

Bestes Beispiel dafür ist das Gedenken an die napoleonischen Kriege. Während die Erinnerungen der wenigen von Napoleons Russlandfeldzug zurückgekehrten Württemberger, darunter der aus Rosenberg stammende spätere Ellwanger Stadtrat Jakob Walter, nur noch familiär weitererzählt wurden und nach dem Tod der Beteiligten im Grunde abbrachen, wurde das Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig 1813, wo deutsche Truppen gegen Napoleon kämpften, ab 1863 gepflegt. Höhepunkt war dann das große Völkerschlachtdenkmal von 1913, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs in der Hochphase der deutsch-französischen Feindschaft. Auch in Ellwangen wurde vor dem Ersten Weltkrieg am 18. Oktober., dem Tag der Schlacht, immer wieder an den Sieg über Frankreich erinnert. Hier haben also bestimmte politische Gruppen die Erinnerung gezielt instrumentalisiert, obwohl die Veteranen schon mehr als 70 Jahre tot waren.

Der Zweite Weltkrieg und die NS-Diktatur sind einmalig bezüglich der Zahl der Todesopfer, des Umfangs an Zerstörung und auch bezüglich des Holocausts, der systematischen Ermordung der europäischen Juden. Sind diese mehrfache Einmaligkeit ein Schutz vor dem Vergessen oder dem Verfälschen?
Hoffmann: Diese Einmaligkeit ist sicherlich eine hohe Barriere gegen das Vergessen, zumindest im europäischen Kulturraum, zu dem ich auch Israel zähle. Dazu trägt auch eine öffentliche Erinnerungskultur und eine feste Verankerung im Schulunterricht bei, nicht nur in Deutschland.

Weniger erinnert wird leider die Tatsache, dass ein naiver Pazifismus der Siegermächte des Ersten Weltkriegs in den 1930-er Jahren dem Diktator Hitler und seinen Plänen freie Bahn gegeben hat, der 8. Mai 1945 ist also nicht ohne das Münchner Abkommen von 1938 zu erklären.

Wiederum anders sieht es in Staaten wie Indien aus, die von der Schwäche der Kolonialmächte nach 1945 profitiert haben und zumindest das Kriegsgeschehen nicht negativ im Hinblick auf die eigene Staatsgründung bewerten. Es gibt also sicherlich Räume auf der Welt, auch auf anderen Kontinenten, wo die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zunehmend überlagert und vergessen werden wird. Gegen das Verfälschen stellt die Einmaligkeit überhaupt keinen Schutz dar, im Gegenteil, sie lädt in bestimmten Kreisen offensichtlich stets zu neuer Relativierung oder Revisionismus ein. Die Dynamik, die hierbei in der Kombination aus sozialen Medien und generativer KI besteht, ist kaum zu unterschätzen.

Wer oder was entscheidet darüber, welche Erinnerung oder welche Interpretation am Ende „Geschichte“ wird und im Schulbuch steht?
Hoffmann: Das hängt ganz von der Staatsform ab. In China und Russland wurde in den letzten Jahren eine vorhandene Auswahl an Schulbüchern beseitigt und ein von den Behörden inhaltlich gesteuertes Einheitsschulbuch eingeführt. Die mir bekannten und übersetzten Auszüge erzählen dabei  - wenig überraschend  - die Geschichte von der nationalen oder imperialen Wiedergeburt unter den Anführern Putin oder Xi Jinping.

In liberalen Demokratien wirken hier Politik, Verlage, Wissenschaft und Didaktik zusammen. So sind die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte zum Zweiten Weltkrieg als „Vernichtungskrieg“ in den Bildungsplan eingeflossen und werden in jedem zugelassenen Schulbuch explizit thematisiert. Ebenso fand der allgemeine Trend zur Globalgeschichte auch Niederschlag im aktuellen Bildungsplan in Baden-Württemberg, das heißt, es werden Räume und deren Vernetzung thematisiert, was so in diesem Maße zuvor nicht der Fall war.

Dabei ist aber zu beachten, dass der Geschichtsunterricht eigentlich keine komplett normierte Interpretation von Geschichte vorgeben soll, sondern durch das zur Verfügung gestellte Quellenmaterial eigene Deutungen der Schülerinnen und Schüler ermöglicht werden, natürlich im Rahmen gewisser Grenzen und unter steter Beachtung des Beutelsbacher Konsenses und des Veto-Rechts der Quellen.

Wie interessiert erleben Sie die Schülerinnen und Schüler heute, wenn es um die NS-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg geht: Wird die Jugend von den Ereignissen vor 80 Jahren wirklich berührt?
Hoffmann: Ich erlebe die Schülerinnen und Schüler grundsätzlich als sehr interessiert an diesem Thema, mehr noch als vielleicht vor 20 Jahren. Zugenommen haben aber auch bisweilen krude Vorstellungen über den Nationalsozialismus, die wohl aus Computerspielen oder Ähnlichem resultieren und die dann im Unterricht aufgebrochen werden müssen. Dabei hilft oft der Blick auf Einzelschicksale vor Ort, man denke an das des letzten jüdischen Schülers des Peutinger Gymnasiums Erich Levi oder an Max Reeb, dessen Protest schließlich zu seiner Verhaftung und Ermordung führte. An ihnen lässt sich einerseits exemplarisch der Charakter des NS als Zustimmungsdiktatur (Frank Bajohr) zeigen, andererseits ermöglichen sie aber auch eine aus der Erkenntnis heraus entwickelte Empathie. Und ja, unter diesen Umständen erlebe ich Schülerinnen und Schüler auch immer noch als „berührt“, man muss sich halt die Zeit dafür im Unterricht nehmen.

Wir erleben aktuell, dass rechtsextreme Politik versucht, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und das Hitler-Regime umzukehren. Alice Weidel behauptet, Hitler war Kommunist, andere sagen, die Art, wie wir uns an das NS-Regime erinnern, sei von den Siegermächten diktiert worden. Zeigen die Wahlerfolge der AfD, dass diese revisionistische Sicht massentauglich ist?
Hoffmann: Massentauglich kann diese Sicht auf jeden Fall werden, wenn es nicht gelingt, diese Interpretationen konkret und beispielhaft zu widerlegen. Um es auch an dieser Stelle gleich zu tun: Die positive Erinnerung zum Beispiel an den Widerstand vom 20. Juli 1944 ist keinesfalls von den Siegermächten diktiert worden. Das zeigt das für die BRD fast einzigartig frühe Gedenken an Eugen Bolz und den Widerstand durch den Ellwanger Kreis 1951. Für die Errichtung der Eugen-Bolz-Büste im Schönen Graben lag kein Befehl der US-Amerikaner vor. Und natürlich kann Hitler unter keinen Umständen als Kommunist bezeichnet werden: Antikommunismus und Ablehnung des Klassenkampfes gehörten vielmehr zur DNA des Nationalsozialismus. Großunternehmen wurden nicht einmal in der Kriegszeit angetastet und profitierten enorm von der Kriegswirtschaft.

Heute wird Wissen fast ausschließlich über Computer und KI abgefragt und Algorithmen bestimmen, was wahr ist und was falsch. Damit liegt die Macht der Erinnerung in der Hand derer, die über die Algorithmen bestimmen. Müssen wir künftig der „Geschichte aus dem Computer“ grundsätzlich misstrauen?
Hoffmann: Manche Fragen erlauben eine einfache Antwort: Ja! War es auch bisher notwendig, Informationen von Websites nicht nur auf sachliche Richtigkeit, sondern auch auf die Seriosität der Website zu überprüfen, wird dies bei der von Ihnen geschilderten Verlagerung zur generativen KI die Kernkompetenz der Nutzerinnen und Nutzer schlechthin. Wahrheit, beziehungsweise für Geschichte: belastbare und triftige Aussagen, werden dort schlicht und einfach eine Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit.

Wenn die KI auf Trainingsdaten zurückgreift, bei der es 80 Prozent wahrscheinlicher ist, dass Crailsheim im Zweiten Weltkrieg nicht umkämpft wurde, werden Sie diese Antwort von der KI erhalten – auch wenn es natürlich jetzt schon im Internet zahlreiche Seiten zur Schlacht um Crailsheim gibt. Und wenn die „Welterschließung“ zunehmend nicht mehr über eine Suchmaschine wie Google, sondern die persönliche KI läuft, ist man den Betreibern und ihrer politischen Agenda völlig ausgeliefert. Wenn Sie zum Beispiel in die chinesische GPT Deepseek die Frage nach dem Status von Taiwan eingeben, wird ihre Antwort sofort wegzensiert.

2023 erlebten wir, wie 100 Jahre Weltwirtschaftskrise und Hyperinflation in der Öffentlichkeit kaum noch jemanden zu berühren schienen. Was kann man als Historiker dafür tun, dass Vergangenes interessiert und sinnvoll erinnert wird?
Hoffmann: Bei der Vermittlung kommt es sicher zum einen darauf an, vergangene Zeiten über die Erfahrungen der Menschen in dieser Zeit zu erschließen, also ihr Leiden, ihre Hoffnungen, ihre Handlungsspielräume – aber auch ihre Werte, die oft den unseren diametral gegenüberstehen. Während in der Wissenschaft also Strukturen und Methodik im Zentrum stehen, ist dies bei der Vermittlung der Mensch und sein Erfahrungsraum. Zum anderen geht es auch darum, Fragestellungen zu finden, die von aktuellem Interesse sind.

Wir haben dieses Jahr im GAV das Jahresprogramm stark unter das Motto 500 Jahre Bauernkrieg gestellt, mit Sonderausstellung, Exkursionen und Vorträgen. Ein Leitgedanke dabei ist der Anspruch auf „Freiheit“ und Mitbestimmung, wie er in den sogenannten 12 Artikeln der Bauern geäußert wird, auf die auch die Bauern im Raum Ellwangen und die Bürger der Stadt Ellwangen im April 1525 geschworen haben. Die Bauernhaufen führten interne Wahlen ihrer Anführer durch, verschriftlichten ihre Kommunikation und gaben sich Sigel und Fahnen, d.h. sie praktizierten Vorformen der Demokratie. Bauernkrieg bedeutet also nicht nur unzufriedene und mit Mistgabeln bewaffnete Bauern, die Klöster und Schlösser plündern und zerstören, sondern auch ein durch die Reformation beeinflusster Anspruch auf Veränderung der Ständegesellschaft. 

Zur Person

Dr. Michael Hoffmann (50) ist in Backnang aufgewachsen und studierte Latein und Geschichte an den Universitäten Tübingen, Edinburgh und Paris-Sorbonne. 2005 promovierte er binational in Augsburg und Paris-Sorbonne. Bis 2011 arbeitete er als Lehrer am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, seit 2011 ist er am Peutinger Gymnasium in Ellwangen beschäftigt, wo er auch Vorstandsmitglied des Geschichts- und Altertumsvereins ist. In Stuttgart leitet Dr. Hoffmann den Fachbereich „Geschichte“ am staatlichen Seminar für Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte und wirkt darüber hinaus als Leiter des Kompetenzzentrums für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht (ZSL).

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