80 Jahre Kriegsende

89-Jähriger aus Ostalbkreis: „Hatten so große Angst vor dem Feind“

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Karl Enßle erlebt als Kind den Zweiten Weltkrieg und dessen Ende in Lautern. Seine Erinnerungen an Bomben, Soldaten und Hoffnung sind eindringlich.

Heubach-Lautern. Zusammengekauert unter der Treppe sitzend, sieht Karl Enßle als Neunjähriger die Bomben fallen. Sie schlagen ein zwischen Lautern und Mögglingen, treffen eine Scheuer samt der Tiere darin. Er sieht Fallschirmflieger abstürzen, trifft als Kind auf deutsche und amerikanische Soldaten und bewahrt seit 80 Jahren einen Tornister auf, den ein deutscher Soldat bei ihm und seiner Familie zurückgelassen und nie wieder abgeholt hat.

Fallschirme landen in Lautern

Lautern kommt im Zweiten Weltkrieg glimpflich davon. Trotzdem schildert Karl Enßle (89) Szenen und weiß Geschichten, die heute – 80 Jahre später – kaum mehr vorstellbar sind. Er berichtet von einem Luftkampf im März 1944 über Lautern. Ein deutsches Flugzeug schießt ein amerikanisches Flugzeug ab. Aus dem amerikanischen Bomber retten sich zwei Soldaten und springen mit Fallschirmen überm Ort ab.

"Ich habe gesehen, wie einer der Soldaten auf einem Hausdach gelandet und dann auf einen Schuppen gerutscht ist", schildert Karl Enßle, das Bild, das er noch genau vor Augen hat. Zuerst haben die Lauterner "Angst vor dem Feind", dann eilen sie aber doch herbei und kümmern sich um die Schwerverletzten. Einer überlebt den Absturz.

Karl Enßle hat als neunjähriger Bub das Kriegsende in Lautern miterlebt. Bis heute bewahrt er einen Tornister auf, den ein deutscher Soldat damals – vor 80 Jahren - bei seiner Familie zurückgelassen hat.

Rund 110 Bomben fallen bei Mögglingen

Februar 1945: Evakuierte, Geflüchete, Vertriebene landen in den Gemeinden, die bisher vom Krieg verschont sind. Eine Geflüchtete aus Kaiserslautern findet Unterschlupf im Haus der Enßles in der Rosensteinstraße. Sie hat schon Fliegerangriffe erlebt und kennt sich aus. Eines Tages zieht ein kleines Flugzeug Kreise überm Gärtnerdorf. Ein Erkundungsflug.

Die Frau ahnt einen Bombenangriff, schnappt sich den neunjährigen Karl und versteckt sich mit ihm unter der Treppe. Die beiden Türen nach draußen macht sie weit auf, damit das Glas der Fensterscheiben bei einer Detonation nicht springt. Von dort, durch die offene Haustüre, sieht Karl Enßle die Bomben über Mögglingen fallen. Die meisten aufs freie Feld auf Höhe der Sägmühle in Richtung Lautern. Um die 110 Bomben seien es gewesen, so heißt es später. Ein Stall wird getroffen, ein Mögglinger Landwirt schwer verletzt. 

Das Haus der Familie Enßle (rechts) um 1952: An einer Engstelle nahe des Hauses sollte eine Panzersperre errichtet werden. Sie wird aber nicht fertiggestellt. Der Krieg endet vorher.

Die deutschen Soldaten wehren sich nicht mehr

Das Kriegsende naht: Am Pfaffenberg sind noch wenige deutsche Soldaten stationiert und warten auf den Feind. "Wir wussten, dass der Amerikaner kommt", sagt Karl Enßle. Nur laut sagen darf das damals keiner. "Uns wurde vorgemacht, dass durch den Westwall keiner durchkommt", erklärt er. Die Realität sieht anders aus: Auf Höhe des einstigen Limes zwischen Mögglingen und Heuchlingen bringen sich amerikanische Soldaten Anfang 1945 in Position.

Eines Nachts kommen ein paar deutsche Soldaten zu den Enßles und fragen nach Essen. Sie erzählen von Geschützen, die sie am Pfaffenberg aufgestellt haben. Ihr Auftrag: den Albaufstieg verteidigen und sich zur Wehr setzen bis zum Schluss. Sein Vater habe die Soldaten angefleht, nicht mehr zu schießen, erinnert sich Karl Enßle. Wenig später feuern die Amerikaner Kontrollschüsse ab. Einer trifft die Kirche mitten im Ort und hinterlässt an der Ecke des Gebäudes ein etwa ein Meter großes Loch. Die Gegenwehr bleibt aus. Keiner schießt zurück. Die deutschen Soldaten verschwinden.

Als Schäfer verkleidet durch die Front

Die Amerikaner sind da. Der 89-Jährige erzählt von einem jungen deutschen Soldaten, der mit seinen Kameraden noch in Bartholomä stationiert ist. Eines Morgens sei der junge Kerl, 16, 17 Jahre alt, aufgewacht und seine komplette Einheit sei verschwunden gewesen. "Er wusste nicht, wohin", berichtet Karl Enßle. Ein Schäfer nimmt ihn unter seine Fittiche, gibt ihm ein Schäfershemd und einen Stab und zieht mit ihm und seinen Tieren von Bartholomä durch die amerikanische Front nach Lautern. Der junge Mann habe ein, zwei Nächte bei ihnen übernachtet, erinnert sich Karl Enßle. Dann sei er weitergezogen.

Ein Hinweisschild zwischen Mögglingen und Lautern informiert über den Abwurf von rund 110 Bomben im Februar 1945.

„Ich habe unter der Treppe sitzend die Bomben fallen sehen.“

Karl Enßle–Zeitzeuge

Spiegeleier für den Feind

Der Feind kommt. Die Lauterner müssen Panzersperren im Dorf errichten, die ein paar mutige Frauen später wieder öffnen und stattdessen weiße Friedenstücher hissen. Amerikanische Soldaten durchsuchen die Wohnhäuser im Ort. In den darauffolgenden Tagen erreichen mehr und mehr Fahrzeuge und Soldaten das Dorf. Bei den Enßles verlangen drei bis vier Amerikaner etwas zu essen. Karls Mutter Frida brät mit zitternden Händen Spiegeleier – aufgeregt und voller Angst, mit den gefürchteten Amerikanern in einem Raum.

"Wir hatten alle so große Angst vor dem Feind", erklärt Karl Enßle, der damals in der Küche sitzt und das Ganze beobachtet. Als einer der Soldaten in gebrochenem Deutsch erklärt: "Sie brauchen keine Angst zu haben. Hier ist Amerika, Amerika ist gut", da sei von ihm eine zentnerschwere, unbeschreibbar große Last gefallen. "Damit war für mich der Krieg zu Ende."

Der Soldat, der nicht mehr wiederkam

Ein deutscher Soldat aus dem Berliner Raum quartiert sich nach Kriegsende bei den Enßles ein. Er will nicht zurück in die russische Zone und meldet sich in Lautern wohnend an. Ein halbes Jahr in etwa bleibt er dort, arbeitet als Handwerker in einem Gmünder Baugeschäft. "Ein feiner, netter Mann", erinnert sich Karl Enßle. Irgendwann ist das Heimweh nach der Familie, die er so lange nicht gesehen hat, aber doch zu groß.

Trotz aller Warnungen zieht der Mann los. Zurück lässt er einen Tornister, den mit Fell bezogenen Rucksack der Soldaten. "Ich komme wieder zurück und hole ihn ab", habe der Mann bei seinem Abschied gesagt. Wenig später hört eine Tante der Enßles, die damals schon ein Radio besitzt, den Namen des Mannes, den ein Radiosprecher vorliest. Er wurde auf der Reise durch die russische Zone erschossen.

„Eigentlich darf es mit Blick auf die Geschichte nie wieder Krieg geben.“

Karl Enßle–Zeitzeuge

An viele dieser Geschichten kann sich Karl Enßle noch gut erinnern. Traurige, tragische, aber auch hoffnungsfrohe. Und eigentlich, so habe er gedacht, dürfe es mit Blick auf die Geschichte nie wieder Krieg auf der Welt geben. "Wer diese Zeiten erlebt hat, weiß, wie wichtig und wertvoll Frieden und eine demokratische Ordnung sind."

Die Autorin Marie Enßle ist die Schwiegertochter von Karl Enßle.

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Rubriklistenbild: © Enßle, Marie

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