Kurz vor Kriegsende 1945: zwei Bombenangriffe auf Mutlangen

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Blick auf Mutlangen in Richtung Spraitbach: 1927 hatte die Gemeinde etwa 1200 Einwohner. Im Vordergrund die Häuser der Schulstraße. Darüber, schräg gegenüber der Kirche, das Rathaus.
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80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: Warum die Gemeinde Mutlangen wie keine andere im Landkreis Schwäbisch Gmünd getroffen wurde. Hobby-Historiker Franz Schneider erzählt.

Mutlangen. "Keine andere Gemeinde des ehemaligen Landkreises Schwäbisch Gmünd hatte so unter den Folgen des Krieges zu leiden wie Mutlangen.“ Davon ist Hobby-Historiker und Rektor a.D. Franz Schneider überzeugt. „Unser Dorf wurde zweimal von amerikanischen Fliegern bombardiert.“ Neun Menschen fanden dabei den Tod, 13 Häuser und Bauernhöfe wurden zerstört – in der Spraitbacher Straße, der Hauptstraße, der Lindacher- und der Johannesstraße. Drei Wohnhäuser und die St. Georgskirche wurden stark beschädigt.

Gefährlicher Zweifel an Durchhalteparolen

80 Jahre sind vergangen seit jenem April 1945, in dem sich die Niederlage des „Tausendjährigen Reiches“ abzeichnet. Franz Schneider hat die Tage als Kind erlebt, in denen die Alliierten bereits die Lufthoheit hatten, es deshalb häufig Fliegeralarm gab – in denen alle mit dem Tod bedroht waren, die öffentlich Zweifel an den Durchhalteparolen der Nazis äußerten.

Bomben nach der Frühmesse

Im April 1945 waren im Dorf Soldaten einquartiert, ihre Pferde und Wagen standen in den Ställen und Scheunen der Bauern. Franz Schneider erinnert sich an die Angst der Mutlanger, weil die Soldaten ihre Pferde ganz unbekümmert auf offener Straße herumführten – gut erkennbar für die Aufklärungsflieger der Amerikaner. Und an die Quittung, die prompt serviert wird: Es ist etwa 8 Uhr am Weißen Sonntag. Frauen kommen aus der Frühmesse. Da tauchen plötzlich vier Bombenflugzeuge, die jeweils zwei Ladungen abwerfen, auf.

Die Hälfte trifft die Dorfmitte, dort wo heute das Gasthaus Hirsch und die VR-Bank stehen. Das Haus von Josef Link in der Hauptstraße wird stark beschädigt, seine Tochter erleidet schwere Brandverletzungen. Das Wohnhaus von Küfermeister Clemens Wilhelm unmittelbar daneben wird komplett zerstört. Tochter Theresia Ziegler und deren vierjähriger Sohn Hans-Dieter sterben. „Das ist besonders tragisch, weil ein halbes Jahr vorher der Ehemann und Vater Hugo Ziegler an der Front gefallen ist“, weiß Franz Schneider, dessen Elternhaus unweit um die Ecke in der Wetzgauer Straße stand.

Der Schrecken geht weiter

Doch war mit diesem ersten Angriff am Weißen Sonntag längst nicht aller Schrecken vorbei für die Mutlanger. Denn auf der Heide hatten die Nazis auch einen Behelfsflugplatz eingerichtet und in der Turnhalle hinter dem damaligen Rathaus – an dessen Stelle heute auch das neue Rathaus steht – waren Flugzeuge deponiert. Für die Bevölkerung mit Bürgermeister Franz Oelmaier an der Spitze sei klar gewesen: So lange deutsches Militär im Ort ist, müssten sie mit erneuten Luftangriffen rechnen, analysiert Franz Schneider als Zeitzeuge und Historiker.

Zwar seien die Soldaten mit Pferden und Wagen nach dem ersten Luftangriff abgezogen worden, aber auf dem Flugplatz sollte nun eine Jagdstaffel eintreffen. Bürgermeister Oelmaier, wie fast alle seine Kollegen (Zwangs)Mitglied der NSDAP, weist die Kommandierenden auf das hohe Risiko für die Bevölkerung hin. Denn die Amerikaner standen ja bereits in Spraitbach. Doch er erreichte nichts.

Der "Flüsterweg" rettet Leben

Auf dem „Flüsterweg“ habe der Schultes dann die Bevölkerung gewarnt und damit sein Leben riskiert. Für die Mutlanger, verdeutlicht Franz Schneider.

Diese packen Handkarren, Leiterwagen, Kinderwagen mit dem Nötigsten und wandern zur Mittagszeit Richtung Haselbach in den „Tannwald“ und ins Pfaffenbachtal. Nur wenige bleiben in ihren Kellern. Einige mutige Männer, Feuerwehrangehörige, Rotkreuzhelfer, Handwerker bleiben im Dorf als Brandwachen zurück. Abwartend stehen sie zwischen den Häusern. Es herrscht die „Große Stille vor dem Sturm“.

Der zweite Angriff

Gegen 14 Uhr tauchen wieder amerikanische Jagdbomber auf. Der Fahrer eines mit Munition und Sprit beladenen Militär-Lkw erkennt sie beim Befahren der Alten Gmünder Straße (heute Hornbergstraße). Er wendet und fährt zum Haus Schmid an der Ecke Wetzgauer- und Hauptstraße zurück, um dort sein Fahrzeug in der Scheune in Deckung zu bringen. Dieses Manöver wird aus der Luft erkannt, denn unmittelbar danach wird das Gebäude unter Beschuss genommen. Ein Volltreffer setzt Haus, Stall und Scheune in Vollbrand. Nur durch das beherzte Eingreifen eines Mutlangers kann der Mann gerettet werden.

Franz Schneider mit einer Chronik, die die Mutlanger Opfer der Bombenangriffe zeigt.

Ab dem 8. Mai schweigen die Waffen

Innerhalb weniger Minuten werfen die „Bomber“ ihre Last über Mutlangen ab: Luftminen, Phosphorbomben und Benzinkanister. Es ist dem Auszug der Bürger in die Wälder zu verdanken, dass „nur“ sieben weitere Todesopfer beklagt werden müssen, darunter Pfarrer Johannes Feist. Ab dem 8. Mai 1945 schweigen die Waffen. „Ein sinnloser Krieg mit unendlichem Leid ... ging nach knapp sechs Jahren zu Ende“, sagt Franz Schneider, der weitere Details für die Mutlanger zusammengefasst hat unter www.mutlangen.de.

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