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Themencheck Bildung: Besuch im Gelben Haus in Offenbach. Die Produktionsschule Holz, die hier ihren Platz hat, ist für viele die vielleicht letzte Chance auf den Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben.
Eine Reportage von Peter Hanack
In der achten Klasse war für Anastasius Schluss mit Schule. „In der Familie gab's Probleme, mir selbst ging es auch nicht gut, ich bin dann ab und zu einen Tag einfach zuhause geblieben“, erzählt der heute 18-Jährige. Aus dem „einen Tag ab und zu“ wurden zwei Tage, drei, ganze Wochen. „Und dann bin ich gar nicht mehr hin“, sagt er.
Anastasius hatte Glück. Eigentlich war der gebürtige Offenbacher schon draußen aus dem System: volljährig, nicht mehr schulpflichtig, keinen Abschluss. Perspektive? Null. Jetzt lernt er wieder.
Themenchecks zur Landtagswahl in Hessen
Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht zur Landtagswahl acht Themenchecks mit Problemaufrissen und Positionen der Parteien dazu.
Bisher erscheinen:
- Polizei und Sicherheit
- Nahverkehr
- Naturschutz: Wolf
- Armut
- Rassismus
- Gesundheit
Die kommenden Folgen:
- Energiewende
Die MainArbeit, das kommunale Jobcenter, vermittelte dem jungen Mann einen Platz im Gelben Haus. Das Bistum Mainz betreibt hier, gleich neben dem Offenbacher Hauptbahnhof, eine Produktionsschule mit Holzwerkstatt. Auf dem Stundenplan stehen Mathe, Hobeln, Deutsch, Sägen, Bio, Schrauben, PoWi, Bohren. Dazu kommen Bewerbungstraining und Praktika-Suche. Theorie und Praxis im steten Wechsel. Montag bis Freitag, 8.45 bis 15.45 Uhr. Sieben Stunden am Tag. Wenn Anastasius sich ranhält – und das tut er, sagt sein Ausbilder – kann er im Frühjahr seinen Hauptschulabschluss nachmachen. Fernziel: Zahntechniker.
Zwölf Plätze bietet die Produktionsschule Holz. „Die meisten hier sind Schulabbrecher, die mit dem klassischen Schulsystem nicht zurecht gekommen sind“, erzählt Geschäftsführerin Michelle Serret, Ohne Abschluss wie Anastasius und nicht mehr schulpflichtig, dafür mit Hartz-IV.
Ein Jahr, manchmal eineinhalb, haben sie Zeit bis zum Hauptschulabschluss, „Ein ehrgeiziges Ziel“, sagt die Diplom-Pädagogin. Müsse man doch oft bei den Basics ansetzen. Zum Beispiel bei der Pünktlichkeit. Oder der Uhr. „Schauen aufs Handy und lesen digital die Zeit ab, aber eine Uhr mit Zeigern verstehen sie nicht“, erläutert Jürgen Fritz.
Der 57-Jährige ist Schreinermeister und leitet seit 2014 die Werkstatt der Produktionsschule. „Als ich hier angefangen habe, dachte ich an Auftragsfristen für unsere Erzeugnisse, kalkulierte Produktionszeiten, betrachtete die Jugendlichen wie Azubis“, erzählt Fritz. „Und hab dann ganz schnell gemerkt: Das überfordert die jungen Menschen total.“
Mehrere Workshops und Fortbildungen später war Fritz dann angekommen. Seit Anfang 2017 besitzt er offiziell die Qualifikation als Werkstattpädagoge, ist heute „zu drei Vierteln Sozialarbeiter“, wie er sagt. „Was hier passiert, ist pädagogisches Arbeiten rund um die Uhr“, bestätigt Geschäftsführerin Serret.
„Wir gehen rüber an den Bahnhof und erklären, wie man ein Ticket kauft, manchen habe ich schon gezeigt, wie man die Schuhe mit einem Knoten bindet“, berichtet Fritz. Bei vielen ist nicht nur die Schule zu kurz gekommen, sondern auch das, was gemeinhin Erziehung leisten soll.
Landtagswahl in Hessen: Themencheck Schule
Diese Zusammenstellung erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weitere Texte dazu:
Analyse: Was so alles schief läuft an Hessens Schulen. An Hessens Schulen gibt es viel zu verbessern. Es hakt bei den Lehrkräften, bei der Digitalisierung, im Ganztag, der Inklusion und den Schulbauten.
Der Themencheck Schule: Was die Parteien wollen. Es geht um Noten, Ganztagschulen, längeres gemeinsames Lernen, Islamunterricht und die Wahl der Prüfungsfächer.
In der Werkstatt werden heute Vogelhäuschen produziert, ein Auftrag der Kolping. Es duftet nach frisch geschnittenem Holz. Alessandro bedient die Schleifmaschine, die einen Höllenlärm macht. Auch er Offenbacher, auch er hat in der achten Klasse den Schulbesuch geschmissen. „War ein Fehler“, sagt der 18-Jährige heute. Der Ehrgeiz, ihn auszubügeln, ist da. Im Frühjahr Hauptschulabschluss, dann Mittlere Reife, Abitur, Studium. Man traut ihm zu, das zu schaffen.
Es gibt viele Gründe für ein Scheitern im klassischen Schulsystem. Überforderung, Unterforderung, psychische Probleme, familiäre Katastrophen. Oder schlicht die fehlende Einsicht in die Notwendigkeit zu lernen. „Da rutschen viele durchs Raster“, sagt Schreinermeister Fritz, Werkstattpädagoge und Sozialarbeiter. „Die Klassen sind groß, die Lehrer müssen ihren Stoff durchbekommen, für den einzelnen ist nicht genügend Aufmerksamkeit da.“ Wenn dann einer zu Hause bleibe, falle das kaum auf.
In der Schule fehlen ja nicht nur Lehrkräfte. Auch Psychologen, Gesundheitsfachkräfte, Sozialpädagogen, Menschen, die sich kümmern können, wenn ein Kind oder Jugendlicher aus dem Raster zu fallen droht. Bevor es – fast – zu spät ist und es eine Menge Glück braucht, um noch in einem Reparaturbetrieb zu landen, wie es die Produktionsschule Holz im Gelben Haus in Offenbach einer ist. Ein Betrieb, der in Ordnung zu bringen versucht, was zuvor in Familie und Schule schief gegangen ist.
Seit 2006 gibt es diese Produktionsschule im Gelben Haus, eine von rund 200 in Deutschland, 25 sind es in Hessen. Finanziert wird die Offenbacher Einrichtung zu großen Teilen vom kommunalen Jobcenter, zehn Prozent der Kosten müssen selbst erwirtschaftet werden.
In der Werkstatt stellen sie deshalb nicht nur Vogelhäuschen oder Insektenhotels her, sondern auch Dekorationsobjekte für Ostern oder Weihnachten, die auf Märkten und häufig auch in kircheneigenen Einrichtungen verkauft werden. Zum Portfolio gehören Stühle und Hocker oder individuell gestaltete Schriftzüge, die auf Bestellung aus Holz gefräst oder gesägt werden.
„Wir produzieren hier nichts für die Mülltonne“, sagt Fritz. Auch das für viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein wichtiger Punkt. „Sie sehen, dass das, was sie mit ihren eigenen Händen herstellen, einen Wert hat, dass es verkauft werden kann und Geld einbringt.“
Nicht immer hat das, was Fritz oder Serret und deren Kollegen und Kolleginnen tun, Erfolg. Manchmal meldet sich ein Absolvent schon nach ein paar Wochen, weil er die gerade begonnene Ausbildung geschmissen hat. Dann ist das auch für den Schreinermeister und die anderen eine Niederlage. Aber es gibt auch jene, die gut ankommen im Beruf und im Leben. „Die jungen Leute wachsen einem ja ans Herz“, sagt Fritz. Schön, wenn sie sich dann auch nach Jahren immer mal wieder blicken lassen. „Schließlich war ich hier für ein Jahr ihr 24/7-Papa“, sagt der 57-Jährige mit einem Augenzwinkern.
Damit die Mühe sich am Ende lohnt, braucht es aber mehr als Zuwendung und Anleitung. Es gehört die Einsicht dazu, aus dem eigenen Leben etwas machen zu wollen, wie bei Alessandro, den der Ehrgeiz gepackt hat, oder Anastasius. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass es mit dem Rumhängen so nicht weitergehen konnte“, erzählt er rückblickend. Es hat etwas gedauert, bis diese Erkenntnis gereift war, gibt er zu. „Ich musste“, sagt er, „dafür erst ein bisschen erwachsen werden.“
Rubriklistenbild: © Michael Schick

