VonLisa Berinsschließen
Kunst und Protest fanden schon immer zusammen, im Fall Assange ist die Wirkung deutlich gesteigert.
Die Bombe tickt. Es befindet sich Kunst in „Geiselhaft“. Werke von Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Rembrandt, Picasso, Jasper Johns, Jannis Kounellis – eingeschlossen in einem Tresor in einem ehemaligen Sanatorium in den französischen Pyrenäen, nicht weit von der Gemeinde Cautrets entfernt. Festgehalten werden sie dort vom russischen Künstler Andrej Molodkin, der die Kunstwerke zusammen mit einer pneumatischen Pumpe eingeschlossen hat. Die Pumpe verbindet zwei Fässer, eines mit Säurepulver und das andere mit einem Beschleuniger befüllt, der eine chemische Reaktion auslösen könnte, so berichtet der „Guardian“, die stark genug sei, um den Inhalt des Tresors innerhalb von zwei Stunden in Schutt und Asche zu legen. Stirbt Assange – stirbt auch die Kunst. Das ist die Message.
Julian Assange muss am 20. und 21. Februar zu einer Anhörung vor dem Londoner High Court erscheinen; es ist vielleicht sein letzter Versuch, gegen die US-Auslieferung Berufung einzulegen. Wird er in die USA ausgeliefert, drohen ihm bis zu 175 Jahre Haft. Aktivistinnen und Aktivisten, Künstlerinnen und Künstler setzen sich seit Jahren für die Freilassung des Inhaftierten ein. Wieso sollte das gerade mit den Mitteln der Kunst gelingen?
Der Fall Assange
Die US-Anklagen gegen Julian Assange wegen Spionage und Verschwörung bedrohen seine persönliche Integrität – und die Pressefreiheit. Am Londoner High Court fand am 20. und 21. Februar eine Anhörung über die Auslieferung von Assange in die USA statt. Diese ist zunächst ohne Entscheidung zu Ende gegangen. Assange drohen bei einer Auslieferung bis zu 175 Jahre Haft.
Die Frankfurter Rundschau begleitet den Fall Julian Assange mit Analysen, Kommentaren und Interviews. Sie beleuchten Hintergründe und geben einen Ausblick auf die Ereignisse in London. Die Texte bündeln wir in unserem Online-Dossier zu Assange.
„Dead Man’s Switch“ nennt Andrej Molodkin seine Arbeit. 16 Kunstwerke hat er dafür gesammelt, sie sollen mehr als 45 Millionen Dollar wert sein. Ein halbes Jahr habe er gebraucht, um Sammler:innen und Künstler:innen von seinem Projekt zu überzeugen. Einige schreckten zurück – Marina Abramovic und Ai Weiwei zum Beispiel, wie die Kunstzeitschrift „Monopol“ berichtet. Die Drastik ist essenzieller Teil des Spiels: Es sollte keine weitere, harmlose „Free Assange“-Phrase sein, es sollte Sprengkraft dahinterstecken, im wahrsten Sinne des Wortes. Etwas irre erscheint es schon: mit Kunst für Assanges Freilassung zu kämpfen und dabei Kunst aufs Spiel zu setzen. Auch wenn es Molodkin nicht auf die Zerstörung ankomme, wie er in Medienberichten zitiert wird – im Zweifelsfall wird möglicherweise doch alles in die Luft gehen.
Kunst eignet sich erprobterweise als Protestform, als Medium, um auf Missstände aufmerksam zu machen, Ungerechtigkeiten anzuprangern. Aber Kunst als Opfer, als „Geisel“, wie Molodkin sie bezeichnet, um gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, um Elend aus der Welt zu schaffen – das scheint gerade ein spezieller und praktischerweise auch aufsehenerregender Dreh zu sein. Während der Klimaproteste wurden Kunstwerke in Museen mit Suppen beworfen, Molodkins Aktion ist einen Zacken schärfer. Muss das sein, hilft es denn?
Drastik wirkt – damit spielen einige weitere Kunstaktionen, die für die Freilassung von Assange werben. Die Künstlerin Manja McCade will mit ihrer Installation „Belmarsh Live“ die Lebenswirklichkeit von Julian Assange nachbilden, dafür stellt sie kommende Woche eine originalgetreu nachgebaute Zelle in Berlin ans Brandenburger Tor, vor die US-amerikanische Botschaft: Klaustrophobische zwei mal drei Meter sind es, darin ein Bett, ein Stuhl, ein Hocker und ein metallenes Klo. Gefängnis-Sound wird eingespielt: Hundegebell, Wärterkommandos. Eine Videokamera nimmt das Innenleben der Zelle auf. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, sich einschließen zu lassen, einen Eindruck davon zu bekommen, unter welchen Bedingungen Assange im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in London lebt.
Einsatz für Assange als demokratische Pflicht
„Belmarsh Live“ war schon in einigen Städten zu sehen, unter anderem 2022 in Frankfurt, die Installation stand schon vor dem Europarat in Strasbourg, wo auch Abgeordnete in die Zelle gingen. Auch der türkische Journalist Can Dündar, der im Exil in Deutschland lebt, saß schon ein. Er finde es verstörend und könne es genau nachvollziehen, wie es Assange ergehe, sagt Dündar in einem Statement vor der Kamera. „In der Türkei habe ich dieselbe Erfahrung gemacht.“
FR-Texte zum Fall Assange (Auswahl)
- Julian Assange im Porträt: Ein Mann, viele Gesichter
- Kommentar: Der Fall Assange ist ein Feldzug gegen die Pressefreiheit
- Essay: Kunst, Protest und der Fall Julian Assange
- Die USA und der Fall Assange: Die dunkle Seite der Macht
- Analyse: Was bleibt von Wikileaks?
- Rückblickender Essay: Für Julian Assange geht es jetzt um alles
- Unterstützung: Proteste vor dem Londoner Prachtpalast
- Politik: Im Fall Assange sind die Grünen auffällig still
Interviews:
-Jeremy Corbyn: „Die Medien sind sehr enttäuschend“
-Martin Sonneborn: „Versuch, kritischen Journalismus mundtot zu machen“
-Stella Assange: „Die USA haben ein Mordkomplott geschmiedet“
McCade, die sich selbst im orangefarbenen Ganzkörperanzug an einen Stuhl ketten lassen wird, empfindet es als demokratische Pflicht und als das „Selbstverständlichste der Welt“, sich für Assange einzusetzen. Die Macht des Bildes nutzt auch die Performance „Schneemänner mit Würde“ in Hannover, bei der seit 2021 Menschen in weißen Laboranzügen und mit Wortbotschaften in den Händen Mahnwachen für die sofortige Freilassung von Assange abhalten.
Auf dem Parliament Square in London wird am 24. Februar der italienische Künstler Davide Dormino seine Bronzeskulptur „Anything to say?“ installieren: Auf drei Stühlen stehen Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning; der vierte Stuhl ist frei – „für uns“, wie der Künstler sagt.
Seit langem setzen sich bekannte Künstlerinnen und Künstler für die Freilassung des Wikileaks-Gründers ein, unter „artistsforassange“ werden Aktionen von Hito Steyerl, M.I.A., der 2022 verstorbenen Vivienne Westwood, Alice Walker, Ken Loach, Daniel Lismore, Daniel Richter und vielen weiteren gelistet. Die „!Mediengruppe Bitnik“ schickte 2013 ein Paket an Julian Assange, der damals in der ecuadorianischen Botschaft lebte. In dem Paket befand sich eine Kamera, die die Reise durch das Postsystem live ins Internet übertrug.
War das noch zu harmlos? Molodkin droht nun jedenfalls mit dem Verlust von Kulturgut: Jeden Tag wird in dem Tresor mit der eingeschlossenen Kunst ein 24-Stunden-Countdown gestartet, zurückgesetzt wird er erst, wenn jemand aus dem Umfeld von Assange dessen Wohlergehen bestätigt. Und wenn nicht …?
Was ist das – ein krimineller Akt, ein leere Drohung, ein Bluff im Namen der Konzeptkunst? Der „New Yorker“ hat jedenfalls recherchiert und bestätigt, dass sich die Kunst tatsächlich in dem Tresor befindet, und kennt scheinbar auch die genauen Werktitel. Vielleicht kratzt die Kunstbombe ohnehin keine der Personen, die über das Schicksal von Assange entscheiden. Logisch ist das Setting selbstredend nicht; diejenigen, die erpresst werden sollten, sind nicht wirklich adressiert, und ohnehin auch gar nicht die Besitzer:innen der Werke. Anyway: So lange Assange in Haft ist, bleibt es wohl auch die Kunst. „Dead Man’s Switch“ wird, wie viele andere Kunstprojekte, die sich für Assanges Freilassung einsetzen, von dessen Ehefrau Stella unterstützt. Im „New Yorker“ sagte sie, für ihren Mann sei es eine Art „künstlerischer Schutzschild“. Und möglicherweise hat sie damit ja doch nicht ganz Unrecht.
