Jeremy Corbyn zum Fall Assange: „Die Medien sind sehr enttäuschend“
VonSebastian Borger
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Der altlinke Ex-Labour-Chef Jeremy Corbyn über den Umgang mit Wikileaks-Gründer Julian Assange. Ein Interview von Sebastian Borger.
Herr Corbyn, Gabriel Shipton hat seinen Bruder Julian mit dem getöteten Alexei Nawalny verglichen. Was halten Sie von dem Vergleich?
Julian Assange hat die Wahrheit gesagt. Er ist ein Held, der für die Freiheit von Meinung und Presse weltweit eintritt.
Warum wird Assange so hartnäckig von den USA verfolgt?
Die US-Justiz stützt sich ja auf das Spionagegesetz von 1917. Es soll jegliche genauere Untersuchung der amerikanischen Aktivitäten rund um die Welt verhindern. Julian hat genau dies aufgedeckt. Übrigens befassten sich seine Enthüllungen nicht nur mit Amerika, sondern auch mit der britischen Regierung, mit den Russen und mit vielen anderen.
Der Fall Assange
Die US-Anklagen gegen Julian Assange wegen Spionage und Verschwörung bedrohen seine persönliche Integrität – und die Pressefreiheit. Am Londoner High Court fand am 20. und 21. Februar eine Anhörung über die Auslieferung von Assange in die USA statt. Diese ist zunächst ohne Entscheidung zu Ende gegangen. Assange drohen bei einer Auslieferung bis zu 175 Jahre Haft.
Die Frankfurter Rundschau begleitet den Fall Julian Assange mit Analysen, Kommentaren und Interviews. Sie beleuchten Hintergründe und geben einen Ausblick auf die Ereignisse in London. Die Texte bündeln wir in unserem Online-Dossier zu Assange.
Wie wird die Geschichte Assange sehen?
Als sehr tapferen Mann, der der Wahrheit zum Durchbruch verhalf. In einer Reihe mit vielen anderen, zum Beispiel jenen, die den Verbrechen der Nazis in Deutschland in den 30er-Jahren auf der Spur waren. Ein großer Investigativjournalist. Julian Assange hat die Wahrheit gesagt. Weshalb ich so enttäuscht bin über die britischen Medien, die ganz überwiegend den Fall Assange entweder ignorieren oder falsch darüber berichten.
Die ersten Wikileaks-Enthüllungen entstanden in Zusammenarbeit mit Medien wie „Guardian“ und „New York Times“. Diese haben sich längst von Assange distanziert. Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
Dass diese Medien Schwäche zeigen, wenn es darum geht, für die Pressefreiheit und freien Journalismus einzutreten. Der „Guardian“ und andere britische Medien haben sich auch früher schon so verhalten. Denken Sie nur an den Fall von Mordechai Vanunu.
Der israelische Techniker gab 1986 Details über Israels Atomwaffenprogramm an britische Zeitungen. Später wurde er vom Mossad in seine Heimat gelockt und dort zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.
Ausgerechnet diese berühmten liberalen Publikationen „NYT“ und „Guardian“ haben auch im Fall Assange jämmerlich versagt. Das ist sehr enttäuschend.
Ich befürchte, die Medien kommen unter hohen Druck von der Regierung und den Geheimdiensten beiderseits des Atlantiks. Journalismus besteht ja oft aus einer Balance zwischen dem Zugang zu wichtigen Regierungsquellen und der Wahrheit. Da haben die Medien schon häufiger Deals gemacht.
Wie gut sind Assanges Chancen im derzeitigen Verfahren?
Das ist für mich schwer einzuschätzen. Dass wir jetzt schon ein weiteres Berufungsverfahren gegen die bisherigen Beschlüsse haben, lässt mich auf die Stärke der juristischen Argumente schließen. Im Übrigen setze ich meine Hoffnung auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Da bekäme Julian gewiss ein faireres Verfahren.
Glauben Sie seiner Frau Stella, nach der eine Auslieferung der Todesstrafe gleichkäme?
Ja. Ihm drohen in den USA 175 Jahre Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis. Wir wünschen ihm ein langes Leben, aber niemand wird 175 Jahre alt.
Für diese 175 werden aber die Höchststrafen in allen 18 Anklagepunkten addiert. Realistisch ist eine Freiheitsstrafe von vier bis sieben Jahren.
Ich finde das nicht so wichtig. Es bleibt doch dabei: Nach amerikanischen Gesetzen besteht die Möglichkeit einer Verurteilung zu mehreren lebenslangen Freiheitsstrafen. Und das zuständige Gericht kann davon Gebrauch machen. Das ist für mich Grund genug, mich gegen seine Auslieferung auszusprechen.
Die USA haben „feierlich“ versprochen, Assange werde keine Einzelhaft oder eine der „speziellen Behandlungsmethoden“ à la Guantánamo Bay zuteil.
Das war ja sehr interessant. Da wurde praktisch gesagt: Wir werden ihn nicht so schlecht behandeln wie andere Strafgefangene. Da haben sie praktisch zugegeben, dass es in ihren Gefängnissen furchtbar zugeht, dass die Zustände dort teilweise Foltermethoden gleichkommen. Ich würde in Julians Fall sagen: Darum geht es doch nicht. Sondern es geht darum, dass er überhaupt nicht im Knast sein sollte. (Interview: Sebastian Borger)