Großbritannien

„Free Julian Assange“: Proteste vor dem Londoner Prachtpalast

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Vor dem Londoner High Court versammeln sich Politiker, Gewerkschafter und allerhand Aktivisten, um gegen Julian Assanges Auslieferung zu demonstrieren.

Auf dem Platz vor dem Londoner High Court herrscht Volksfeststimmung. Direkt hinter St. Clements Danes, der „Kirche der Luftwaffe“, haben die Organisatoren ein Rednerpult aufgebaut. So haben die mehr als ein Dutzend Frauen und Männer, die an diesem kühlen Februarmorgen das Wort ergreifen, den Eingang zum neugotischen Prachtpalast des Königlichen Justizgerichts im Blick. Vor ihnen drängen sich mehrere Hundert Demonstrant:innen, viele halten den Slogan „Free Assange“ hoch.

Assange wird schon lange von der Justiz verfolgt, versteckte sich auch in der Botschaft Ecuadors in London

Der Straßenverkehr vor Londons High Court wird vom Protest am Dienstag nicht groß behindert.

Schon mehrfach hat der hochgewachsene, früh ergraute Australier Julian Assange die britische Justiz bis hinauf zum High Court, ja zum Supreme Court beschäftigt. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hatte 2010 umfassende Informationen über US-Kriegsverbrechen in Afghanistan und Irak veröffentlicht. Trotz klarer Beweise kam es zu keiner Anklage, geschweige denn Verurteilung gegen die Verantwortlichen.

Seither ist die Justiz dem Aktivisten auf den Fersen. Während eines Besuchs in Großbritannien forderte zunächst Schweden seine Auslieferung wegen angeblicher Sexualdelikte, das Verfahren wurde 2019 eingestellt. Später folgte die USA mit der Aufforderung an das Königreich, Assange zu überstellen. Ihm werden Computer-Hacking und Spionage zur Last gelegt.

Der Fall Assange

Die US-Anklagen gegen Julian Assange wegen Spionage und Verschwörung bedrohen seine persönliche Integrität – und die Pressefreiheit. Am Londoner High Court fand am 20. und 21. Februar eine Anhörung über die Auslieferung von Assange in die USA statt. Diese ist zunächst ohne Entscheidung zu Ende gegangen. Assange drohen bei einer Auslieferung bis zu 175 Jahre Haft.

Die Frankfurter Rundschau begleitet den Fall Julian Assange mit Analysen, Kommentaren und Interviews. Sie beleuchten Hintergründe und geben einen Ausblick auf die Ereignisse in London. Die Texte bündeln wir in unserem Online-Dossier zu Assange.

Zu einem Verfahren kam es bisher nicht, aber die Freiheit ist dem mittlerweile 52-Jährigen dennoch genommen: Zwei Jahren Hausarrest im Anwesen eines Freundes sowie sieben Jahren Asyl in der Londoner Botschaft Ecuadors folgte seit April 2019 die Straf- und Auslieferungshaft im Ost-Londoner Gefängnis Belmarsh.

Strafverfolgung des Wikileaks-Gründers sei politisch motiviert

Im ehrwürdigen Gericht unternehmen an diesem Dienstag die Anwälte des Wikileaks-Gründers den allerletzten Anlauf, Julian Assanges bereits beschlossene Auslieferung an die USA zu verhindern. Zwei Tage lang haben sie Zeit, um im Verfahren „Assange gegen die Regierung der Vereinigten Staaten“ der zweiköpfigen Kammer – präsidiert von Victoria Sharp, „Präsidentin der königlichen Richterbank“ und damit höchste Zivilrichterin von England und Wales – ihre Argumente vorzutragen.

Im Kern geht es dabei um die Darstellung ihres Mandanten als politischem Gefangenen: „Die Strafverfolgung ist politisch motiviert. Herr Assange hat schlimme Verbrechen aufgedeckt und dabei normale journalistische Vorgehensweisen angewandt“, argumentiert Kronanwalt Ed Fitzgerald. Politische Delikte aber sind ausdrücklich vom US-britischen Auslieferungsabkommen ausgenommen.

Julian Assange laut seiner Frau „frühzeitig gealtert“

Der Betroffene selbst nimmt an der Verhandlung nicht teil, er fühle sich nicht wohl, berichtet der Anwalt. Anders als es die Demonstrant:innen vor dem Gerichtsgebäude fordern, geht es im Saal auch nicht um Assanges Freiheit. Zu verhindern gilt aus Sicht der Anwälte lediglich, was Assanges Frau Stella als Horrorszenario beschreibt: „Schon am Tag nach der Anhörung könnte Julian im Flugzeug nach Amerika sitzen.“

Weitere FR-Texte zum Fall Assange (Auswahl)

- Julian Assange im Porträt: Ein Mann, viele Gesichter
- Kommentar: Der Fall Assange ist ein Feldzug gegen die Pressefreiheit
- Essay: Kunst, Protest und der Fall Julian Assange
- Die USA und der Fall Assange: Die dunkle Seite der Macht
- Analyse: Was bleibt von Wikileaks?
- Rückblickender Essay: Für Julian Assange geht es jetzt um alles
- Politik: Im Fall Assange sind die Grünen auffällig still

Interviews:
-Stella Assange: „Julian könnte am Tag nach der Anhörung im Flugzeug in die USA sitzen“
-Martin Sonneborn: „Versuch, kritischen Journalismus mundtot zu machen“

In vielen Medieninterviews hat sie ihren Mann als „frühzeitig gealtert“ bezeichnet, sein physischer und psychischer Zustand sei schlecht. Die Auslieferung werde er nicht überleben.

Als Assange an diesem Morgen ans Rednerpult tritt, beschreibt sie die Situation: „Wir wissen nicht, was passieren wird. Was auch immer es ist, bitte kommt wieder.“ Sichtbar um Fassung ringend unterbricht sie ihren Redebeitrag, da branden Sprechchöre zu ihrer Unterstützung auf. „Gut gemacht, wir unterstützen Dich“, ruft einer der Demonstranten.

Demonstrierende fordern Freiheit für Assange

Unter dem Slogan „Free Assange“ haben sich viele unterschiedliche Gruppierungen versammelt. Dazu gehört die „Gruppe afrikanischer Frauen“, das „englische Prostituiertenkollektiv“ sowie „Queer Strike“ und das „Männernetzwerk Payday“. Letzteres tritt laut Website dafür ein, sich gegenseitig zu pflegen, statt zu töten und wünscht sich das Ende von „Armut, Vergewaltigung, Umweltzerstörung, Besetzung, Krieg, Inhaftierung und Abschiebung“. Ganz unabhängig vom Auslieferungsverfahren werben zwei ernstblickende Männer für „die Freilassung aller politischen Gefangenen im Iran“.

Auch fremdsprachige Slogans gibt es zu lesen: „Libérez Assange – pas d’extradition“ steht auf einem Banner. „Freiheit für Assange“ hat der Rüsselsheimer Anton Paliyenko, 34, auf ein robustes Stück Pappe geschrieben. Er sei eigens aus Deutschland für zwei Tage nach London gereist, um den Wikileaks-Gründer zu unterstützen, berichtet der aus der Ukraine stammende, seit 2002 in Deutschland lebende Elektrotechnik-Student dieser Zeitung. Seine Politisierung datiert er auf das Jahr 2014 und die „sehr einseitige“ Berichterstattung über die ukrainische Maidan-Bewegung, den Einmarsch Russlands in sein Heimatland hält er für „nachvollziehbar“.

Führende Politiker setzen sich für den Wikileaks-Gründer ein

Auf dem Rednerpult geben sich unterdessen nationale und internationale Politikerinnen, Gewerkschaftsführer und Journalismus-Lobbyisten das Mikrophon in die Hand. Angekündigt als früherer Vorsitzender der Labour-Party „und Premierminister des Volkes“ lobt Jeremy Corbyn den Inhaftierten als Freiheitskämpfer: „Julian Assange hat die Wahrheit gesagt“. Hingegen seien die britischen Medien an deren Vertuschung beteiligt. „Julian ist ein echter Journalist.“

Im Parlament hat tags zuvor der schottische Nationalist Neil Hanvey den getöteten russischen Oppositionellen Alexei Navalny mit Assange verglichen: Da die britische Regierung dauernd andere weltweit kritisiere, müsse sie sich bei der Behandlung von Dissidenten mit dem gleichen Maß messen lassen. Corbyn, von dieser Zeitung dazu befragt, weicht dem Vergleich aus: Assange sei „ein Held, der für die Freiheit von Meinung und Presse weltweit eintritt“.

Rubriklistenbild: © AFP

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