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Viele Russen machen auf der Krim Ferien, obwohl in der Ukraine der Krieg tobt. So erleben sie die russische Luftabwehr live mit, wie ein Twitter-Video einer geschockten Urlauberin zeigt.
München/Krim – Jalta. Es ist ein vermeintliches Urlaubsparadies auf der Krim mit langer Geschichte. Im Februar 1945 trafen sich hier der sowjetische Parteichef Josef Stalin, der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt sowie der britische Premier Winston Churchill, um über die Nachkriegsordnung zu beraten.
Schwarzmeer-Halbinsel Krim: Viele Russen kommen auch im Ukraine-Krieg zum Urlaub
Noch heute zeugen Denkmäler auf der Halbinsel am Schwarzen Meer davon, die Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow 1954 der damaligen Sowjetukraine übertrug, aus der 1991 wiederum die heutige Ukraine hervorging. Viele Jahre teilten sich Touristen aus Russland sowie ukrainische Urlauber die langen und feinen Kiesstrände der Krim friedlich.
Ehe Moskau-Machthaber Wladimir Putin zuerst 2014 entschied, die Krim völkerrechtswidrig zu annektieren. Und schließlich seine Truppen im Februar 2022 losschickte, um den westlichen Nachbarn zu überfallen. Auch im Sommer 2023 urlauben dennoch viele Russen an den Schwarzmeerstränden. Den Ukraine-Krieg können sie dort aber nicht ausblenden. Das beweist eindrucksvoll das Video einer Urlauberin, das bei Twitter geteilt wird.
Konkret: Ein offenbar proukrainischer Twitter-Account teilte unter den Hashtags #russian und #ukraine ein Video, das junge, offenbar russische Touristinnen auf einem Krim-Strand zeigen soll. Das Video wurde wohl bei Telegram hochgeladen. Eine junge Frau spricht auf Russisch, ehe sie plötzlich stoppt. Im Hintergrund ist ein lautes Rauschen zu hören. Unvermittelt, aber klar erkennbar, steigt eine große Rakete in den Nachthimmel, während gerade noch die Bässe einer Strandparty zu vernehmen waren.
Ukraine-Offensive: Krim gerät in den Fokus von Kiew
Die junge Frau hält mit der Handykamera voll drauf, wie die Rakete - oder der Marschflugkörper - in den Himmel steigt. Dann richtet sie das Smartphone wieder auf sich und schlägt sich, sichtlich baff, die andere Hand vor das Gesicht. Als könne sie nicht glauben, was sie gerade gesehen hat. „Eine russische Touristin beschwert sich auf der Krim über Raketen“, heißt es in dem Tweet. Symptomatisch: Im Hochsommer 2023 ist die Halbinsel verstärkt in den Fokus der ukrainischen Verteidiger gegen die russische Invasion geraten. Etliche Experten gehen davon aus, dass Kiew mit einer Isolierung der Halbinsel den politischen Druck auf Putin in Russland so sehr erhöhen will, bis er im Kreml nicht mehr tragbar ist.
Fällt die Halbinsel an die Ukraine, dürfte es vermutlich um Putins Macht im Kreml geschehen sein.
„Die Krim spielt für das aktuelle imperiale Bewusstsein Russlands eine wichtige Rolle“, sagte kürzlich etwa der Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Bei seinem „Krim unser“ nutze Putin die Bedeutung als von russischen Literaten verklärten Sehnsuchtsorts politisch ungeniert aus, „um die russische Gesellschaft hinter seinen Kriegskurs zu bringen“, erläuterte der Historiker der Universität Tübingen. Ein Verlust der Krim „wäre eine empfindliche symbolische Niederlage für das Putin-Syndikat“, erklärte Gestwa: „Fällt die Halbinsel an die Ukraine, dürfte es vermutlich um Putins Macht im Kreml geschehen sein.“
Russian tourist in Crimea complains about rockets...#russia #russian #ukraine #Ukrainian #UkrainianArmy pic.twitter.com/TKwtGNcMbR
— Intermarium 24 (@intermarium24) July 26, 2023
Als wollten sie diese These untermauern, greifen die Ukrainer unter Hochdruck die dortigen russischen Truppen mit Drohnen und Langstreckenraketen wie der Storm Shadow an. Laut US-Magazin Forbes soll die Ukraine Anfang der Woche (24./25. Juli) vier Storm-Shadow-Marschflugkörper auf Ziele auf der Krim abgefeuert und dabei mindestens einen folgenschweren Treffer erzielt haben. Denn: Wie der bekannte russische Militärblogger Rybar bei Telegram schrieb, traf eine der Raketen einen russischen Fahrzeugpark im Ort Novostepove, wo die russische Armee demnach beschädigte Militärfahrzeuge reparieren lässt.
Russische Krim-Truppen unter Beschuss: Ukrainische Storm-Shadow-Raketen treffen Ziele
Bereits am 22. Juni war eine Storm-Shadow-Rakete auf der Tschonhar-Brücke im äußersten Norden der Krim eingeschlagen - wonach einer der drei großen Krim-Brücken vorübergehend geschlossen werden musste. Mitte Juli sollen dann ukrainische Meeresdrohnen die größte Krim-Brücke, die Brücke über die Straße von Kertsch, derart beschädigt haben, sodass das riesige Prestige-Bauwerk Putins erneut nicht mehr befahrbar war. Am 8. Oktober 2022 waren bereits ganze Teile der Kertsch-Brücke nach einer schweren Explosion ins Meer gestürzt. Die Bauarbeiten zur Sanierung dauerten Monate.
Yalta. Crimea
— Spriter Team (@SpriterTeam) July 26, 2023
Tourism is in full swing! pic.twitter.com/CT3I4cPmMf
Immer wieder werden auf der Halbinsel ferner Drohnenangriffe auf Munitionsdepots und Luftwaffenstützpunkte gemeldet. Wo das Urlaubsvideo vom mutmaßlichen Einsatz der Luftabwehr entstanden ist, ist nicht bekannt. Jaltas beliebter Badestrand „Massandrovsky Beach“ liegt nur etwa 20 Kilometer von Sewastopol entfernt, wo die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist.
Halbinsel Krim: Russlands Schwarzmeerflotte wird für die Ukrainer zum Ziel
Ein ebenfalls beliebter, weitläufiger Strand erstreckt sich vor Nowofedoriwka südlich der Küstenstadt Jewpatorija im Westen der Halbinsel. Wie in Sewastopol soll auch hier die Flugabwehr Anfang der Woche laut Twitter-Berichten vermehrt aktiv gewesen sein, was sich nicht unabhängig verifizieren lässt. Auch nicht, ob es sich bei der Rakete auf dem Video gegebenenfalls um einen Marschflugkörper gehandelt hat, der von Sewastopol aus auf Odessa im Süden der Ukraine abgefeuert wurde. Ein friedlicher Urlaub bleibt den russischen Touristen an der eigentlich so malerischen Schwarzmeerküste jedenfalls verwehrt. (pm)
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