Interview mit Münchner Merkur

Spahn fordert Vernunft im Rentenstreit – „Würde direkt ins Chaos führen“

Beim Thema Rentenstreit findet Jens Spahn lobende Worte für die Junge Union - rät jedoch zu besonnener Haltung. Der CDU-Mann im Interview mit dem Münchner Merkur.

München – Feueralarm in der Koalition: In diesen Tagen muss Fraktionschef Jens Spahn alle Zeit und Energie darauf verwenden, den Renten-Kompromiss von Union und SPD zu retten. Junge Abgeordnete von CDU und CSU stellen sich frontal dagegen. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Spahn über die Lage – und fordert Vernunft von seiner Fraktion ein.

„Wir verhandeln hart, aber am Ende klappt es“: Jens Spahn (45) führt seit Mai die Unionsfraktion.
Herr Spahn, veranstalten Sie schon Zählappelle in der Fraktion, ob Sie genügend Stimmen für das Rentenpaket zusammenkriegen?
Wir reden jetzt vor allem viel miteinander. Ich weiß, wie die Lage in der Fraktion ist.

Jens Spahn im Interview: Für Renten-Argumente der Jungen Union gebe es „viel Sympathie“

Es gibt Medienberichte, wonach es beim Rentenpaket schon 50 Abweichler geben soll – die finden, der Kompromiss gehe zu sehr zu Lasten der Jungen.
Für die Argumente der Jungen Gruppe und der Jungen Union gibt es viel Verständnis und Sympathie. Gleichzeitig haben alle das große Ganze im Blick: Diese Koalition muss regierungsfähig sein, wenn wir etwas erreichen wollen für unser Land. Für die SPD sind stabile Renten ein so entscheidendes Thema wie für uns Sicherheit, Begrenzung der irregulären Migration oder Ankurbeln der Wirtschaft. Das abzuwägen, ist klassische Verantwortungsethik in der Politik und gilt genauso für uns wie die SPD. In diesem Bewusstsein verhandeln wir.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke
Frau Reichinnek von der Linkspartei bietet der schwarz-roten Koalition ja für das Rentenpaket schon Leihstimmen im Bundestag an. Freuen Sie sich?
Netter Versuch. Wir wollen und werden eine eigene Mehrheit haben.

Spahn im Interview: Rentenkommission kommt dank Junger Union früher als geplant

Verraten Sie uns, ob es Kompromissideen gibt, wie man die Jungen zur Zustimmung zu den Rentenplänen bewegen kann?
Sehen Sie mir bitte nach, dass ich nicht den Stand der internen Gespräche ausbreite. Die Junge Gruppe hat jetzt schon beachtliche Erfolge vorzuweisen. Dank ihnen findet eine wirklich breite Rentendebatte statt. Die brauchen wir, denn in den 30ern gehen die Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge, in Rente – und die Rentenversicherung ist darauf nicht gut vorbereitet. Es ist ein Erfolg der jungen Abgeordneten, dass wir die Rentenkommission jetzt früher einsetzen – noch im Dezember – und viel schneller, nämlich in einem halben Jahr, Ergebnisse mit Substanz erhalten.
Kommt da wirklich was Tragfähiges raus?
Der Auftrag an die Kommission wird jetzt viel umfassender als ursprünglich geplant. Es muss eine neue Rürup-Kommission werden. Es geht um Themen wie die Lebensarbeitszeit, mehr private kapitalgedeckte Vorsorge und das Versorgungsniveau – diesen breiteren Arbeitsauftrag haben wir in den letzten Tagen verabredet. Dass die SPD sich offen zeigt für größere Reformschritte, ist ein echter Erfolg der Jungen Gruppe.

Spahn sieht Wachstum als „Schicksalsfrage“ für Deutschland

Sagen Sie: Die Menschen müssen später als mit 67 in Rente gehen?
Die entscheidende Lösung ist: Wachstum. Wenn wir dieses Land nicht auf Wachstumskurs bringen nach drei Jahren Schrumpfung, dann können wir Pflege-, Kranken-, Rentenversicherung kaum noch stemmen. Die Rückkehr zu stetigem Wachstum ist die Schicksalsfrage unseres Landes. Klingt banal, ist aber so.
Sie weichen der Frage aus!
Nein! Das Renteneintrittsalter gehört auch in die Rentenkommission, natürlich müssen die darüber reden, wie es in den 30er-Jahren bei steigender Lebenserwartung weitergeht. 2031 werden wir bei 67 Jahren Renteneintrittsalter angekommen sein. Das vorliegende Rentenpaket bietet mit der kapitalgedeckten Frühstartrente übrigens schon einen für Deutschland neuen Ansatz, der ein wichtiger Teil der Lösung sein wird.
Könnte der Kanzler die Abstimmung zur Rente mit der Vertrauensfrage verbinden, um die Abweichler auf Kurs zu zwingen?
Jeder weiß auch so, worum es geht.
SPD-Chefin Bas hat bereits mit Koalitionsbruch gedroht. Wenn die Renten-Abstimmung scheitert – ist die SPD dann weg?
Wenn wir als Koalition ein Gesetz zur Abstimmung stellen, muss es eine Mehrheit haben. Dafür tragen beide Koalitionspartner die gleiche Verantwortung.

Spahn im Interview zum Zustand der Merz-Koalition: „Manchmal knallt es auch“

Sie haben gesagt, die Union werde nicht mit der SPD sterben. Seither spukt im politischen Berlin das Gespenst Minderheitsregierung herum. Wäre das die letzte Option, wenn die Koalition mal zerbricht?
Nein. Union und SPD gewinnen gemeinsam und verlieren gemeinsam – aber nicht auf Kosten des anderen. Wir sind also zum Erfolg verpflichtet und arbeiten jeden Tag daran. Das ist anstrengend, manchmal knallt es auch, wir verhandeln hart – aber am Ende klappt es. Die Wehrdienst-Einigung zum Beispiel hat gezeigt, dass wir gute Kompromisse finden, die wir zu Entscheidungen führen. Eine Minderheitsregierung ist sicher keine Alternative, das führt ins Chaos und in die Unregierbarkeit. Wir brauchen eine stabile Mehrheit, auf die sich der Kanzler auch in dieser weltpolitischen Lage verlassen kann.

Ein Koalitionsbruch würde direkt zu Neuwahlen führen.“

Jens Spahn zur Möglichkeit einer Minderheitsregierung
Ihr Wort: Keine Minderheitsregierung?
Wer immer an dieses Szenario glaubt, hat es nicht zu Ende gedacht. Ein Koalitionsbruch würde direkt zu Neuwahlen führen.
Frau Weidel versucht die AfD ja gerade in der Russlandpolitik neu einzunorden auf etwas Distanz zu Putin. Was müsste außerdem passieren, damit die Union die AfD als Mehrheitsbeschafferin akzeptiert?
Die AfD hat Erfolg auf Pump. In Wahrheit ist sie bemerkenswert zerstritten, auch in der Russland-Frage. Weidel sagt nach außen das eine, während ihre Parteifreunde nach Russland reisen und mit Goldbarren zurückkommen. Wir wollen die AfD schwächen. Ein pauschales Dämonisieren allein reicht dafür nicht, das sehen wir ja. Wir müssen die AfD in den zentralen Themen stellen. Beispiel Wehrpflicht: Da duckt sich die AfD komplett weg, hat keine Linie, lässt unser Land schutzlos. Wir müssen den Finger in den Gärungsprozess der AfD legen: Für Putin sein, für China spionieren, und die Kanzlerkandidatin lebt in der Schweiz – nichts davon hat mit Patriotismus zu tun, vieles ist echter Verrat an deutschen Interessen. In der Renten-Frage irrlichtert die AfD mit der Forderung eines unbezahlbaren Rentenniveaus von 70 Prozent – ohne jedes reelle Konzept. Es gibt in fast allen Politikbereichen fundamentale Unterschiede zwischen Union und AfD.

Abschiebungen nach Syrien? Spahn: „Jo Wadephul macht gute Arbeit“

Ihr Außenminister hat in Syrien sehr betroffen Abschiebungen infrage gestellt. Wann norden Sie Wadephul endlich ein?
Der Außenminister hat seine Erschütterung über die starke Zerstörung einer bestimmten Region in Syrien geäußert. Das ist menschlich. Gleichzeitig ist Außenpolitik vor allem Realpolitik. Das zeigt Jo Wadephul, der gute Arbeit macht. Er hat die übermoralische grüne Außenpolitik durch eine interessengeleitete ersetzt. Wir sind uns in der Koalition einig, dass grundsätzlich nach Syrien abgeschoben werden kann und muss. Politisch ist Syrien wieder auf dem Weg zu Stabilität. Zuerst geht es um Straftäter und Gefährder, Zug um Zug auch alle anderen ohne Bleiberecht, besonders alleinstehende Männer ohne Job. Das geht nicht von heute auf morgen, aber mittelfristig muss in ein Syrien ohne Krieg zurückgekehrt werden. (Interview: Christian Deutschländer)

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