Gegenoffensive

Eigenes Vorgehen statt Nato-Training: Ukraine wendet sich von westlichen Taktiken ab

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Nahaufnahme einer kugelsicheren Weste eines ukrainischen Soldaten im Jahr 2022 (Symbolbild).
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Die Ukraine erlitt zu Beginn der Gegenoffensive große Verluste. Nun scheint die Armee Kiews zu alten Taktiken zurückzukehren – der Westen ist besorgt.

Kiew – Die Gegenoffensive der Ukraine läuft seit zwei Monaten, bleibt aber hinter den hohen Erwartungen zurück. Offenbar haben die ukrainischen Kommandeure nun ihre Taktik geändert: Statt unter Beschuss gegen Minenfelder und Panzersperren anzurennen, wollen die ukrainischen Streitkräfte Russland mit Artillerie und Langstreckenraketen zermürben, heißt es in einem Bericht der New York Times vom Mittwoch (2. August), der sich auf Angaben unabhängiger Analysten und US-Beamter bezieht. Der Westen sieht das kritisch, denn die Rückkehr zu alten Taktiken birgt auch Risiken.

Offensive vs. Defensive: So unterscheiden sich westlicher und ukrainischer Ansatz

Der Westen ließ sich im Ukraine-Krieg mit der Lieferung von Waffen Zeit – allein die Diskussion über schwere Kampfpanzer dauerte in Deutschland über ein Jahr. In der Zwischenzeit errichteten russische Truppen massive Bollwerke aus Minenfeldern und Panzersperren, die es nun zu überwinden gilt. Keine leichte Aufgabe für die Ukraine, die zahlreiche Verluste zu beklagen hat. Rund 20 Prozent der an die Ukraine gelieferten Waffen seien in den ersten zwei Wochen der Gegenoffensive beschädigt oder zerstört worden, hieß es laut New York Times vonseiten anonymer Beamter aus den USA und Europa. 25 Panzer und Fahrzeuge sowie zahlreiche Soldaten waren es allein bei der Katastrophe im Minenfeld bei Saporischschja. An der Ostfront konnten russische Truppen kürzlich sogar Fortschritte erzielen.

Rund neun Brigaden und damit etwa 36.000 Soldaten hatte der Westen nach seinen Taktiken ausgebildet und offenbar gehofft, die amerikanische Art der Kriegsführung würde dem russischen Ansatz überlegen sein. Während Russland auf eine zentralisierte Kommandostruktur setzt, lassen die USA auch höherrangige Soldaten schnelle Entscheidungen auf dem Schlachtfeld treffen. Zudem gilt das Prinzip des Gefechts der verbundenen Waffen, das beispielsweise Infanterie, Panzer und Artillerie kombiniert, so der New York Times-Bericht. Die Ukraine hatte dank ihrer Defensivtaktiken zu Beginn des Krieges entgegen aller Expertenmeinungen der russischen Invasion standgehalten. Die Rückeroberung des eigenen Territoriums verlange nun aber von der Ukraine „auf andere Art und Weise zu kämpfen“, sagte Colin H. Kahl, ein ehemals hochrangiger Beamter im Pentagon. Im Training des Westens wurden die ukrainischen Truppen daher auch in Offensivtaktiken geschult.

Deutlich zu erkennen: Zerstörte und/oder verlassene Bradley-Schützenpanzer sowie ein verlassener Leopard-2-Panzer der ukrainischen Armee (unten). Das Foto soll in der Region Saporischschja entstanden sein.

Ukraine kehrt in Gegenoffensive womöglich zu alter Taktik zurück – Fehler liegt auch bei Nato

Im Süden des Landes versuchen die Streitkräfte Kiews weiterhin, die russischen Linien zu durchbrechen, allerdings in kleinen Einheiten. Ansonsten setzt die Ukraine nun offenbar den Fokus darauf, die russischen Streitkräfte mit Artillerie und Langstreckenraketen zu bekämpfen. Die Artillerie der Ukraine gilt - auch aufgrund der größeren Reichweite - der russischen zwar als überlegen. US-Militärexperten zeigten sich jedoch besorgt. Denn die Rückkehr zur alten Taktik birgt das Risiko, wertvolle Munitionsvorräte aufzubrauchen. Das wäre für den Westen eine kostspielige Strategie und würde zudem dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Hände spielen, der Militärbeobachtern zufolge auf einen Abnutzungskrieg setzt.

Das Problem lag wohl in der Annahme, dass die ukrainischen Einheiten mit ein paar Monaten Training dazu gebracht werden könnten, so zu kämpfen wie die amerikanischen Streitkräfte.

Michael Kofman von der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace

Auch die Bundeswehr bemängelt einem Bild-Bericht zufolge die fragmentierte Truppenführung und mangelnde Abstimmung im ukrainischen Heer. Kritisiert wurde demnach insbesondere, dass die Ukraine kleine Gruppen an Fußsoldaten vorschicke, um russische Stellungen anzugreifen und erst später Panzereinheiten nachschicke. Das widerspricht dem auch von der Bundeswehr angewendeten und geschulten Prinzips des Gefechts der verbundenen Waffen. „Das Problem lag wohl in der Annahme, dass die ukrainischen Einheiten mit ein paar Monaten Training dazu gebracht werden könnten, so zu kämpfen wie die amerikanischen Streitkräfte und den Angriff gegen eine gut vorbereitete russische Verteidigung anzuführen“, analysierte Michael Kofman von der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace das Dilemma gegenüber der New York Times. Stattdessen solle man den Ukrainern helfen, „so zu kämpfen, wie sie es am besten können.“

Deshalb kann die Gegenoffensive der Ukraine erfolgreich sein

Nicht alle Militärs sind der Meinung, dass die Ukraine tatsächlich eine Änderung ihrer Taktik vollzogen hat. Dass die Ukraine das Gefecht der verbundenen Waffen aufgebe, glaube er nicht, sagte etwa Philip M. Breedlove, ein pensionierter Vier-Sterne-Luftwaffengeneral. Auch von einer gescheiterten Gegenoffensive zu sprechen, halten viele für verfrüht. Nur wenn man die operativen Ziele der Ukraine kenne, könne ein Erfolg oder Misserfolg tatsächlich beurteilt werden, mahnt etwa der ehemalige Nato-General Erhard Bühler in seinem wöchentlichen Podcast „Was tun, Herr General?“ Diese seien aber nicht öffentlich bekannt. Der nationale Sicherheitsberater des US-Präsidenten Joe Biden, Jake Sullivan, gab zudem kürzlich zu bedenken, dass die Ukraine noch über eine „beträchtliche Menge an Kampfkraft“ verfüge. „Sie versucht, den Zeitpunkt zu wählen, an dem sie diese Kampfkraft in den Kampf einbringt, wenn sie auf dem Schlachtfeld die größtmögliche Wirkung hat“, so Sullivan.

„Wenn die Ukrainer es schaffen, durch die erste russische Verteidigungslinie zu kommen, wird die Offensive erfolgreich sein“, glaubt indes Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Es würde reichen, wenn die Truppen „bis zu den quer verlaufenden Versorgungslinien auf Eisenbahn und Straße in Richtung Melitopol vorstoßen“, so der Experte zur Funke Mediengruppe. „Dann könnten sie das ganze Gebiet bis zum Asowschen Meer mit Artillerie und Raketenartillerie beschießen. Das Terrain wäre dann für die Russen nicht mehr zu verteidigen.“ Mit einem schnellen Erfolg rechnen Experten allerdings nicht. Die Gegenoffensive sei nicht gescheitert, sondern werde sich noch bis in den Herbst hineinziehen, so Michael Kofman zur New York Times.

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