Trotz massivem Aufwand durch Dobrindts Asylwende: Nur wenige Dutzend Asylsuchende abgewiesen
Grenzkontrollen
An der deutschen Grenze zu Österreich gibt es bereits seit rund zehn Jahren wieder „temporäre“ Grenzkontrollen, die seitdem mehrfach verlängert wurden. 2023 kamen Kontrollen an den Grenzen zu Polen, Tschechien und der Schweiz hinzu, 2024 folgten die restlichen Grenzen. Die neuerliche Ausweitung der Kontrollen samt Zurückweisungen von Asylsuchenden soll auch der Abschreckung dienen. So sagte Dobrindt am vergangenen Donnerstag bei dem Besuch einer Kontrollstelle im bayerischen Inntal, man wolle ein „Signal an die Welt“ senden, das zeige, „dass sich die Migrationspolitik in Deutschland verändert hat“. Welche Wirkung solche Aussagen über Europa hinaus haben, lässt sich nicht messen.
Messen lässt sich aber, wie viele Asylsuchende innerhalb der ersten Woche der verschärften Kontrollen deutschlandweit an Grenzen abgewiesen wurden: 32. Die Gewerkschaft der Polizei hat derweil schon deutlich gemacht, dass sie die intensivierten Kontrollen nur noch wenige Wochen aufrechterhalten könne. Auch manche anderen europäischen Staaten kontrollieren an den Grenzen zu ihren EU-Nachbarländern. In Frankreich ist das ebenfalls seit rund zehn Jahren wieder der Fall, vor allem an der Grenze zu Italien. Ohne „nennenswerten Effekt“, wie der französische Migrationsforscher François Herán neulich in der FAZ sagte. Diese Meinung teilen viele Fachleute in dem Feld.
Asylanträge gehen zurück – Syrien ist nicht mehr Platz Eins der Herkunftsländer von Asylsuchenden
Rückgang bei Asylanträgen
In den ersten vier Monaten 2025 meldete das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) 45 681 Asyl-Erstanträge in Deutschland – ein Minus von 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In den Zahlen enthalten sind auch Anträge von hier neugeborenen Kindern von Geflüchteten. Nicht enthalten sind Menschen aus der Ukraine, die bei uns meistens direkt Schutz erhalten.
Herkunftsländer
Der April war der erste Monat seit langem, an dem nicht mehr Menschen aus Syrien die größte Gruppe der neuen Schutzsuchenden in Deutschland ausmachten – sondern Afghan:innen. Die Anzahl der Syrer:innen und auch der Menschen aus der Türkei, die in Deutschland Asyl suchen, geht seit Monaten zurück. Das schlägt auf die Gesamtstatistik durch. Laut Bamf stellten Afghan:innen im April 2191 von deutschlandweit 9108 Asyl-Erstanträgen. Es folgten Menschen aus Syrien (1615), der Türkei (956) und Somalia mit 368 Anträgen.
Auch wenn Grenzkontrollen gelobt werden: weniger Ankünfte an EU-Grenzen Ursache für weniger Geflüchtete
Die Lage in Europa
Die Zahlen der neu in Deutschland um Asyl Suchenden sinkt – wenn man sich die jeweiligen Vorjahresmonate anschaut – seit dem Winter 2023/2024. Ex-Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) brachte das unter anderem mit den Grenzkontrollen in Verbindung und sagte zu Amtszeiten: „Wir haben die irreguläre Migration stark zurückdrängen können.“ Viele Fachleute widersprechen. So betont der Migrationsforscher Franck Düvell im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, dass die Entwicklung der Asylzahlen in Deutschland „parallel zum Rückgang der Zahlen in der Europäischen Union verläuft“.
Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern
Laut Eurostat haben im vergangenen Jahr EU-weit rund 912 000 Menschen erstmals Asyl beantragt – 13 Prozent weniger als 2023. Dieser Trend scheint sich fortzusetzen: So war die Anzahl der Asylantragstellenden im Dezember so niedrig wie zuletzt im April 2022. An diesen europaweiten Zahlen sehe man laut Düvell klar, dass der aktuelle Rückgang in Deutschland mit den gesunkenen Ankünften an den EU-Außengrenzen zu tun habe und „überhaupt nichts mit den Kontrollmaßnahmen an den deutschen Grenzen“.
Lage stabilisiert sich in Syrien und Libyen: Zahl der Geflüchteten geht zurück
Türkei und Syrien
Woran liegt der Rückgang dann? Düvell macht hier vor allem zwei große Entwicklungen aus: Zum einen sei bereits seit einer Weile – nicht erst seit dem Sturz Assads – ein Rückgang bei der Zahl der Menschen aus Syrien zu beobachten, die mit einem temporären Schutzstatus in der Türkei lebten. Während es laut der Internationalen Organisation für Migration im Oktober 2024 noch 3,1 Millionen Menschen waren, waren es im März 2025 keine 2,8 Millionen mehr. Sollte sich Syrien weiter stabilisieren, ist davon auszugehen, dass sich die Anzahl weiter reduziert – nicht weil die Menschen sich auf den gefährlichen Weg über die Ägäis nach Europa machen, sondern weil sie nach Syrien zurückkehren.
Die Rolle Libyens
Als weiteren wichtigen Faktor für den Rückgang der Anzahl der Schutzsuchenden führt der Experte Düvell die relative Stabilisierung des in verschiedene Machtsphären aufgeteilten Libyens auf. Zwar kam es dort kürzlich wieder zu Gefechten zwischen Milizen. Doch sei die Lage in dem Land, in dem unter anderem viele Menschen aus Subsahara-Afrika leben, stabiler und sicherer als noch vor ein paar Jahren.
Mehr Menschen blieben dort und versuchten gar nicht erst, nach Europa weiterzuziehen. Gleichwohl ist die Route Libyen-Italien weiter frequentiert: Von Januar bis zum 18. Mai erreichten laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR knapp 19 000 Menschen, die in Libyen mit Booten gestartet waren, über den Seeweg Italien. Über Tunesien kamen 980, über Algerien 180. Hauptherkunftsland auf der zentralen Mittelmeerroute war von Januar bis März mit Abstand Bangladesch, gefolgt von Pakistan und Ägypten.
Europa teilt sich Geflüchtete auf – Flucht eher in direkte Nachbarländer, wie beim Sudan
Zielländer
Das Beispiel Bangladesch zeigt, dass die Menschen, die in Europa ankommen, sich sehr unterschiedlich auf die Mitgliedsstaaten verteilen: Laut der Asylagentur der EU haben von den 3300 Menschen aus dem politisch instabilen Bangladesch, die im März EU-weit Asyl beantragt haben, 85 Prozent ihre Anträge in Italien gestellt. Von den 1700 Menschen aus der Demokratischen Republik Kongo, die im März in der EU um Asyl ersucht haben (plus 57 Prozent zum Vorjahresmonat), stellten drei Viertel ihren Asylantrag in Frankreich. Die vielen Menschen aus der von einer neuen Repressionswelle erfassten Türkei, die in letzter Zeit in der EU Asyl suchten, taten dies vor allem in Deutschland (im März: 44 Prozent) – während Asylsuchende aus Venezuela zu 94 Prozent ihre Anträge in Spanien stellten.
Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“
Weltweit sucht eine Mehrheit der Vertriebenen innerhalb des eigenen Landes Zuflucht. Von jenen, die über Grenzen flüchten, bleiben laut Bundesentwicklungsministerium rund 70 Prozent in den Nachbarländern. So auch im Sudan, wo in jüngster Zeit so viele Menschen geflohen sind wie nirgends sonst: Laut dem UNHCR hat der seit Frühjahr 2023 andauernde Krieg im Sudan mehr als 12,3 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Vier Millionen davon haben das Land verlassen, die meisten von ihnen hausen in Lagern im Osten des Tschad oder haben rund um Kairo in Ägypten Zuflucht gefunden.
In Deutschland bekommt man von dieser massiven Vertreibung kaum etwas mit: Von Januar bis April haben gerade mal 245 Sudanes:innen hier Asyl beantragt. Migrationsforscher Düvell erklärt: „Wir wissen aus der Fluchtforschung: Die Menschen gehen nicht einfach irgendwohin.“ Jene, die weiter fliehen als in die oft armen Nachbarländer, entschieden sich für ihr Ziel oft aufgrund von bestehenden sozialen Netzwerken. Menschen aus dem Sudan aber – zumal aus den Darfur-Regionen – hätten in Deutschland kaum Anknüpfungspunkte.
Fluchtrouten nach Europa ändern sich ständig – Geflüchtete sterben auf dem Weg nach Europa
Fluchtrouten
Die Fluchtrouten nach Europa verändern sich ständig. Das liegt auch daran, dass Schlepper die Routen variieren, damit die Flüchtenden nicht abgefangen werden. Es liegt aber auch an den Abschottungsbemühungen der europäischen Länder. Hier gibt es regelmäßig Verschärfungen: In jüngster Zeit etwa der Einsatz neuer Überwachungsdrohnen in Bulgarien, vermehrte Pushbacks in Zypern bis nach Syrien oder die Praxis Italiens, privaten Rettungsschiffen weit entfernte Häfen zuzuweisen, um die Crews möglichst lange vom Einsatz im Mittelmeer fernzuhalten. Auch die Staaten Nordafrikas halten Schutzsuchende auf. Oft bestehen Verträge mit der EU oder einzelnen europäischen Ländern. Algerien, das unabhängig handelt, sammelte zuletzt im ganzen Land Migrant:innen ein und brachte sie zu Tausenden an die Grenze zum Niger in der Sahara und setzte sie dort aus.
Todesopfer
Es ist unklar, welche Rolle beim Rückgang der Zahlen die zunehmende Abschottung spielt. Klar ist, dass deshalb besonders gefährliche Routen gewählt werden, wie jene von westafrikanischen Ländern, etwa Mauretanien und Senegal, über den Atlantik auf die Kanaren. Alleine im Mittelmeer sind 2024 laut UNHCR mindestens 3500 Menschen bei dem Versuch ertrunken, nach Europa zu kommen – oder gelten nach Bootsunglücken als vermisst. Auch im Atlantik, an der Landgrenze zu Polen, auf dem Balkan und im Ärmelkanal gab es Tote.
Nur temporärer Migrationsanstieg nach der Corona-Pandemie – Entwicklungen und Auswirkungen der Lage in Nahost ist unklar
Die Rolle der Corona-Pandemie
Ein weiterer Teil der Erklärung dafür, warum die Zahlen ausgerechnet seit 2023 zurückgehen, ist Düvell zufolge Corona. So seien jegliche Formen der Migration während der Pandemie 2020 bis 2022 stark zurückgegangen – und 2023 dann deutlich angestiegen, weil sich viele Menschen vorher in einer Art Wartesituation befunden hätten. Danach gingen die Zahlen wieder zurück.
Wie es weitergeht
Migrationsforscher Düvell zufolge sind die großen Unbekannten die Kriege im Sudan und in Gaza. Viele Menschen aus dem Sudan machen sich (noch) nicht auf den Weg nach Europa. Und die Menschen in Gaza können das derzeit nicht. Sollten sie den zerstörten Küstenstreifen verlassen können, dürften sich nicht wenige davon auf den Weg nach Europa machen. Unklar ist auch, wie es in Syrien weitergeht.