Porträt

Freie-Wähler-Kandidatin Christine Singer bei der Europawahl 2024: Die Europabäuerin

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Christine Singer ist Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europawahl und verabschiedet sich vom Dirndl – a bisserl. Ein Porträt.

München – Löwenzahn, weidende Kühe, die Alpen. „Es is so schee, dass fast scho kitschig is“, schwärmt Christine Singer in einem Video von 2021. Beschienen von einer milden Frühlingssonne stellt sie da ihren Hof im oberbayerischen Idyll vor. Damals war sie Kreisrätin für die Freien Wähler und Bezirksbäuerin im Bauernverband – rundum in ihrem Element.

Christine Singer
Geboren1965
ParteiFreie Wähler
LandkreisGarmisch-Partenkirchen

Christine Singer will aus den Alpen bis nach Brüssel

Kreis und Bezirk, das lässt sie jetzt hinter sich. Nach drei Jahren will die 58-Jährige vom Bilderbuch-Voralpenland nach Brüssel. Zwei Sitze im EU-Parlament hat die bürgerlich-konservative Kleinpartei bisher. Ihr Chef Hubert Aiwanger hat die Landwirtin auf den Spitzenplatz für die Europawahl im Juni gehievt – mehr oder weniger aus dem Nichts.

Zumindest politisch gesehen. Denn ihren eigentlichen Karriereweg abseits des heimischen Milchviehbetriebs im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist Christine Singer schon zu Ende gegangen. 2022 wurde sie zur Landesbäuerin gewählt; das ist ein bayerisches Ehrenamt, das doch gewissen Erklärungsbedarf hat: Singer steht in dieser Rolle an der Spitze der Landfrauen und damit personifiziert für das konservative, traditionelle Bayern: Tracht, Hof, Heimat, Familie, Engagement vor Ort.

Christine Singer ist gewissermaßen Erste Frau in einem nach Geschlechtern getrennten System: dem bayerischen Bauernverband. Dem berufsständischen, „männlichen“ Zweig steht ein Bauernpräsident vor. Theoretisch könnte das auch eine Frau werden, versucht hat das jedoch noch keine – es gibt ja die Parallelstruktur der Landfrauen.

„Ich muss total raus aus der Komfortzone“, sagt Singer über ihren Schritt nach Europa.

Kandidatin der Freien Wähler kommt vom Bauernverband

Was alle im Verband eint, ist die Lobbyarbeit für herkömmliche Landwirtschaft und ländlichen Raum. Das war auch für Christine Singer stets Antrieb. Dem „Bayerisch Landwirtschaftlichen Wochenblatt“ sagte sie vergangenen Sommer: „Für mich war bislang immer klar, dass ich Lobbyistin und keine Politikerin bin.“ Und jetzt? Als Aiwangers Anfrage für Europa kam, erzählt sie, „da hats mich fast zerrissen“. Gerade im neuen Amt, am „persönlichen Ziel“, da war der erste Instinkt: „Nein, des geht jetzt nicht.“

Am Ende ging es doch. Landwirtschaft und die EU (beziehungsweise deren Vorgänger) sind bekanntlich keine getrennten Welten. In Brüssel und Straßburg wird über Subventionen entschieden, hier entlädt sich aber auch der bäuerliche Zorn über neue Auflagen und Verordnungen.

Christine Singer: Bäuerin mit Bilderbuch-Hof

Diese Welt kennt Singer: In neueren Videos von ihrem Bilderbuch-Hof oder von Bauerndemos stimmt sie in die Kritik am Kurs der Ampel ein. Nie fanatisch, meist mit einem Lächeln. Initiativen für weniger Tierhaltung zum Wohl der Umwelt kritisiert sie aber scharf. Und als kürzlich das EU-Parlament das Gesetz zur Wiederherstellung der Natur verabschiedete, rief sie beim Parteifreund auf EU-Ebene an, Engin Eroglu, um sicherzugehen, dass der auch dagegen stimmt. Die bisherigen Interessen dürften weiter an erster Stelle stehen.

Die bisher erschienenen Porträts zur Europawahl 2024:

Die Preußin: Marie-Agnes Strack-Zimmermann gibt für die Europawahl mächtig Gas und macht (fast) vergessen, dass sie für die FDP antritt. Ein Porträt.

Ursula von der Leyen will ein zweites Mal EU-Kommissionspräsidentin werden. Für die Macht muss sie bei ihren Überzeugungen weiter Abstriche machen. 

Dem CSU-Spitzenkandidaten blieb 2019 der Spitzenjob der EU verwehrt. Jetzt tritt er bei der Europawahl an - hier geht es zum Porträt von Manfred Weber.

Trotz des Abwehrkampfs gegen rechts versucht die Grünen-Kandidatin Terry Reintke, eine positive Perspektive auf Europa zu bewahren.

Der Spitzenkandidat der Linken für die Europawahl, scheut auch vor Auseinandersetzungen mit dem Bundeskanzler nicht zurück. Hier finden Sie das Porträt von Martin Schirdewan.

Kein Parteimitglied und trotzdem Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl 2024. Hier finden Sie das Porträt zu Carola Rackete.

Die SPD-Spitzenkandidatin hat Eigenschaften, die bei Politikern selten anzutreffen sind. Das Porträt von Katarina Barley finden Sie hier.

Für die AfD wird er wegen Spionagevorwürfen immer mehr zum Problem: Spitzenkandidat Maximilian Krah, hier im Porträt.

Für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) tritt ein Finanzexperte an, der für seine Kritik an Cum-Ex-Geschäften und der europäischen Geldpolitik bekannt ist. Hier geht es zum Porträt von Fabio de Masi.

Eine Übersicht der Porträts finden Sie auch in unserem Onlinedossier.

Termine vor der Europawahl statt Arbeit auf dem Hof

Selbst ist sie bei der Hofarbeit wegen der vielen Termine „komplett raus“. Ihre Tochter, eines von zwei Kindern, ist in den väterlichen Betrieb eingestiegen. Hier liegt der Kern von Singers politischer Motivation: „Mir is einfach wichtig, des am Leben zu halten“, sagt sie. Nach viel Grübeln über die Karriere, über die Bedeutung der EU-Agrarpolitik, habe auch ihr Mann ihr schließlich gesagt: „Wenn du diese Chance nicht nutzt, dann bereust du das bis ins Grab hinein.“

Für die Freien Wähler ist Singers Nominierung ein kleiner Coup. Die Landfrauen sind Bayern pur – also eigentlich CSU pur. Singers Vorgängerinnen saßen auch fast alle für die Christsozialen in Kreis- oder Landtag. Dass nun die Landesbäuerin – das Ehrenamt will sie zunächst fortführen – für die Aiwanger-Partei gewissermaßen Europabäuerin werden will, das war auch im Vorfeld der Bayernwahl im Herbst ein Signal: Bayern ist nicht mehr nur gleich CSU.

Wenn du diese Chance nicht nutzt, dann bereust du das bis ins Grab hinein.

Christine Singer, FW-Spitzenkandidatin für die Europawahl 2024

Spitzenkandidatin Singer bei den Freien Wählern auf der Überholspur

Christine Singer nimmt auf dem Weg nach Brüssel die Überholspur bei den Freien Wählern. Erst vor wenigen Monaten ist sie der Bundesorganisation überhaupt beigetreten. Aus der Partei ist deswegen noch immer zu hören: Man müsste sie erstmal genauer kennenlernen.

Beim politischen Aschermittwoch Mitte Februar in Niederbayern spricht sie kurz vor Lokalmatador Aiwanger und bezeichnet das als „schöne Gelegenheit, um mich vorzustellen“. Auch beim Parteitag in Bitburg, wenige Tage später, wirkt sie zuweilen wie ein Fremdkörper. Zwar wird sie herzlich begrüßt, auch Selfies werden gemacht. Sie wird auf die Bühne gerufen, erhält dort einen Platz in der Reihe des Präsidiums, aber ein Namensschild gibt es dort für Singer nicht.

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Bitburg ist erst ihr zweiter Bundesparteitag. 2023 wurde sie im hessischen Fulda für Europa nominiert – und erinnert sich: „Da bin ich mir vorgekommen wie jemand mit einer Schultüte.“ Auch hier tief in der Eifel, auf halbem Weg von Bayern nach Brüssel, fühlt sich das so an. Während ihr zukünftiger Brüsseler Kollege Eroglu den Entertainer gibt, aber auch am Rednerpult mitmischt, sitzt sie an der Seite. In die Debatten über die Abgrenzung zur AfD oder das Europawahlprogramm steigt sie nicht ein.

„Ich muss total raus aus der Komfortzone“, sagt Singer über ihren Schritt nach Europa. Woanders hat sie noch nicht gelebt und, „dass ich viel Englisch gebraucht hab“, räumt sie ein, „des war noch nie so in meinem Leben.“ Ihr Bayerisch schlägt voll durch, Altbairisch mit schwäbischem Einschlag. „Ich will“ wird dann zu „I wui“, „ich glaub“ wird zu „I glaab“. Sie will daran arbeiten, aber sich auch nicht verbiegen. Authentizität vermisse sie wie viele andere im Politikbetrieb. Wenn sie an die Zukunft in Brüsseler Parlament denkt, stellt sie aber klar: „Ich werde da ned jeden Tag im Dirndl aufkreuzen.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Future Image

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