Porträt zur Europawahl

Carola Rackete bei der Europawahl: Die Unerwartete auf der Linke-Liste

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Die Aktivistin Carola Rackete will für die Linke ins Europaparlament – doch ohne außerparlamentarische Bewegungen geht aus ihrer Sicht nichts. Ein Porträt.

Brüssel – Carola Rackete drängt sich nicht in den Vordergrund. Die 35-jährige Aktivistin ist nicht sehr groß und wirkt manchmal so schüchtern, dass man sie fast übersehen könnte. Doch das wäre ein Fehler. Rackete ist schlicht nicht auf dem Egotrip unterwegs. Sie zeigt sich als Teil einer Bewegung, als eine unter vielen.

NameCarola Rackete
Geboren8. Mai 1988
ParteiDie Linke

Nun aber steht sie im Mittelpunkt: Rackete tritt als Spitzenkandidatin zur Europawahl an – jedenfalls als eine von vier Spitzenkandidat:innen einer Partei, deren Mitglied sie gar nicht ist, zudem einer Partei in einer schwierigen Phase, der Partei Die Linke. Wie kann das funktionieren?

Die Linken bei der Europawahl

Es galt als Coup der Parteivorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan, als sie im Juli 2023 zwei überraschende Namen für die EU-Kandidaturen vorschlugen: Die Klima- und Flüchtlingsaktivistin Rackete sollte auf Platz 2 stehen, der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert auf Platz 4.

Beim Bundesparteitag in Augsburg im Oktober wurden beide von den Linken-Delegierten nominiert. Trabert erhielt ein überwältigendes Ergebnis von 96,8 Prozent, Rackete mit 77,8 Prozent immer noch ein stärkeres Votum als einige altgediente Linke. Auf Platz 3 der Liste steht die Europaabgeordnete Özlem Demirel-Böhlke.

Kandidaten der Linken für Europawahl 2024: Partei schickt zwei Parteilose ins Rennen

Die kriselnde Partei zeigte damit, dass sie nicht nur um sich selbst und die Auseinandersetzung mit Sahra Wagenknecht kreist, sondern auch eine Ausstrahlungskraft in die sozialen Bewegungen hinein besitzt. Manche in der Linken mussten jedoch ziemlich schlucken, dass nun zwei Parteilose unter den ersten vier auf der Europaliste der Linken stehen.

Rackete ging schlagfertig darauf ein: „Die meisten im Raum hätten wahrscheinlich nicht damit gerechnet, mich heute hier zu sehen – ich auch nicht“, eröffnete sie ihr Pressestatement bei der Vorstellung ihrer Person im Juli 2023. Entscheidend sei, dass die Klimabewegung durch eine solche Personalie „gute Zugänge zu den Institutionen“ erhalten könne.

Die bisher erschienenen Porträts zur Europawahl 2024:

Die Preußin: Marie-Agnes Strack-Zimmermann gibt für die Europawahl mächtig Gas und macht (fast) vergessen, dass sie für die FDP antritt. Ein Porträt.

Ursula von der Leyen will ein zweites Mal EU-Kommissionspräsidentin werden. Für die Macht muss sie bei ihren Überzeugungen weiter Abstriche machen. 

Der Spitzenkandidat der Linken für die Europawahl, scheut auch vor Auseinandersetzungen mit dem Bundeskanzler nicht zurück. Hier finden Sie das Porträt von Martin Schirdewan.

Trotz des Abwehrkampfs gegen rechts versucht die Grünen-Kandidatin Terry Reintke, eine positive Perspektive auf Europa zu bewahren.

Die SPD-Spitzenkandidatin hat Eigenschaften, die bei Politikern selten anzutreffen sind. Das Porträt von Katarina Barley finden Sie hier.

Für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) tritt ein Finanzexperte an, der für seine Kritik an Cum-Ex-Geschäften und der europäischen Geldpolitik bekannt ist. Hier geht es zum Porträt von Fabio de Masi.

Für die AfD wird er wegen Spionagevorwürfen immer mehr zum Problem: Spitzenkandidat Maximilian Krah, hier im Porträt.

Sie ist Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europawahl und verabschiedet sich vom Dirndl – a bisserl. Ein Porträt von Christine Singer.

Eine Übersicht der Porträts finden Sie auch in unserem Onlinedossier.

Das klang gut, die Resonanz fiel überwiegend positiv aus. Rund vier Monate später aber musste Rackete lernen, welche Fettnäpfchen eine parteipolitisch unerfahrene Kandidatin besser umgehen sollte. Salopp hatte sie den Parteinamen der Linken in einem Interview zur Disposition gestellt.

„Ach, den Namen Die Linke könnten wir von mir aus ändern“, sagte sie. Und empfahl, dass sich die Partei konsequenter von ihrer SED-Vergangenheit distanzieren und die Thematik stärker aufarbeiten solle. Als hätte sich die Partei nicht jahrelang mit dieser Aufarbeitung herumgequält und mit diversen Änderungen des Namens versucht, sich neu zu profilieren.

Linke-Kandidatin Rackete: Kein Problem, Fehler einzuräumen

Die Frau, die in Schleswig-Holstein auf dem Land aufgewachsen ist, nutzte den Fauxpas und zeigte schnell, dass sie kein Problem damit hat, Fehler einzugestehen. „Da habe ich Mist gemacht“, sagte Rackete direkt nach dem Interview. Sie wisse, dass sie damit Menschen verletzt habe und der Geschichte und Gegenwart der Linken damit nicht gerecht geworden sei. Für diese Offenheit gab es erleichterten Applaus beim Nominierungsparteitag in Augsburg.

Danach steckte die Kandidatin ihr Themenfeld für den Wahlkampf ab: Landwirtschaft, Verkehr, Klimagerechtigkeit. Die Linke sei für sie die richtige Partei, „weil sie die einzige ist, die die soziale Frage nicht gegen die ökologische Frage ausspielt“. Als „mutwillige Brandstifter der Klimakrise“ brandmarkte sie „die Konzerne und ihre Lobbypolitik“. So passt die Externe ins Raster der Linken.

Carola Rackete – studierte Ökologin und Aktivistin

Die Frau mit der Dreadlock-Frisur ist gelernte Naturschutzökologin. Sie besitzt einen Master in Ökologie und war viel im Polargebiet unterwegs, auf Expeditionen für das Alfred-Wegener-Institut. Bekannt wurde sie aber als Kapitänin in der Flüchtlingsrettung und unbeugsame Widersacherin des damaligen italienischen Innenministers Matteo Salvini, eines rechten Hardliners.

Rackete steuerte seinerzeit trotz eines Verbots den Hafen der italienischen Insel Lampedusa an, um mehr als 40 aus Libyen geflüchtete Menschen an Land zu bringen. Das brachte ihr ein Strafverfahren ein, das aber 2021 eingestellt wurde. Dadurch wurde die Kapitänin zur Symbolfigur im Kampf gegen inhumane Flüchtlingspolitik.

Was auch beeindruckte: Trotz ihrer jungen Jahre – damals war sie 31 Jahre alt – agierte Rackete mit der Souveränität einer gestandenen Seefahrerin. Immerhin hatte sie ja auch schon mit 23 Jahren Expeditionen für das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung geleitet und sich später bei Greenpeace engagiert.

Zahlen und Daten zur Europawahl 2024

Wahltag: Das Europaparlament wird in Deutschland am Sonntag, dem 9. Juni gewählt. In der gesamten EU erstreckt sich die Wahl aber auf vier Tage - vom 6. bis zum 9. Juni. Damit will man den Wahltraditionen in den einzelnen Ländern Rechnung tragen. In den meisten Mitgliedstaaten wird wie in Deutschland an einem Sonntag oder gesetzlichen Feiertag gewählt, in den Niederlanden werden die Wahllokale aber zum Beispiel donnerstags geöffnet.

Abgeordnete : Im Plenum des EU-Parlaments, das abwechselnd in Brüssel und in Straßburg tagt, sitzen insgesamt 705 Abgeordnete. Die Zahl der Sitze soll sich nach der Wahl im Juni auf 720 erhöhen. Das wären dann aber immer noch 14 Sitze weniger als derzeit im Deutschen Bundestag. Das Europaparlament repräsentiert jedoch 27 Mitgliedsländer mit insgesamt fast 450 Millionen Menschen.

Verteilung: Deutschland darf die größte Anzahl an Abgeordneten ins EU-Parlament entsenden - 96 Mandate. Die zweitgrößte Zahl stellt künftig Frankreich (81), dann kommen Italien (76) , Spanien (61) und Polen (53). Den kleinsten Anteil haben Zypern, Luxemburg und Malta mit jeweils 6 Abgeordneten.

Fraktionen: Die EU-Abgeordneten bilden länderübergreifend Fraktionen, die ihren jeweiligen politischen Zielen am nächsten kommen. Derzeit gibt es sieben Fraktionen im EU-Parlament. Die größte ist die EVP, in der sich Christdemokraten und Konservative zusammenfinden. Danach kommen die Sozialdemokraten (S&D). Liberale (Renew) und Grüne inklusive Regionalparteien (Grüne/EFA). Dann gibt es mit der EKR eine weitere konservative Fraktion, die Rechtspopulisten und Rechtsextremen (ID) sowie Die Linke.

In den vergangenen Jahren war Rackete beteiligt beim Kampf gegen Autobahnprojekte. Es passte zu ihr, wie in der Protestgemeinschaft bei Baumbesetzungen ein anderes Leben ausprobiert wurde. So gehörte sie zu der Besetzergruppe, die vor fünf Jahren im Dannenröder Forst in Mittelhessen ausharrte, um die Rodung für den Bau der A 49 zu stoppen.

Im vergangenen Herbst engagierte sich Rackete für den Erhalt des Fechenheimer Waldes in Frankfurt, der ebenfalls für ein Autobahnprojekt fallen sollte. Wenn es um öffentliche Auftritte ging, ließ sie dabei gerne anderen den Vortritt – doch die Öffentlichkeit wurde aufmerksamer, wenn die bekannte Kapitänin das Wort ergriff.

Rackete warnt vor „Mehrheit von Faschisten und Konservativen“ im EU-Parlament

Bei der Vorstellung der Wahlkampagne der Linken im März fehlte Rackete aus gesundheitlichen Gründen. Doch mittlerweile tut sie, was Kandidat:innen vor Wahlen tun: Sie äußert sich regelmäßig zu aktuellen Themen. Als die Bahn ihre defizitäre Bilanz vorlegte, kommentierte Rackete etwa: „Wir sollten uns nicht über die Unpünktlichkeit der Bahn ärgern, sondern über die konsequente Unwilligkeit der Verkehrsminister, sich für öffentlichen Transport einzusetzen.“

Carola Rackete tritt auf Platz 2 der Linken für die Europawahl an. Parteimitglied ist sie nicht.

Nicht zuletzt wendet sich die Linken-Kandidatin gegen eine drohende „Mehrheit von Faschisten und Konservativen“ im EU-Parlament. „Das hieße noch mehr Politik im Interesse der Großkonzerne, ein Rollback jedweder Umweltgesetzgebung und in vielen anderen Politikbereichen.“ Und wie soll das gelingen? Es liege „nicht nur an meinem Team und mir“, diese Entwicklung aufzuhalten – das ginge vielmehr „nur durch dauerhafte zivilgesellschaftliche Organisierung“, sagt Rackete.

Dass sie ins EU-Parlament einzieht, ist trotz der schwachen Umfragewerte der Linken wahrscheinlich. Zugleich erscheint klar, dass Carola Rackete das Mandat nicht als Lebensaufgabe versteht. „Ich fände es spannend, wenn die Linke eine Mandatszeitbegrenzung einführen würde“, sagte sie der Zeitschrift Jacobin. Denn viele Menschen hätten „das Gefühl, Politiker:innen würden oft nur an ihre eigene Karriere denken“. Dieses Gefühl zumindest dürfte bei Carola Rackete niemand haben.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Christian Spicker

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