Maximilian Krah bei der Europawahl: Das ist der Spitzenkandidat der AfD
VonUrsula Rüssmann
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Maximilian Krah galt vor kurzem noch als scheinbar unschlagbar, der Durchmarsch bei der Europawahl als sicher. Jetzt wird Krah langsam zum Problem für die AfD. Ein Porträt.
Frankfurt – Es sind äußerst harte Zeiten für Maximilian Krah. Der Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, einer der einflussreichsten Köpfe in der Partei, steht unter Verdacht, Geld angenommen zu haben aus prorussischen Propagandisten-Kreisen. Allein das macht den AfD-Bundesvorstand, dem Krah angehört, schon nervös. Und nun ist auch noch einer seiner engsten Mitarbeiter unter Spionageverdacht für China festgenommen worden. Im EU-Parlament wird immer lauter nach zügigen Ermittlungen gerufen.
Name
Maximilian Krah
Partei
Alternative für Deutschland
Amt
Mitglied des Europäischen Parlaments seit 2019
Alter
47 Jahre (*28. Januar 1977)
Ausbildung
Columbia Business School, Technische Universität Dresden
Das alles kommt für die AfD ungelegen, kurz vor den Europawahlen. Krah sei für die EU-Delegation der Partei schon die letzten Jahre ein Problem gewesen, schreibt Sylvia Limmer, die für die AfD im EU-Parlament sitzt, auf X: „Mit seiner abseitigen Haltung zu China, Russland, den USA, Israel, Frauen und vielem mehr.“ Was sie geflissentlich verschweigt: Gefährlich sind auch Krahs Positionen zu Migration, Bildung, Familie.
Krahs rechter bildungspolitischer Traum: „Inhalte und Werte dürfen nicht den Linken überlassen“
Zunächst mal Bildung. „Derzeit ist es doch Alltag“, schimpft der Dresdner im Telefongespräch mit der FR, „dass die Drag Queen mit dem queeren Infokoffer in die Kita kommt und den Kindern die Köpfe verdreht.“ Deshalb müsse man „eigene Träger gründen, freie Schulen eröffnen.“ Schon in seiner Programmschrift „Politik von rechts. Ein Manifest“ von 2023 fordert er: „Kindergärten, Ganztagsschulen und die darin vermittelten Inhalte und Werte dürfen nicht den Linken überlassen werden.“
Was Krah vorschwebt, das gibt es schon. Im Gespräch lobt er das Beispiel eines Parteifreundes im Kreis Bautzen: In der 2500-Seelen-Gemeinde Oßling amtiert der AfD-Kreistagsabgeordnete – und Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete – Henry Nitzsche als Geschäftsführer der Christliche Schulhaus Oßling gGmbH. Die betreibt zwei Schulen: die Christliche Grund- und die Evangelische Mittelschule, mit Hort und Fahrdienst. Tägliche Morgenandachten, christliche Inhalte, kleine Klassen, Ganztagsangebote: Die Institution, gegründet 2006, kommt gut an. Auch nichtchristliche Eltern schicken ihre Kinder gern dorthin.
Just während des Schulaufbaus machte Nitzsche bundesweit Schlagzeilen mit islamfeindlicher Polemik, er warnte vor einem „Schuldkult“ bezüglich der NS-Zeit, giftete gegen „Multi-Kulti-Schwuchteln“ in der früheren rot-grünen Bundesregierung. Genau diese Themen bedient Krah und erhält im Netz viel Beifall dafür.
Völkisch untermalte Bevölkerungspolitik: Krahs Kinderreichtum als politische Manifestation
Krah hat zudem klare, völkisch untermalte Vorstellungen von Bevölkerungspolitik. Die Überalterung müsse bekämpft werden, aber bloß nicht durch „Masseneinwanderung“: „Europa soll europäisch bleiben und nicht Afrika werden.“ Und wie dann? Kinderreichtum. Krah ist Vater von acht Kindern. Er bejaht klar die Frage, ob auch das als eine Art politischer Manifestation zu verstehen sei: „Ich bemühe mich generell immer, meine Überzeugungen authentisch zu leben.“
Die bisher erschienenen Porträts zur Europawahl 2024:
Die Preußin: Marie-Agnes Strack-Zimmermann gibt für die Europawahl mächtig Gas und macht (fast) vergessen, dass sie für die FDP antritt. Ein Porträt.
Ursula von der Leyen will ein zweites Mal EU-Kommissionspräsidentin werden. Für die Macht muss sie bei ihren Überzeugungen weiter Abstriche machen.
Der Spitzenkandidat der Linken für die Europawahl, scheut auch vor Auseinandersetzungen mit dem Bundeskanzler nicht zurück. Hier finden Sie das Porträt von Martin Schirdewan.
Kein Parteimitglied und trotzdem Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl 2024. Hier finden Sie das Porträt zu Carola Rackete.
Trotz des Abwehrkampfs gegen rechts versucht die Grünen-Kandidatin Terry Reintke, eine positive Perspektive auf Europa zu bewahren.
Für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) tritt ein Finanzexperte an, der für seine Kritik an Cum-Ex-Geschäften und der europäischen Geldpolitik bekannt ist. Hier geht es zum Porträt von Fabio de Masi.
Die SPD-Spitzenkandidatin hat Eigenschaften, die bei Politikern selten anzutreffen sind. Das Porträt von Katarina Barley finden Sie hier.
Sie ist Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europawahl und verabschiedet sich vom Dirndl – a bisserl. Ein Porträt von Christine Singer.
Eine Übersicht der Porträts finden Sie auch in unserem Onlinedossier
Seine Vorschläge im „Manifest“ zur Steigerung der Geburtenrate zielen vor allem auf „Hochqualifizierte“, die weniger Kinder hätten, aber – so seine biologistische Sicht – das bessere Erbgut. Anreize zum Kinderkriegen sollen günstige Kredite für den Hauskauf bieten.
Das mag für manche nur schräg klingen, wie auch Krahs schriller Antifeminismus: „Echte Männer sind rechts! Und als echte Männer wollen wir echte Frauen haben!“, rief er in seiner Aschermittwochsrede. Doch ranken sich um Krah, neben den dubiosen Ostkontakten, noch weitere Undurchsichtigkeiten.
Krahs Kontakte in rechtsextreme Netzwerke und zu Trump: Vernetzung von „rechten Patrioten“
Seit Januar darf er nicht mehr als Rechtsanwalt auftreten: Er habe „die Zulassung zurückgegeben, aus Zeitmangel“, sagt er. Die Anwaltskammer Tübingen, wo er eingetragen war, darf nur sagen, dass gegen Krah ermittelt worden sei, ob er seine Kanzleipflicht erfülle. Die ID-Fraktion in Brüssel suspendierte Krah 2023 monatelang wegen Unklarheiten bei der Ausschreibung von Werbeleistungen. Er bestreitet Manipulation.
Dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ist der Sachse schon lange bekannt. Schon 2018 unterstützte er laut BfV die nun als rechtsextrem eingestufte Gruppe „Ein Prozent“, er ist häufig Gast der rechtsextremen Denkfabrik „Institut für Staatspolitik“. Hinweise auf Kontakte zur „Identitären Bewegung“ häufen sich.
Gerade wurde eine Befragung durch das FBI im Dezember bekannt: Da reiste er zu einer Prunkgala ultrarechter Republikaner mit Donald Trump an – im Kreis von AfD-lern sowie von Aktiven der Identitären-Szene. Die Wochenzeitung Zeit zitiert Krah später, er habe in den USA „lohnende internationale Kontakte“ geknüpft. „Rechte Patrioten“ müssten sich „weltweit vernetzen“.
Das „Manifest“ des AfD-Europaabgeordneten: Agitation gegen vermeintliche Masseneinwanderung
Ganz zentral in Krahs Agenda ist die Agitation gegen vermeintliche muslimische Masseneinwanderung, etwa mit Sätzen wie 2018: „Kollektiver sexueller Missbrauch europäischer Mädchen ist die typische Begleiterscheinung der orientalischen Landnahme.“ Krah spricht von der „Wahnidee, Europa ,bunt‘ machen zu müssen“. Denn „bunt ist auch ’ne Müllhalde“, ätzt er auf Youtube.
Sein Gegenentwurf steht in seinem „Manifest“ von 2023, das einiges beigetragen haben dürfte zur Einstufung der sächsischen AfD als gesichert extrem. Da heißt es, anzustreben sei massenhafte „Remigration der nicht Integrationswilligen und -fähigen“. Das könne in großer Zahl aber nur gelingen durch die „richtigen Anreize“, schreibt Krah: Abbau des Sozialstaates, Investitionen in Herkunftsländern und die „Durchsetzung der deutschen Kultur“, um „Integrationsunwilligen“ den weiteren Aufenthalt zu „vergällen“.
Krahs Verschwörungserzählungen: „Great Reset“, „Umvolkung“ und der Raub der westlichen Identität
Wie soll das gehen? Am Telefon nennt Krah das Beispiel Syrien. Nicht Sanktionen gegen Diktator Assad, sondern ein Investitionsschutzabkommen mit Damaskus will er, und Investitionsanreize für deutsche Firmen: „Das würde viele Syrer zurücklocken, weil sie dort Arbeit finden.“ Staatliche Sozialausgaben will er um ein Viertel senken, was auch Deutsche treffen würde. Das Prinzip bei finanzieller Hilfe für Bedürftige müsse sein: „Geld muss mit sozialer Kontrolle verknüpft werden.“
Es ist eine andere, autoritär und völkisch strukturierte Gesellschaft, die Krah anstrebt. Dazu bemüht er Verschwörungserzählungen von „Great Reset“, „Umvolkung“ und Globalismus, die angeblich alle nur eines wollen: dem Westen seine Identität rauben. Der Historiker Dieter Gosewinkel nennt das „Manifest“ denn auch in der „Welt“ eine „explizite Feinderklärung gegenüber der liberalen Demokratie“.
Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel
Für die Europawahl im Juni gab sich der AfD-Mann noch vor kurzem optimistisch: „Wir werden deutlich stärker werden. Der Trend ist auf unserer Seite.“ Ob er auch auf Krahs Seite ist, wird sich erst noch zeigen. (Ursula Rüssmann)