Porträt zur Europawahl

Martin Schirdewan bei der Europawahl: Der erfahrene Kandidat der Linken

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Martin Schirdewan sitzt seit 2017 im Europaparlament und ist Co-Vorsitzender der Fraktion der Linken. Seiner Partei ist er dennoch manchmal nicht präsent genug. Das Porträt.

Brüssel – In Schwarz gekleidet, mit Blazer, T-Shirt und Jeans, betritt Martin Schirdewan das Rednerpult des Europäischen Parlaments in Straßburg. Der Plenarsaal ist an diesem 9. Mai voll: Bundeskanzler Olaf Scholz ist zu Gast und hat gerade eine Rede über die Zukunft der EU gehalten. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, ist ebenfalls anwesend.

NameMartin Schirdewan
Geboren12. Juli 1975
ParteiDie Linke
AmtMitglied des Europäischen Parlaments seit 2017

Martin Schirdewan rückt das Mikrofon zurecht und schießt los: „Die Armut wächst, Mieten und Heizungskosten steigen, Lebensmittelpreise explodieren, während sich Energie-, Nahrungsmittelkonzerne und Rüstungsindustrie dumm und dämlich verdienen.“ Der Co-Vorsitzende der Partei Die Linke und Spitzenkandidat für die Europawahl im Juni formuliert seine Aussagen klar und direkt.

„Keine Angst haben, Klartext zu sprechen“ – Linken-Kandidat Martin Schirdewan für die Europawahl 2024

„Ich bin ein Berliner“, sagt er der Frankfurter Rundschau dazu als Erklärung und lacht dabei. Dann wird er wieder ernster: In einer Gesellschaft, in der die extreme Rechte in Europa stärker wird, sei eine erkennbare populäre linke Handschrift notwendig. „Man darf keine Angst davor haben, Klartext zu sprechen. Auch im Plenum. Es braucht eine deutliche Ansage an die Mächtigen“, erklärt er. Und in dieser Hinsicht ist er kompromisslos.

Die bisher erschienenen Porträts zur Europawahl 2024:

Die Preußin: Marie-Agnes Strack-Zimmermann gibt für die Europawahl mächtig Gas und macht (fast) vergessen, dass sie für die FDP antritt. Ein Porträt.

Ursula von der Leyen will ein zweites Mal EU-Kommissionspräsidentin werden. Für die Macht muss sie bei ihren Überzeugungen weiter Abstriche machen. 

Kein Parteimitglied und trotzdem Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl 2024. Hier finden Sie das Porträt zu Carola Rackete.

Trotz des Abwehrkampfs gegen rechts versucht die Grünen-Kandidatin Terry Reintke, eine positive Perspektive auf Europa zu bewahren.

Die SPD-Spitzenkandidatin hat Eigenschaften, die bei Politikern selten anzutreffen sind. Das Porträt von Katarina Barley finden Sie hier.

Für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) tritt ein Finanzexperte an, der für seine Kritik an Cum-Ex-Geschäften und der europäischen Geldpolitik bekannt ist. Hier geht es zum Porträt von Fabio de Masi.

Für die AfD wird er wegen Spionagevorwürfen immer mehr zum Problem: Spitzenkandidat Maximilian Krah, hier im Porträt.

Sie ist Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europawahl und verabschiedet sich vom Dirndl – a bisserl. Ein Porträt von Christine Singer.

Eine Übersicht der Porträts finden Sie auch in unserem Onlinedossier

Schirdewan ist seit 2017 Mitglied des Europäischen Parlaments und immer wieder redet er sich in Rage. Seit mehr als fünf Jahren richtet sich sein Unmut vor allem gegen Ursula von der Leyen. Als im Dezember in Brüssel über die Reform des europäischen Asylsystems debattiert wird, zögert er nicht, sie für den Tod von Zehntausenden von Menschen im Mittelmeer verantwortlich zu machen. „Shame on you“, schleudert er ihr entgegen.

Der 48-Jährige nimmt seine Rolle als Chef der linken Opposition sehr ernst – wird jedoch von anderen Abgeordneten oft nicht ernst genommen. Wenn Martin Schirdewan das Wort ergreift, verdrehen so manche die Augen. Andere Fraktionen bezeichnen ihn als wütenden Idealisten, hört man in den Gängen von Straßburg und Brüssel. Er selbst sagt, dass ihn das nicht beeindruckt. Auch nicht die kritischen Stimmen in seiner eigenen Partei, die ihn wiederum zu leisetreterisch finden und ihm vorwerfen, die Linke in den Medien nicht präsent genug zu halten. Seine Europapolitik verschaffe der Partei Sichtbarkeit und sei ein enormer Gewinn, hält er dagegen.

Linken-Kandidat Martin Schirdewan: Die Leidenschaft für Politik hat er vom Großvater

Martin Schirdewan ist in Ostdeutschland in einer Funktionärsfamilie aufgewachsen. Er ist der Enkel eines ranghohen SED-Funktionärs, Karl Schirdewan, der wegen Kritik am Stalinismus in Ungnade gefallen war. Sein Großvater habe ihm seine Leidenschaft für die Politik vererbt, sagt er. Die Erfahrungen seiner Familie in der DDR haben ihm aber auch gezeigt: „Der Sozialismus muss demokratisch sein.“

Während des Gesprächs sitzt Schirdewan in seinem Büro in Berlin. Im Hintergrund hängen rote Vintage-Porträts von Rosa Luxemburg. In seinen Studienjahren arbeitete er als Redakteur für die Zeitschrift „Utopie kreativ“, der PDS-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Später leitete er deren Büro in Brüssel, das Verbindungsbüro in Athen und baute ein weiteres Büro in Madrid auf.

Zahlen und Daten zur Europawahl 2024

Wahltag: Das Europaparlament wird in Deutschland am Sonntag, dem 9. Juni gewählt. In der gesamten EU erstreckt sich die Wahl aber auf vier Tage - vom 6. bis zum 9. Juni. Damit will man den Wahltraditionen in den einzelnen Ländern Rechnung tragen. In den meisten Mitgliedstaaten wird wie in Deutschland an einem Sonntag oder gesetzlichen Feiertag gewählt, in den Niederlanden werden die Wahllokale aber zum Beispiel donnerstags geöffnet.

Abgeordnete : Im Plenum des EU-Parlaments, das abwechselnd in Brüssel und in Straßburg tagt, sitzen insgesamt 705 Abgeordnete. Die Zahl der Sitze soll sich nach der Wahl im Juni auf 720 erhöhen. Das wären dann aber immer noch 14 Sitze weniger als derzeit im Deutschen Bundestag. Das Europaparlament repräsentiert jedoch 27 Mitgliedsländer mit insgesamt fast 450 Millionen Menschen.

Verteilung: Deutschland darf die größte Anzahl an Abgeordneten ins EU-Parlament entsenden - 96 Mandate. Die zweitgrößte Zahl stellt künftig Frankreich (81), dann kommen Italien (76) , Spanien (61) und Polen (53). Den kleinsten Anteil haben Zypern, Luxemburg und Malta mit jeweils 6 Abgeordneten.

Fraktionen: Die EU-Abgeordneten bilden länderübergreifend Fraktionen, die ihren jeweiligen politischen Zielen am nächsten kommen. Derzeit gibt es sieben Fraktionen im EU-Parlament. Die größte ist die EVP, in der sich Christdemokraten und Konservative zusammenfinden. Danach kommen die Sozialdemokraten (S&D). Liberale (Renew) und Grüne inklusive Regionalparteien (Grüne/EFA). Dann gibt es mit der EKR eine weitere konservative Fraktion, die Rechtspopulisten und Rechtsextremen (ID) sowie Die Linke.

Als Europaabgeordneter unterhält er ein Wahlkreisbüro in Jena und ein weiteres in Hannover. In Brüssel leitet er seit 2019 gemeinsam mit der Französin Manon Aubry die europäische Linksfraktion. Und der promovierte Politologe will sein Mandat in Brüssel auch als Parteivorsitzender einer krisengeschüttelten Partei verteidigen. Er kandidiert an der Seite der Aktivistin Carola Rackete.

Die Linke in der Krise – Schirdewan will „ins politische Gefecht“ ziehen

Die Linke hat als Partei das schlimmste Jahr seit ihres Bestehens hinter sich, aber Martin Schirdewan versucht, Optimismus zu bewahren. Den Austritt von Sahra Wagenknecht und ihren Gefolgsleuten bezeichnet er deswegen als Chance. Es brauche eine linke Partei, die für „soziale Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität eintritt, so dringend wie lange nicht“. Die Linke habe aufgrund ihrer Streitigkeiten diese Repräsentationslücke nicht füllen können.

Er will das Vertrauen der Wähler:innen vor allem durch eine klare Kommunikation wiederherstellen. Es steht viel auf dem Spiel: Bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland im September könnte die Linke abschmieren, weil das Bündnis Sahra Wagenknecht ihr das Wasser abgraben könnte. Martin Schirdewan wirkt fast schon stur in seiner Zuversicht: Die Partei werde wieder mehr Zuspruch in Umfragen und bei Wahlen erreichen. „Wir ziehen in das politische Gefecht“, kündigt er an.

Linken-Parteichef Martin Schirdewan ist seit Jahren in der Europapolitik aktiv.

Seine Leidenschaft zum Gefecht beschränkt sich auf politische Auseinandersetzungen. Er sei kein Pazifist, aber Antimilitarist, sagt er. „Mein Großvater war als Kommunist elf Jahre in den Zuchthäusern und KZs der Nazis eingesperrt. Deshalb gilt für mich: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg.“ Er geißelt Aufrüstung und plädiert für friedliche Mittel im Ukraine-Krieg. Doch ist das nicht unrealistisch, Herr Schirdewan?

Schirdewan: Kontakt mit der Basis ist entscheidend

„Ist es realistisch, einen Krieg zu führen, der wahrscheinlich Jahre andauern wird, um Russland militärisch zu besiegen?“, fragt er zurück. „Das halte ich für total naiv. So wie die meisten Konflikte wird auch dieser Krieg am Verhandlungstisch enden. Und deshalb geht es jetzt darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.“ Wie das konkret aussehen soll, darauf bleibt er die Antwort schuldig. Dass eine diplomatische Lösung möglich sei, wiederholt er dennoch immer wieder in Interviews und politischen Debatten.

Im persönlichen Gespräch ist Schirdewan zugewandt, nicht selten witzig. Er gibt zu, dass er sich gerne auf der großen Bühne mit Ursula von der Leyen oder Olaf Scholz misst, sagt aber auch, dass der Kontakt zu den Menschen an der Basis entscheidend sei. Sich mit denen zu unterhalten, die sich durchs Leben schlagen oder die sich gesellschaftlich engagieren, findet er wichtig, vor allem für sich selbst: „Die inspirieren mich ungemein.“ Dafür krempelt er auch selbst mal die Ärmel hoch. Im Winter bekochte und bediente er die Leute im Restaurant der Herzen in Bad Salzungen. „Dieser unmittelbare Kontakt ist für eine linke Partei absolut notwendig, um Politik zu gestalten, weil er viel mehr über die gesellschaftlichen Verhältnisse aussagt als irgendwelche abstrakten Parlamentsdebatten.“

Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern

Karte der Europäische Union
Die Europäische Union ist eine wirtschaftliche und politische Vereinigung von 27 europäischen Ländern. Insgesamt leben etwa 450 Millionen Menschen im Gebiet der EU. Ursprünglich als Wirtschaftsverbund gegründet, hat sie sich zu einer Organisation entwickelt, die eine Vielzahl von Feldern abdeckt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der europäische Binnenmarkt der größte gemeinsame Markt weltweit. Er ermöglicht die freie Bewegung der meisten Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. © PantherMedia (Montage)
Römischen Verträge EU
Der Grundstein für die heutige EU wurde am 25. März 1957 gelegt. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg unterzeichneten damals die Römischen Verträge. Für Deutschland setzten Kanzler Konrad Adenauer (links) und Walter Hallstein, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ihre Unterschriften unter das Dokument. Damit waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) besiegelt. © dpa
Margaret Thatcher und François Mitterrand
Am 1. Januar 1973 traten Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich der EG bei. Einfach war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa nie. Auch Premierministerin Margaret Thatcher (links) war keine Freundin Europas. Mit der Forderung „We want our money back“ setzte die Eiserne Lady 1984 beim Gipfel in Fontainebleau einen Rabatt bei den Zahlungen Großbritanniens in die Gemeinschaftskasse durch. Verhandlungspartner wie der französische Präsident François Mitterrand (rechts) waren machtlos. © Daniel Janin, Gabriel Duval/afp
Militärjunta in Griechenland
Zum 1. Januar 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft bei. Die Aufnahme des Landes war heftig umstritten. Europa befürchtete, sich einen unangenehmen Partner ins Nest zu holen. So sorgte zum einen das konfliktreiche Verhältnis Griechenlands zur Türkei für Unbehagen. Noch schwerer wog die Diktatur der rechtsextremen Militärjunta, die erst im Juli 1974 zu Ende gegangen war. Ein interner Machtwechsel am 25. November 1973, als Panzer im Athener Zentrum auffuhren (im Bild), konnte den Wandel nicht mehr aufhalten. © Imago
Von wegen grenzenlos - Ärger in Schengen über Grenzkontrollen
1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten das „Schengener Abkommen“ über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Die weitgehende Reisefreiheit erleichterte das Leben und Arbeiten in anderen europäischen Ländern erheblich. Alle Bürgerinnen und Bürger der EU haben das Recht und die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welchem EU-Land sie arbeiten, studieren oder ihren Ruhestand verbringen möchten.  © Harald Tittel/dpa
Franco und Juan Ćarlos
1986 nahm die EG zwei neue Mitglieder auf: Portugal und Spanien. Damit konnten beide Staaten ihre Isolation auf dem Kontinent beenden. Vor allem für Spanien war der Beitritt in die EG ein markanter Wendepunkt, um die Folgen der jahrzehntelangen Diktatur unter Francisco Franco (rechts) zu überwinden. Juan Carlos (links), der zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 zum König proklamiert worden war, spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der Diktatur. Bei der Aufnahme des Bildes im Jahr 1971 hatte er noch im Schatten Francos gestanden. © afp
Silvester 1989 am Brandenburger Tor
Eine Erweiterung im eigentlichen Sinne war es nicht. Doch als am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitraten, wurde die EG automatisch um ein gutes Stück größer. Mit der Wiedervereinigung erstreckte sich das gesamte Gemeinschaftsrecht nun auch auf das Beitrittsgebiet. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 80 Millionen Menschen ist Deutschland seitdem der bevölkerungsreichste Mitgliedsstaat. © Wolfgang Kumm/dpa
Genscher und Waigel unterzeichnen Maastrichter Vertrag
Anfang der Neunziger war die Zeit reif für einen Wandel. Die Römischen Verträge hatten ausgedient. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs der EU ein neues Vertragswerk. Für Deutschland unterzeichneten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) und Finanzminister Theo Waigel (rechts) das Dokument. Der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union trat am 1. November 1993 in Kraft. Mit dem EU-Vertrag entwickelte sich die europäische Gemeinschaft zu einer politischen Union. © dpa
Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Norwegen 1994
1995 nahm die EU drei neue Länder auf. In Österreich, Schweden und Finnland hatten zuvor die Menschen in Volksentscheiden dem Beitritt zugestimmt. Auch Norwegen ließ das Volk in einem Referendum darüber abstimmen. Doch hier sah das Ergebnis anders aus. 52,2 Prozent der Wahlberechtigten in Norwegen votierten in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt.  © Berit Roald/Imago
Tschechien feiert EU-Beitritt
Neun Jahre später kam es zur ersten Osterweiterung. Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und die Republik Zypern der EU bei. Die neuen EU-Länder feierten den Beitritt, in Prag (hier im Bild) und anderen Hauptstädten freuten sich die Menschen über eine Zukunft unter dem Dach der EU. Die Europäische Union setzte sich somit aus 25 Mitgliedstaaten zusammen. © Michal Svacek/afp
Rumänien - EU
Der zweite Teil der Osterweiterung ließ nicht lange auf sich warten. Am 25. April 2005 unterzeichneten Rumänien und Bulgarien den Beitrittsvertrag zur EU. Beide Länder wurden zum 1. Januar 2007 in die Europäische Union aufgenommen. Für die Menschen in Bukarest (hier im Bild) gab es also mehr als nur einen Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Die Fläche der EU wuchs mit dieser Erweiterung auf etwas mehr als 4,3 Millionen Quadratkilometer.  © Robert Ghement/dpa
Kroatien wird EU-Mitglied
Schon im Juni 2004 war Kroatien der Status eines offiziellen Beitrittskandidaten verliehen worden. Doch die Verhandlungen verzögerten sich mehrmals, erst sieben Jahre später konnten sie erfolgreich abgeschlossen werden. Kurz danach stimmten 66,3 Prozent der Wahlberechtigten bei einem Referendum für den Beitritt in die EU. Am 1. Juli 2013 war schließlich der Zeitpunkt gekommen, um vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Flagge Kroatiens zu hissen. Die EU bestand damit aus 28 Mitgliedsstaaten. © Frederick Florin/afp
EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp
Banksy-Kunstwerk zu EU und Brexit
Seit dem 31. Januar 2020 besteht die EU nur noch aus 27 Staaten. Nach 47 Jahren verließ das Vereinigte Königreich als erstes Mitgliedsland die Europäische Union. Im Juni 2016 hatte eine knappe Mehrheit in einem Referendum für den Abschied aus der EU gestimmt. Der britische Street-Art-Künstler Banksy kommentierte den Brexit auf seine Art. In der Hafenstadt Dover malte er eine riesige EU-Flagge an eine Hauswand – zusammen mit einem Handwerker, der einen der Sterne entfernt. © Glyn Kirk/afp
Friedensnobelpreis für EU.
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Martin Schulz (von links nach rechts) nahmen den Preis bei der Verleihung im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2012 in Empfang. © Cornelius Poppe/afp

Um Brüssel, Straßburg und Berlin unter einen Hut zu bekommen, schafft er sich Rückzugsorte mit Familie und Freund:innen. „Es gibt nicht viele solcher Momente, aber die wenigen, die ich habe, die verteidige ich mit Zähnen und Klauen.“ Mehr möchte er zu seiner Privatsphäre nicht verraten. Höchstens vielleicht noch über seine Marotte: Martin Schirdewan ist immer schwarz gekleidet. Ein Journalist hat ihn deshalb sogar als „Stilgott“ bezeichnet. Das findet er übertrieben. „Es steht mir einfach gut“, sagt Schirdewan. Er errötet leicht und lacht.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Christian Spicker

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