Martin Schirdewan bei der Europawahl: Der erfahrene Kandidat der Linken
VonSereina Donatsch
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Martin Schirdewan sitzt seit 2017 im Europaparlament und ist Co-Vorsitzender der Fraktion der Linken. Seiner Partei ist er dennoch manchmal nicht präsent genug. Das Porträt.
Brüssel – In Schwarz gekleidet, mit Blazer, T-Shirt und Jeans, betritt Martin Schirdewan das Rednerpult des Europäischen Parlaments in Straßburg. Der Plenarsaal ist an diesem 9. Mai voll: Bundeskanzler Olaf Scholz ist zu Gast und hat gerade eine Rede über die Zukunft der EU gehalten. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, ist ebenfalls anwesend.
Name
Martin Schirdewan
Geboren
12. Juli 1975
Partei
Die Linke
Amt
Mitglied des Europäischen Parlaments seit 2017
Martin Schirdewan rückt das Mikrofon zurecht und schießt los: „Die Armut wächst, Mieten und Heizungskosten steigen, Lebensmittelpreise explodieren, während sich Energie-, Nahrungsmittelkonzerne und Rüstungsindustrie dumm und dämlich verdienen.“ Der Co-Vorsitzende der Partei Die Linke und Spitzenkandidat für die Europawahl im Juni formuliert seine Aussagen klar und direkt.
„Keine Angst haben, Klartext zu sprechen“ – Linken-Kandidat Martin Schirdewan für die Europawahl 2024
„Ich bin ein Berliner“, sagt er der Frankfurter Rundschau dazu als Erklärung und lacht dabei. Dann wird er wieder ernster: In einer Gesellschaft, in der die extreme Rechte in Europa stärker wird, sei eine erkennbare populäre linke Handschrift notwendig. „Man darf keine Angst davor haben, Klartext zu sprechen. Auch im Plenum. Es braucht eine deutliche Ansage an die Mächtigen“, erklärt er. Und in dieser Hinsicht ist er kompromisslos.
Die bisher erschienenen Porträts zur Europawahl 2024:
Die Preußin: Marie-Agnes Strack-Zimmermann gibt für die Europawahl mächtig Gas und macht (fast) vergessen, dass sie für die FDP antritt. Ein Porträt.
Ursula von der Leyen will ein zweites Mal EU-Kommissionspräsidentin werden. Für die Macht muss sie bei ihren Überzeugungen weiter Abstriche machen.
Kein Parteimitglied und trotzdem Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl 2024. Hier finden Sie das Porträt zu Carola Rackete.
Trotz des Abwehrkampfs gegen rechts versucht die Grünen-Kandidatin Terry Reintke, eine positive Perspektive auf Europa zu bewahren.
Die SPD-Spitzenkandidatin hat Eigenschaften, die bei Politikern selten anzutreffen sind. Das Porträt von Katarina Barley finden Sie hier.
Für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) tritt ein Finanzexperte an, der für seine Kritik an Cum-Ex-Geschäften und der europäischen Geldpolitik bekannt ist. Hier geht es zum Porträt von Fabio de Masi.
Für die AfD wird er wegen Spionagevorwürfen immer mehr zum Problem: Spitzenkandidat Maximilian Krah, hier im Porträt.
Sie ist Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europawahl und verabschiedet sich vom Dirndl – a bisserl. Ein Porträt von Christine Singer.
Eine Übersicht der Porträts finden Sie auch in unserem Onlinedossier
Schirdewan ist seit 2017 Mitglied des Europäischen Parlaments und immer wieder redet er sich in Rage. Seit mehr als fünf Jahren richtet sich sein Unmut vor allem gegen Ursula von der Leyen. Als im Dezember in Brüssel über die Reform des europäischen Asylsystems debattiert wird, zögert er nicht, sie für den Tod von Zehntausenden von Menschen im Mittelmeer verantwortlich zu machen. „Shame on you“, schleudert er ihr entgegen.
Der 48-Jährige nimmt seine Rolle als Chef der linken Opposition sehr ernst – wird jedoch von anderen Abgeordneten oft nicht ernst genommen. Wenn Martin Schirdewan das Wort ergreift, verdrehen so manche die Augen. Andere Fraktionen bezeichnen ihn als wütenden Idealisten, hört man in den Gängen von Straßburg und Brüssel. Er selbst sagt, dass ihn das nicht beeindruckt. Auch nicht die kritischen Stimmen in seiner eigenen Partei, die ihn wiederum zu leisetreterisch finden und ihm vorwerfen, die Linke in den Medien nicht präsent genug zu halten. Seine Europapolitik verschaffe der Partei Sichtbarkeit und sei ein enormer Gewinn, hält er dagegen.
Linken-Kandidat Martin Schirdewan: Die Leidenschaft für Politik hat er vom Großvater
Martin Schirdewan ist in Ostdeutschland in einer Funktionärsfamilie aufgewachsen. Er ist der Enkel eines ranghohen SED-Funktionärs, Karl Schirdewan, der wegen Kritik am Stalinismus in Ungnade gefallen war. Sein Großvater habe ihm seine Leidenschaft für die Politik vererbt, sagt er. Die Erfahrungen seiner Familie in der DDR haben ihm aber auch gezeigt: „Der Sozialismus muss demokratisch sein.“
Während des Gesprächs sitzt Schirdewan in seinem Büro in Berlin. Im Hintergrund hängen rote Vintage-Porträts von Rosa Luxemburg. In seinen Studienjahren arbeitete er als Redakteur für die Zeitschrift „Utopie kreativ“, der PDS-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Später leitete er deren Büro in Brüssel, das Verbindungsbüro in Athen und baute ein weiteres Büro in Madrid auf.
Zahlen und Daten zur Europawahl 2024
Wahltag: Das Europaparlament wird in Deutschland am Sonntag, dem 9. Juni gewählt. In der gesamten EU erstreckt sich die Wahl aber auf vier Tage - vom 6. bis zum 9. Juni. Damit will man den Wahltraditionen in den einzelnen Ländern Rechnung tragen. In den meisten Mitgliedstaaten wird wie in Deutschland an einem Sonntag oder gesetzlichen Feiertag gewählt, in den Niederlanden werden die Wahllokale aber zum Beispiel donnerstags geöffnet.
Abgeordnete : Im Plenum des EU-Parlaments, das abwechselnd in Brüssel und in Straßburg tagt, sitzen insgesamt 705 Abgeordnete. Die Zahl der Sitze soll sich nach der Wahl im Juni auf 720 erhöhen. Das wären dann aber immer noch 14 Sitze weniger als derzeit im Deutschen Bundestag. Das Europaparlament repräsentiert jedoch 27 Mitgliedsländer mit insgesamt fast 450 Millionen Menschen.
Verteilung: Deutschland darf die größte Anzahl an Abgeordneten ins EU-Parlament entsenden - 96 Mandate. Die zweitgrößte Zahl stellt künftig Frankreich (81), dann kommen Italien (76) , Spanien (61) und Polen (53). Den kleinsten Anteil haben Zypern, Luxemburg und Malta mit jeweils 6 Abgeordneten.
Fraktionen: Die EU-Abgeordneten bilden länderübergreifend Fraktionen, die ihren jeweiligen politischen Zielen am nächsten kommen. Derzeit gibt es sieben Fraktionen im EU-Parlament. Die größte ist die EVP, in der sich Christdemokraten und Konservative zusammenfinden. Danach kommen die Sozialdemokraten (S&D). Liberale (Renew) und Grüne inklusive Regionalparteien (Grüne/EFA). Dann gibt es mit der EKR eine weitere konservative Fraktion, die Rechtspopulisten und Rechtsextremen (ID) sowie Die Linke.
Als Europaabgeordneter unterhält er ein Wahlkreisbüro in Jena und ein weiteres in Hannover. In Brüssel leitet er seit 2019 gemeinsam mit der Französin Manon Aubry die europäische Linksfraktion. Und der promovierte Politologe will sein Mandat in Brüssel auch als Parteivorsitzender einer krisengeschüttelten Partei verteidigen. Er kandidiert an der Seite der Aktivistin Carola Rackete.
Die Linke in der Krise – Schirdewan will „ins politische Gefecht“ ziehen
Die Linke hat als Partei das schlimmste Jahr seit ihres Bestehens hinter sich, aber Martin Schirdewan versucht, Optimismus zu bewahren. Den Austritt von Sahra Wagenknecht und ihren Gefolgsleuten bezeichnet er deswegen als Chance. Es brauche eine linke Partei, die für „soziale Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität eintritt, so dringend wie lange nicht“. Die Linke habe aufgrund ihrer Streitigkeiten diese Repräsentationslücke nicht füllen können.
Er will das Vertrauen der Wähler:innen vor allem durch eine klare Kommunikation wiederherstellen. Es steht viel auf dem Spiel: Bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland im September könnte die Linke abschmieren, weil das Bündnis Sahra Wagenknecht ihr das Wasser abgraben könnte. Martin Schirdewan wirkt fast schon stur in seiner Zuversicht: Die Partei werde wieder mehr Zuspruch in Umfragen und bei Wahlen erreichen. „Wir ziehen in das politische Gefecht“, kündigt er an.
Seine Leidenschaft zum Gefecht beschränkt sich auf politische Auseinandersetzungen. Er sei kein Pazifist, aber Antimilitarist, sagt er. „Mein Großvater war als Kommunist elf Jahre in den Zuchthäusern und KZs der Nazis eingesperrt. Deshalb gilt für mich: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg.“ Er geißelt Aufrüstung und plädiert für friedliche Mittel im Ukraine-Krieg. Doch ist das nicht unrealistisch, Herr Schirdewan?
Schirdewan: Kontakt mit der Basis ist entscheidend
„Ist es realistisch, einen Krieg zu führen, der wahrscheinlich Jahre andauern wird, um Russland militärisch zu besiegen?“, fragt er zurück. „Das halte ich für total naiv. So wie die meisten Konflikte wird auch dieser Krieg am Verhandlungstisch enden. Und deshalb geht es jetzt darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.“ Wie das konkret aussehen soll, darauf bleibt er die Antwort schuldig. Dass eine diplomatische Lösung möglich sei, wiederholt er dennoch immer wieder in Interviews und politischen Debatten.
Im persönlichen Gespräch ist Schirdewan zugewandt, nicht selten witzig. Er gibt zu, dass er sich gerne auf der großen Bühne mit Ursula von der Leyen oder Olaf Scholz misst, sagt aber auch, dass der Kontakt zu den Menschen an der Basis entscheidend sei. Sich mit denen zu unterhalten, die sich durchs Leben schlagen oder die sich gesellschaftlich engagieren, findet er wichtig, vor allem für sich selbst: „Die inspirieren mich ungemein.“ Dafür krempelt er auch selbst mal die Ärmel hoch. Im Winter bekochte und bediente er die Leute im Restaurant der Herzen in Bad Salzungen. „Dieser unmittelbare Kontakt ist für eine linke Partei absolut notwendig, um Politik zu gestalten, weil er viel mehr über die gesellschaftlichen Verhältnisse aussagt als irgendwelche abstrakten Parlamentsdebatten.“
Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern
Um Brüssel, Straßburg und Berlin unter einen Hut zu bekommen, schafft er sich Rückzugsorte mit Familie und Freund:innen. „Es gibt nicht viele solcher Momente, aber die wenigen, die ich habe, die verteidige ich mit Zähnen und Klauen.“ Mehr möchte er zu seiner Privatsphäre nicht verraten. Höchstens vielleicht noch über seine Marotte: Martin Schirdewan ist immer schwarz gekleidet. Ein Journalist hat ihn deshalb sogar als „Stilgott“ bezeichnet. Das findet er übertrieben. „Es steht mir einfach gut“, sagt Schirdewan. Er errötet leicht und lacht.