Marie-Agnes Strack-Zimmermann gibt für die Europawahl mächtig Gas und macht (fast) vergessen, dass sie für die FDP antritt. Ein Porträt.
Berlin – Auf Seite 101 rückt sie dann mit der Rede heraus. Alles davor, das kennt man schon von Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Auf den 133 Seiten ihres programmatischen Buches „Streitbar“ bekommt man das noch mal geballt. Und dann eben auf Seite 101: „Ein eigener Kommissar für Verteidigungspolitik könnte die verstärkten Bemühungen der Mitgliedsstaaten koordinieren und gezielt vorantreiben“.
Strack-Zimmermann mit Kompetenz in der Verteidigung
Keine Frage, wer für ein Verteidigungsressort in der EU nach der Europawahl am 9. Juni infrage käme. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar 2024 – „Streitbar“ erschien Ende 2022 – versprach EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen denn auch, im Falle einer zweiten Amtszeit einen Verteidigungsposten in ihrer Kommission zu schaffen. Vordergründig skeptisch merkte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck an: Das sei eine „wunderbare Idee“, deren Finanzierung er aber noch als ungelöst ansehe.
Eine Absage? Vielleicht. Oder vielleicht: Wenn das Hand und Fuß hat mit dem neuen Job, wenn möglichst viele EU-Mitglieder dahinterstehen, dann können wir uns auch hinsetzen und ernsthaft beginnen, Europa verteidigungsfähig zu rechnen. Wie als Replik darauf formuliert Strack-Zimmermann in ihrem „Prêt-à-Portrait“ (eine gewitzte Youtube-Reihe über die Bundestagsabgeordneten der FDP): „Bevor wir eine europäische Armee bekommen, muss es erstmal eine einheitliche europäische Außen- und Verteidigungspolitik geben“. Schwierig? „Das ist ’ne Herausforderung. (...) Verantwortung zu übernehmen, macht auch Freude.“
Die bisher erschienenen Porträts zur Europawahl 2024:
Ursula von der Leyen will ein zweites Mal EU-Kommissionspräsidentin werden. Für die Macht muss sie bei ihren Überzeugungen weiter Abstriche machen.
Dem CSU-Spitzenkandidaten blieb 2019 der Spitzenjob der EU verwehrt. Jetzt tritt er bei der Europawahl an - hier geht es zum Porträt von Manfred Weber.
Der Spitzenkandidat der Linken für die Europawahl, scheut auch vor Auseinandersetzungen mit dem Bundeskanzler nicht zurück. Hier finden Sie das Porträt von Martin Schirdewan.
Kein Parteimitglied und trotzdem Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl 2024. Hier finden Sie das Porträt zu Carola Rackete.
Trotz des Abwehrkampfs gegen rechts versucht die Grünen-Kandidatin Terry Reintke, eine positive Perspektive auf Europa zu bewahren.
Die SPD-Spitzenkandidatin hat Eigenschaften, die bei Politikern selten anzutreffen sind. Das Porträt von Katarina Barley finden Sie hier.
Für die AfD wird er wegen Spionagevorwürfen immer mehr zum Problem: Spitzenkandidat Maximilian Krah, hier im Porträt.
Für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) tritt ein Finanzexperte an, der für seine Kritik an Cum-Ex-Geschäften und der europäischen Geldpolitik bekannt ist. Hier geht es zum Porträt von Fabio de Masi.
Sie ist Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europawahl und verabschiedet sich vom Dirndl – a bisserl. Ein Porträt von Christine Singer.
Nimmt man die chronisch verzweifelte Ungeduld europäischer Partner:innen mit dem großen Zauderer im Bundeskanzleramt, dann scheint Strack-Zimmermann gleich noch mehr für ein Verteidigungskommissariat prädestiniert. Im Gegensatz zur deutschen Sphinx Olaf Scholz ist die Freidemokratin konstruktiv, beredt, gewitzt. Was man halt braucht, um in Europa zu überzeugen. Spätestens seit dem 24. Februar 2022 beweist sie das ein ums andere Mal im Bundestag, wenn sie den Jungensclub um den Kanzler vor sich hertreibt, wenn sie Union und AfD reinreibt, was die einen unter Merkel alles versaut haben und was die anderen niemals draufhaben würden.
Strack-Zimmermann: schulmeisterliche Autorität
Überhaupt die AfD und deren Gleichen in der EU: Strack-Zimmermann hat schon mehrfach unter der Reichstagkuppel gezeigt, wie einer ihrer Leitsprüche – „Keine Toleranz für die Intoleranz“ – in der parlamentarischen Praxis anzuwenden ist: in der Sache ernsthaft, im persönlichen Umgang unbeugsam und ansonsten immer die perfekte schulmeisterliche Autorität gegenüber der verhaltensauffälligen Rasselbande: Pardon wird nicht gegeben. „Ich bin eine stolze Abgeordnete“, hat sie dem „Spiegel TV“ mal gesagt. Man kann das durchaus als Drohung verstehen.
Das hat mehr Methode, als man zuerst denken mag. In der heute noch gültigen Neubewertung Preußens von Hans Scholz in seinem „Am grünen Strand der Spree“, erschienen 1955, lässt er einen Erzähler postulieren: „Repräsentanten des (preußischen) Typs können auch anderswo geboren sein“. Und Preußentum, die Idee, sich selbst hintanzustellen und zuvorderst der Allgemeinheit zu dienen, bewege sich als „Seelenmechanismus“ stets auf einem schmalen Grad zwischen überzogener Selbstverleugnung und schamlosem Zynismus.
Ruhe wie beim hanseatischen Helmut Schmidt?
Strack-Zimmermann vermittelt den Eindruck, sie könne zwischen den Extremen ziemlich gut balancieren. Man vermeint, eine selten gewordene innere Ruhe auszumachen, ein Selbstvertrauen, wie man es zuletzt bei dem hanseatischen Preußen Helmut Schmidt erlebte. Und wie zig andere Geistes-Preußinnen und -Preußen vor ihr, so kontrastiert diese Selbstvergewisserung mit der Ungeduld mit all jenen, die quasi dem „inneren Schweinehund“ freie Fahrt lassen, die – eben völlig unpreußisch – sich vor die Allgemeinheit setzen und nur der schnellstmöglichen Selbstbefriedigung dienen.
Im Podcast „Freiheit deluxe“ mit Jagoda Marinic meinte sie dazu mal – Klartext, selbstredend: „Wir sind eine aufgeregte Gesellschaft geworden. Das nervt total“. Solcher Klartext kann ihr manche Sympathie verscherzen – und tut es wohl auch. Aber sie wäre nicht die Geistes-Preußin, wenn sie sich von beleidigten Leberwürsten beeindrucken ließe.
Strack-Zimmermanns Pointen: „Wen ich lieber verarsche? Die ,Heute Show‘“
Dass ihr von Haus aus ein rheinischer Schalk im Nacken sitzt, tut ein Übriges dazu, jene idealistische Strenge zu kaschieren. Man erinnere sich an ihren jetzt schon legendären „Flugzwerg“-Auftritt beim Aachener Karneval, an die zig Male, wo sie Fernseh-Comedians vorgeführt hat: „Wen ich lieber verarsche? Die ,Heute Show‘.“ Ihr blitzschnellen, blitzgescheiten Pointen – „Wo liegt die Zukunft der Union? Auf dem Friedhof.“ (bei einem CDU-Quiz der „Heute Show“) – lassen manche unken, das sei bloß nichtssagende Clownerie für die Quote.
Aber Strack-Zimmermann setzt dem die mit der preußischen Idee einhergehende Demut entgegen: „Jeder Tag ist eine Lehre“, reflektierte sie im „Spiegel TV“, alles politische Tun könne nur für und mit den Menschen geschehen. Das ist eine gängige Polit-Worthülse, aber Strack-Zimmermanns typische Intensität macht daraus praktisch eine Selbstverpflichtung. Über die man aber auch nicht machtversessen zu werden braucht: „Politik ist ja immer nur eine geliehene Zeit.“ Will sagen: Irgendwann ist es auch mal gut. Nur eben jetzt, hier und heute ist Strack-Zimmermann nicht mal in der Nähe von genug.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Aufstieg in der Politik: Der Weg von der Vizebürgermeisterin Düsselsdorfs in die Bundespolitik
Ihre Lebensdaten tun nur wenig dazu, ein politisches Profil der Kandidatin auszupolstern: geboren 1958 in Düsseldorf, Mutter wie Vater in der CDU, was allerdings wohl eher ein Bekenntnis zur Bonner Adenauer-Republik ist denn eine konservative Überzeugung. Immerhin soll es der Vater sein, der sie ermahnt, stets auf eigenen Füßen zu stehen – eine ungewöhnliche Haltung für einen aus der Kriegsgeneration. Dass man sich manchmal auch gegen alle behaupten muss, lernt sie als Fan von Fortuna Düsseldorf.
Dass Bauchentscheidungen oft richtig sind, verinnerlicht sie, als sie den Berufswunsch Radiojournalistin fahren lässt (wohl ein Verlust für die Innung) und des Eheglücks wegen eine Verlagskarriere macht. In der Folge gibt es weitere Bauchentscheidungen, aus lokaler Empörung politisch aktiv zu werden, in den Düsseldorfer Stadtrat zu gehen, Vizebürgermeisterin zu werden, auf Drängen Christian Lindners in die Bundespolitik zu wechseln, im Verteidigungsausschuss des Bundestages wortgewaltig für die Ukraine einzustehen.
Und nun für das Europäische Parlament zu kandidieren. „Europa ist mal angetreten, um groß zu sein und nicht, um in Details zu gehen“, sagte sie zum Europa-Parteitag der FDP dem Welt-Sender. Der Nebensatz ginge wohl auch prägnanter: „... um sich nicht in Details zu verlieren“. Details klärt man en passant. Das passt zum ultimativen Plakat dieser EU-Wahl, das nur ihren bohrenden Blick zeigt und darüber: „Es ist nicht egal. Es ist Europa“. Mehr Worte gegen den rechtsradikalen Aufmarsch braucht es nicht. Die politische Marke Strack-Zimmermann weiß sich zu verkaufen.
Das Verhältnis FDP und Strack-Zimmermann
Die vielleicht einzige Schwäche ist das Parteikürzel. Die FDP wird halt ihr neoliberales Odium nicht los, die Clique spätpubertierender Jüngelchen (man erinnere sich an Philipp Rösler), der Wahlverein von Sparkassenleitern aus der Provinz (man erinnere sich lieber nicht an Jürgen Möllemann). Da kann eine ganze FDP-Reihe an Justizminister:innen eine tolerantere Gesellschaft implementieren, es bleibt immer nur übrig, was um vorgebliche fiskalische Disziplin bemühte FDP-Obere verhindern.
Passt Marie-Agnes Strack-Zimmermann da rein? Ja. Denn keine andere demokratische Partei (undemokratische sind unter ihrer nicht geringen Würde) würde so recht zu ihr passen. In der FDP können – in leider viel zu großen Abständen – echt liberal Gesinnte immer noch mal reüssieren. Solche wie Hildegard Hamm-Brücher und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Das mit diesen Doppelnamen ist allerdings schon kurios.