Trotz Unterstützung durch Trump – Syriens al-Scharaa im Visier Israels
VonFelix Durach
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Im Konflikt mit Syrien droht ein israelischer Minister mit der Eliminierung von al-Scharaa. Dabei steht der in der Gunst von US-Präsident Trump.
Update, 6.00 Uhr: Nach den israelischen Luftangriffen gegen syrische Regierungstruppen infolge der Gewalt zwischen Drusen und Beduinen haben sich beide Nachbarländer nach US-Angaben auf eine Waffenruhe verständigt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der syrische Präsident Ahmed al-Scharaa hätten mit US-Unterstützung einer Waffenruhe zugestimmt, teilte der US-Botschafter in der Türkei und Sondergesandte für Syrien, Thomas Barrack, auf X mit.
Israel-Minister fordert Tod von Syriens Interimspräsident – „Müssen den Kopf der Schlange eliminieren“
Erstmeldung: Frankfurt – Vor wenigen Wochen pries US-Präsident Donald Trump ihn noch als „sehr guten“ und „attraktiven“ Anführer – heute könnte Ahmed al-Scharaa, Syriens Interimspräsident, ins Fadenkreuz israelischer Angriffe geraten. In Folge des aufgeflammten Konflikts zwischen Drusen und Beduinen in Syrien fordern erste Stimmen im Kabinett von Benjamin Netanjahu bereits, den syrischen Staatschef auszuschalten.
„Wir müssen den Kopf der Schlange eliminieren“, sagte der israelische Hardliner und Minister für Innere Sicherheit Itamar Ben-Gvir in einer Videobotschaft am Mittwoch. Die Schlange, das ist die neue Regierung in Damaskus. Ihr Kopf: Interimspräsident al-Scharaa. Dessen Eliminierung, so Ben-Gvir, sei das einzige, was Israel tun könne.
Besonders heikel an der Forderung ist, dass al-Scharaa seit seiner Machtübernahme in Syrien in der Gunst von Trump zu stehen scheint. Der US-Präsident ist wiederum ein enger Verbündeter von Israels Regierungschef Netanjahu – und könnte somit zwischen den Stühlen stehen.
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Konflikt zwischen Israel und Syrien: Netanjahu nennt Schutz der Drusen „rote Linie“
Auslöser für die radikalen Forderungen aus Israel waren die schweren Vorwürfe gegen Syriens Armee. So sollen die Soldaten allein in der Stadt Suwaida 83 drusische Zivilpersonen hingerichtet haben. Das meldet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien, die sich auf ein Netz von Informanten vor Ort stützt. Andere Quellen sprechen von mehr als 100 Opfern Wegen des Vorgehens gegen die religiöse Minderheit in Syrien hatte sich auch Israel in den Konflikt eingeschaltet und unter anderem Regierungsgebäude in der syrischen Hauptstadt Damaskus angegriffen.
In Israel nehmen die Drusen eine Sonderstellung ein, weil sie anders als muslimische und christliche Araber Militärdienst leisten und eine wichtige Rolle in der Armee spielen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat den Schutz der „drusischen Brüder“ als rote Linie ausgegeben. Syriens Übergangspräsident al-Scharaa hingegen hatte Israel vorgeworfen, sein Land in einen Krieg hineinziehen zu wollen.
Trump lobte Syriens Interimspräsident als „harten Typen“ – nimmt Israel al-Scharaa ins Visier?
Syriens Interimspräsident gilt vor allem wegen seiner Vergangenheit international als umstritten. Seit 2017 stand al-Scharaa unter dem Namen Abu Muhammad al-Dschaulani der islamistischen Miliz-Gruppierung HTS vor, die gegen das Assad-Regime in Syrien kämpfte. Die HTS wurde von diversen Ländern als Terrororganisation eingestuft, da zahlreiche ihrer Mitglieder – daruner auch al-Scharaa – zuvor der islamistischen Terrororganisation al-Quaida oder der Al-Nusra-Front angehörten.
In der saudi-arabischen Hauptstadt Riad sprachen Trump und al-Scharaa knapp eine halbe Stunde lang. Der US-Präsident lobte Syriens Staatschef dabei als „jungen, attraktiven und harten Typen“ und sagte, al-Scharaa habe nun eine „gewaltige Gelegenheit, etwas Historisches für sein Land zu tun“. Trump kündigte weiter an, die US-Sanktionen gegen Syrien aufheben zu wollen. Ein Schritt, den er Anfang Juli auch formal umsetzte. Wenige Tage später strichen die USA die HTS von ihrer Terrorliste. Der Schritt wird als weiterer Teil der Annäherung der USA an Syrien – und damit an al-Scharaa – angesehen.
Israel droht al-Scharaa: Syriens Präsident wäre nicht das erste Opfer
Israels Drohungen gegen al-Scharaa scheinen vor diesem Hintergrund um so bemerkenswerter. Vor allem, weil Israels Militär in den vergangenen Monaten gezeigt hatte, dass man sich nicht nur auf leere Drohungen beschränkt.
„Israel hat in letzter Zeit gezeigt, dass es, wenn es das Gefühl hat, dass ein bestimmter Anführer – wie [Hisbollah-Generalsekretär Hassan] Nasrallah oder die Anführer des iranischen Militärs oder der Hamas – eine offensichtliche Bedrohung für seine nationale Sicherheit darstellt, handeln wird“, sagte der frühere israelische Botschafter Reda Mansour gegenüber Newsweek. Neben Nasrallah hatte Israels Militär bei gezielten Schlägen auch die Hamas-Anführer Ismail Haniyya in Teheran und Yahya Sinwar im Gazastreifen getötet. Sollte Israel Ernst machen, könnte sich auch al-Scharaas Name in die Auflistung einreihen.
Unklar ist jedoch, wie Trump auf einen gezielten Angriff auf al-Scharaa reagieren würde. Das Weiße Haus ließ eine Anfrage von Ippen.Media zu diesem Thema bislang unbeantwortet. Es dürfte jedoch feststehen, dass ein solcher Schritt die Pläne der US-Regierung mit Blick auf Syrien durchkreuzen würden.
Konflikt zwischen Israel und Syrien: Waffenstillstand zwischen Drusen und Armee
Sicherheitskräfte der syrischen Übergangsregierung hatten zuvor Stellung an den Rändern der gleichnamigen Provinzhauptstadt bezogen, um erneut nach Suwaida einzurücken. Nach Angaben aus der syrischen Hauptstadt Damaskus sollen die Regierungstruppen lokale Konfliktparteien auseinanderhalten. Israels Regierung zeigte sich bereit, die Präsenz der syrischen Soldaten in der Region für 48 Stunden zu dulden.
Durchkreuzt Israels Trumps Pläne für Syrien? Interimspräsident al-Scharaa im Fokus
Die israelischen Drohungen gegen al-Scharaa sind vor dem Hintergrund der jüngsten gezielten Tötungen durchaus ernst zu nehmen – Israel hat bereits bewiesen, dass es seine Ankündigungen umsetzt. Ein Angriff auf den syrischen Interimspräsidenten würde jedoch nicht nur die US-Normalisierungsbemühungen torpedieren, sondern auch unvorhersehbare regionale Konsequenzen nach sich ziehen. (fdu mit afp)