Eine Ära vor dem Ende: Leben und arbeiten im Diakonissen-Mutterhaus

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Das Mutterhaus beherbergt seit 1906 die Diakonissen.
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Die Rotenburger Diakonissen haben die Kreisstadt seit der Gründung ihres Mutterhauses 1906 entscheidend geprägt. Eine große Zukunft haben sie nicht mehr. Ein Besuch bei den Letzten ihrer Art.

Rotenburg – „Hilf uns Herr, denn wir verlassen uns auf Dich.“ Es ist Silvester und einer alten Tradition folgend, sitzen die Diakonissen im Rotenburger Mutterhaus mit ihrer Oberin Sabine Sievers im Weihnachtszimmer beisammen. Schwester Christa hat als Dienstälteste in der Runde die Jahreslosung fürs Haus gezogen. „Der Spruch passt doch gut zu uns“, sagt die 93-Jährige. Ihre Mitschwester Margret erklärt: „Es ist ein ganz eigenes Ritual, das wir hier pflegen.“

Das Rotenburger Diakonissen Mutterhaus steht seit mehr als 100 Jahren an der Lindenstraße und macht mit seinem eleganten Jugendstil auf sich aufmerksam. Als es 1906 zusammen mit dem ersten Krankenhaus der Stadt errichtet wurde, stand das Gebäude allein auf weiter Flur, nur umgeben von Wiesen und Gärten. Ein beeindruckendes Gebäude-Ensemble als Auftakt wachsender Diakonie in Rotenburg.

Die Umgebung verändert sich

Längst hat sich die bauliche Nachbarschaft drastisch verändert, sind über Jahrzehnte Bebauungen hinzugekommen, die sich um das Mutterhaus scharen: das Buhrfeindhaus, das Diakonieklinikum mit seinem rustikalen Hubschrauber-Landeplatz aus Beton, die Elise-Averdieck-Schule, die Psychiatrie und die Palliativstation, die Verwaltung und das Tine-Albers-Haus. Allein der Bibelgarten rückt dem Mutterhaus nicht so auf die Pelle, gibt dem ehrwürdigen Gemäuer Raum und Wirkung.

Das prachtvolle, freilich bei jedem Schritt etwas knarrende Treppenhaus mit seiner bunten, lichtdurchfluteten Verglasung strahlt sakralen Geist vergangener Epochen aus. Den imposanten Eingangsbereich dominieren edle Möbelstücke aus Gründerzeit und Biedermeier. Hier atmet Geschichte. Es war 1905 die Diakonisse Helene Hartmeyer, die sich mit 62 Mitschwestern auf den Weg von Hamburg nach Rotenburg machte, weil sie sich mit dem Geschäftsgebaren des dortigen Vorstandes im Mutterhaus Bethesda nicht mehr identifizieren konnte.

So sahen die Zimmer früher aus

Sie hatte die Absicht, eine Diakonissengemeinschaft evangelischen Glaubens in Rotenburg zu gründen. Oberin Sabine Sievers erklärt: „Um die damalige soziale Not des beginnenden Industriezeitalters aufzufangen, wurden immer mehr Kräfte in der Alten- und Krankenpflege, aber auch in der Bildung und Fürsorge von Kindern gebraucht.“ Mit der Gründung des Mutterhauses in Kaiserswerth bei Düsseldorf durch Theodor und Friederike Fliedner begann 1836 die Geschichte der Mutterhaus-Diakonie.

Anfängerinnen mit wenig Privatsphäre

1906 also bietet auch das Mutterhaus in Rotenburg unverheirateten, unausgebildeten und nicht erwerbstätigen Frauen die Perspektive, eine Ausbildung zu erhalten, einen erfüllenden Beruf auszuüben und inmitten einer Gemeinschaft zu leben. Wohn-träume gingen und gehen bis zum heutigen Tag so in Erfüllung. Die jungen Frauen leben unter anspruchslosen Bedingungen im Mutterhaus. Anfangs im „Probesaal“, wie sich Schwester Erna erinnert: „Wir hatten ein Bett, einen Nachttisch, einen Brockeler Stuhl, eine Waschschüssel – durch einen Vorhang von den anderen Schwestern getrennt.“ Mehr Privatsphäre gab es damals nicht. „Wir haben über den Kabinenvorhängen Theater gespielt“, sagt die 91-Jährige und schmunzelt. „Es war eine schöne Zeit.“

Die Zimmer haben sich verändert – von wenig Privatsphäre zu viel persönlicher Note.

Nach der Probezeit wird eine Anwärterin zur Novizin, die auf ihre Einsegnung als Diakonisse hinarbeitet. „Diakonissen stellen ihr Leben in den Dienst am Nächsten“, sagt Sabine Sievers, siebente Oberin seit Gründung des Rotenburger Mutterhauses und damit Nachfolgerin Helene Hartmeyers. „Sie haben in der Kranken-, Alten- und Gemeindepflege, in der Kinderbetreuung, in Kirchengemeinden, den damaligen Rotenburger Anstalten, in der Mission im Ausland und in vielen anderen Einrichtungen gearbeitet. Dabei waren sie oft in verantwortlichen Positionen tätig. Diakonissen genossen hohes Ansehen in der Gesellschaft“, so Sabine Sievers.

Zeitweise bis zu 150 Schwestern

Während zeitweise bis zu 150 Schwestern in Rotenburg tätig waren und im Mutterhaus lebten, verbringen heute noch elf Diakonissen ihren Feierabend hier. So nennt sich der Ruhestand der Schwestern. Als Diakonissen wurden die jungen Frauen feierlich eingesegnet, um der Glaubens-, und Lebensgemeinschaft offiziell anzugehören. Schwester Christa macht eine interessante Beobachtung, wenn sie zurückschaut: „In all den Jahren wurde nicht eine einzige Frau aus Rotenburg Diakonisse.“

Mitschwester Margret wurde vor 84 Jahren in Osnabrück geboren: „Ich habe mich 1959 ganz bewusst für Rotenburg entschieden, obwohl Quakenbrück naheliegender gewesen wäre.“ Oberin Sievers erklärt: „Das Mutterhaus ist bis heute für die gesamte Versorgung der Diakonissen zuständig.“ Schwester Christa lächelt: „Wir jungen Frauen haben ordentlich Leben ins Haus gebracht. Ich kann mich erinnern, dass einige von uns das Geländer im Treppenhaus heruntergerutscht sind. Da wurden wir natürlich von der Probemeisterin zurechtgewiesen. Wir waren eben jung und hatten durchaus Flausen im Kopf.“ Schwester Erna betont: „Es ging nicht streng bei uns zu, aber respektvoll. Wir haben liebevolle Zuwendung erfahren.“

Sie sind die letzten Diakonissen in Rotenburg: die Schwestern Christa (v.l.), Brigitte, Evelin, Christel, Margret und Margret sowie Erna mit Oberin Sievers (2.v.l.).

Die „Küken“ in der Runde sind die Schwestern Evelin und Brigitte. Beide erfuhren ihre Einsegnung erst 1994. „Damit waren wir die letzten Schwestern, die im Mutterhaus eingesegnet wurden“, stellt Schwester Brigitte fest. Oberin Sievers: „Eine Diakonissengemeinschaft versteht sich als weibliche Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft, die auf der Grundlage des christlichen Glaubens ihrem diakonischen Auftrag nachkommt, anderen Menschen zu helfen. Das prägt bis heute die Stadt Rotenburg in besonderer Weise.“ Kein Wunder also, dass die Wümmestadt in Fachkreisen auch gerne mal „Hauptstadt der Diakonie“ genannt wird. „Heute sind wir Auslaufmodelle“, stellt Schwester Christa nüchtern fest. „Meine Mitschwestern und ich sind die letzten unserer Art. Heutzutage erlernen junge Frauen Berufe, wie wir sie ausgeübt haben, aber sie wollen natürlich heiraten, eine Familie gründen.“

Diakonie größter Arbeitgeber in Rotenburg

Und so wird klar: Eines Tages macht die Letzte das Licht aus. „Damit endet zwar eine bedeutende Ära in Rotenburg, aber die Diakonie mit all ihren Diensten und Angeboten, wurzelnd in der Tradition der Diakonissen, ist und bleibt größter Arbeitgeber in Rotenburg“, weiß Oberin Sievers.

Inzwischen wohnen die Diakonissen nicht mehr „auf dem Söller“, wie sie das Dachgeschoss des Mutterhauses nennen. Längst gibt es Wohnungen in den umliegenden Gebäuden. Im Fliedner-Haus hat zum Beispiel Schwester Christel ihr Zuhause, das sie auch mit 88 Jahren noch in Schuss hält. Warum Diakonissen eine so hohe Lebenserwartung haben, kann sich Schwester Erna denken: „Es sind Gemeinschaft und gute Versorgung, die ein langes Leben sichern.“ Es mag weiter spekuliert werden, dass sich Diakonissen durch Ehelosigkeit auch gewissen Ärger mit Mann und Kindern erspart haben. „Wir sind immer mit der Zeit gegangen und blieben auch durch Fortbildungen auf dem Laufenden“, ist Schwester Erna überzeugt und zeigt auf ihre Dienstkleidung: „Auch unsere Tracht wurde immer wieder angepasst und moderner.“

So war es den Diakonissen auch später erlaubt, die so charakteristische Haube abnehmen zu dürfen. Auch, wenn es eines Tages keine Diakonissen mehr gibt, bleiben bedeutsame Institutionen doch dem Haus zugeordnet. Oberin Sievers zählt auf: „Unsere Elise-Averdieck-Schule mit den Ausbildungsgängen für Erziehung, die drei Kindergärten, das Hospiz ,Zum Guten Hirten‘ und der Campus für Geflüchtete in Unterstedt“.

Das Mutterhaus beheimatet einen beeindruckenden Museumstrakt, der die Geschichte des Hauses anschaulich macht, und viele Büros bis unters Dach. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude ist und bleibt ein sichtbares Symbol für Geschichte und Zukunft der Diakonie in Rotenburg. Und solange die letzten Diakonissen hier leben, wird sie die Jahreslosung für 2023 behüten: „Hilf uns Herr, denn wir verlassen uns auf Dich.“

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