Ein Leben direkt an der Bahnlinie

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Wenige Meter von Haus und Wohnung entfernt: Ein Metronom passiert den ehemaligen „Block Kienmoor“.

Der Zug donnert nur wenige Meter vom Schlafzimmer entfernt vorbei. Familie Tietje bewohnt in Waffensen ein ganz besonderes Haus. Wir haben sie in unserer Serie „Wohn(t)räume) besucht.

Waffensen – Die kleine Familie Tietje lebt etwas abseits von Waffensen direkt an der Eisenbahnstrecke Hamburg-Bremen in dem ehemaligen Bahnwärterhäuschen „Block Kienmoor“. Seit 22 Jahren rauschen und rattern im Durchschnitt täglich mehr als 200 Personen- und Güterzüge vorbei. Mal in kurzen, dann in längeren Abständen. Aber sehr groß sind die Takte zwischen den bis zu 200 Stundenkilometer schnellen Stahlkolossen auf der besonders stark frequentierten Strecke nie.

An Bahnstrecken leben viele Menschen, aber in einem ausgedienten Bahnwärter- häuschen und mit Schlaf- zimmern, wackelnden Betten, wenn nachts die endlosen Güterzüge in neun, zehn Metern Distanz von der eigenen Wohnung in Richtung der Hansestädte Hamburg und Bremen vorbeirollen – das ist schon eine kleine Ausnahme.

Wir treffen uns mit Nadin Tietje (37) und ihrer Tochter Casey (14) an einem grauen, regnerischen Tag in dem vor 146 Jahren gebauten Bahnwärterhaus, das drei Jahre vor Einweihung der Eisenbahnverbindung zwischen Hamburg und Bremen fertiggestellt wurde.

Das Rad der Geschichte zurückgedreht ins 19. Jahrhundert: Die Waffensener Bauern brauchten, als man ihnen die Bahnstrecke „vor die Nase“ gesetzt und ihnen die Zuwegung zur Ahe und den Ländereien abgeschnitten hatte, einen Verbindungsweg zu ihrem Wald, den Wiesen und den Äckern. Damit war „Block Kienmoor“ geboren. Zwei Reichsbahnbeamte, die sich gegenseitig ablösten, bedienten von dem kleinen Gebäude aus Signalanlagen, Technik und Schranken und sicherten den freien Weg zu den Ländereien sowie nach Unterstedt und Rotenburg. Mit dem zweigleisigen Ausbau, der Elektrifizierung der Strecke und der Erhöhung der Geschwindigkeiten wurde „Block Kienmoor“ nicht mehr benötigt und die Schranken durch eine Streckenüberführung ersetzt. Die Deutsche Bahn trennte sich von dem alten Gebäude und dem 3 000 Quadratmeter großen Grundstück. Jetzt lebt hier Familie Tietje unter der Anschrift „Zur Ahe 90“.

Wenn das Wetter es zulässt, sind die Tietjes mit E-Scootern unterwegs.

Das kleine rote Backsteingebäude wurde vor wenigen Monaten mit viel Fleiß und Eigenarbeit vollständig renoviert. Ehemann und Vater Ulrich Tietje (59), Stuckateur und bei einer Firma in Sottrum angestellt, ist noch unterwegs und arbeitet. Die unvermeidliche Frage des Besuchers: „Offenbar sind Sie eine glückliche und zufriedene Familie. Aber die vielen Züge, die gehen Ihnen sicherlich auf die Nerven?“ Nadin Tietje, beschäftigt als Pflegeassistentin bei der Diakonie-Sozialstation Rotenburg-Sottrum mit Sitz in Waffensen, antwortet lachend: „Meine Tochter und ich hören die Züge schon längst nicht mehr. Mein Mann hat damit mehr Probleme, gerade nachts. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Metallgestell meines Bettes bei vorbeifahrenden Güterzügen ein wenig wackelt. Aber das stört mich nicht.“ Nadin Tietje blickt hinüber zur Vitrine in dem kleinen Wohnzimmer: „Die Gläser habe ich jetzt umgestellt, damit das Glas nicht klirrt, wenn ein Zug, zum Beispiel ein ICE, vorbeirauscht. Diese schnellen Züge hört man kaum, aber ich glaube, durch die Bodenverhältnisse werden die Schwingungen übertragen.“

Tietje, die noch eine Zwillingsschwester hat, wurde in Rotenburg geboren. Ihre inzwischen gestorbene Mutter Konny und ihr Stiefvater Sjoerd Nauta zogen später nach Waffensen, um sich in dem Bahnwärterhaus einzurichten. Die damals elfjährige Nadin: „Meine Schwester und ich wollten hier gar nicht hin, an den Arsch der Heide. Keine Nachbarn, keine Kinder – nichts!“ Nach einer Weile hätten sie aber auch die Vorzüge gesehen: „Man kann hier so laut sein, wie man will. Man kann hier laute Musik machen, ohne, dass sich jemand beschwert.“

Kein Leben am Rande der Welt

Gesundheitsbedingt seien sie und ihre Schwester dann für einige Jahre in ein Internat in Rheinland-Pfalz gekommen. Das sei eine sehr schöne Zeit gewesen, erinnert sich Nadin Tietje. Als verheiratete Mutter lebe sie inzwischen seit Jahren in Waffensen, sei mit ihrer Familie längst in die Dorfgemeinschaft aufgenommen worden und betätige sich ehrenamtlich in einer Reihe von Vereinen. Tochter Casey besucht das Rotenburger Ratsgymnasium. Bei entsprechendem Wetter geht es in Begleitung von Schulkameraden auf dem E-Scooter durch die Ahe zur Schule.

Überhaupt: „Zur Ahe 90“ bedeute kein Leben am Rande der Welt. Bekannte und Freunde habe die Familie eine ganze Reihe. Ihr Mann gehöre eher zu den Ruhigen und Zurückhaltenden und freue sich darüber, auch einmal mit sich allein zu sein und durch die Natur zu gehen.

Fürs Foto ein Gang auf die Überführung: Jahrelanges Wohnen und Leben an der Bahnstrecke haben bei Nadin Tietje Spuren hinterlassen, regelmäßige Abläufe prägen sich ein: „Jetzt“, sagt sie und schaut auf ihre Uhr, „müsste der Metronom am Bahnhof Rotenburg abfahren, wahrscheinlich auf Gleis 5. Nach etwa einer Minute müsste er hier sein.“ Es stimmte genau. Foto im Kasten.

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