VonAndreas Schultzschließen
Wenn Hermann Solte vor die Haustür tritt, befindet er sich schon an seinem Arbeitsplatz: Er, seine Frau Petra und die vier Kinder leben auf dem Milchhof Solte in Bötersen. Das kommt mit Begleiterscheinungen daher: Das Abschalten nach einem langen Arbeitstag fällt dem Landwirt schwer – aber im Großen und Ganzen genießt die Familie die Vorteile. Ein neuer Teil der Serie „Wohn(t)räume“.
Bötersen – Arbeit und Leben sollen sich möglichst im Verhältnis zueinander stehen: Die sogenannte „Work-Life-Balance“ beschäftigt viele Arbeitnehmer. Für den selbstständigen Landwirt Hermann Solte und seine Familie ergeben sich solche Überlegungen gar nicht, denn der Broterwerb liegen für sie direkt vor der Türschwelle. Leben und Arbeit gehen ineinander über, die Grenzen sind fließend, denn Familie Solte wohnt auf dem Bauernhof.
„Ist doch schön, keinen Arbeitsweg zu haben“, sagt der Landwirt. Nur einer von vielen Vorteilen aus dem Dasein eines Lebensmittelerzeugers. Allerdings kommen der Job und die Nähe zum Arbeitsort auch mit einem straffen Tagespensum: Der Start in den Arbeitstag des Selbstständigen ist in der Regel um 5 Uhr, Feierabend ist ab 19 Uhr möglich, wenn es nicht noch einen typischen Zwischenfall aus dem Landwirteleben gibt – eine Störung des Melkroboters oder eine Komplikation bei der Geburt eines Kalbs zum Beispiel. Für den Hofleiter schließt sich an das „Licht aus!“ im Kuhstall aber oft noch eine einstündige Sitzung für administrative Angelegenheiten oder die Studie von Fachartikeln im Büro an. „Dafür muss man schon brennen“, bestätigt seine Frau Petra, die selbst als Hauswirtschaftslehrerin arbeitet, auf Nachfrage.
Ich habe Bock auf Landwirtschaft.
Das tut Hermann Solte: „Ich habe Bock auf Landwirtschaft“, antwortet er entschlossen. „Ich weiß ja auch, wofür ich das mache“, sagt er zu der Arbeit im eigenen Betrieb. Er liebt die Bewegung an der frischen Luft, und freut sich darüber, jeden Tag aufs Neue gefordert zu sein. Denn eigentlich dürfe er sich an einem regulären Arbeitstag nichts vornehmen – der Betriebsleiter packt an und springt ein, wo er gebraucht wird. Als „Feuerwehrmann“ löscht er die „Brände“, sucht die Lösungen für die kleinen bis großen Krisensituationen: Wenn einem der drei Mitarbeiter beispielsweise mal ein Hydraulikschlauch bei der Arbeit auf dem Traktor platzt oder bei einem der Tiere plötzlich eine potenziell lebensgefährliche Verletzung auftritt.
Auf dem Bauernhof zu leben heißt auch, dass man um 2 Uhr nachts der Erste am Melkroboter ist, wenn dieser übers Telefon eine Störungsmeldung abgesetzt hat. Dass man einmal im Jahr für eine Woche in den Urlaub fährt und nach der Rückkehr schon beim Befahren der Einfahrt wieder durch die Arbeitsbrille schaut: „Man sieht gleich, was anders ist, was erledigt werden muss“, sagt Hermann Solte. „Der Urlaub ist dann vorbei, da kann man einen Haken dran machen“, ergänzt Petra Solte und schmunzelt. Wenn der Wohnsitz auch der Arbeitsplatz ist, bedeutet das eben, dass „Abschalten“ zur Herausforderung werden kann.
Zu tun gibt es nämlich stets reichlich, Sommer wie Winter. In den warmen Jahreszeiten auf dem Feld, in den kühlen bei der Holzarbeit sowie bei der Graben- und Gebäudepflege. Und im Melkstand ohnehin das ganze Jahr über. Die Verwandtschaft packt dann auch mal mit an – aus eigenem Antrieb. Hermann Soltes Vater Hans-Hermann beispielsweise steht nicht selten ebenfalls schon um 5.30 Uhr im Melkstand. Den einen oder anderen Handgriff übernehmen auch Merten und Lüder im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sagen die stolzen Eltern. Wenn einer der Söhne dann mal mit den Worten „Papa, hast du mal was auf dem Hof zu tun?“ auf den Vater zukommt, dann reagiert dieser mit einem erfreutem „Ja, sicher!“. Denn Arbeit ist auf dem Bauernhof immer bis zum Abwinken vorhanden.
Aber: Der Selbstständige kann sich den Tag selbst einteilen, mit dem Radlader Nachbarschaftshilfe beim Büscheentfernen leisten, als Mitglied den Jagdverein auch mal tagsüber unterstützen und sich mal Zeit für die Tätigkeit im Gemeinderat freischaufeln.
Wir sind beide auf einem Hof aufgewachsen, wir kennen das so. In einem Neubaugebiet würde ich mir eingeengt vorkommen.
Ein großes Plus im Leben am Arbeitsort sieht das Paar in dem zur Verfügung stehenden Platz auf dem Hof. Man habe ausreichend Abstand zu den Nachbarn, könne daher im Prinzip fast alles machen, was man möchte, ohne groß Rücksicht nehmen zu müssen. „Wenn Eilert einen Hühnerstall haben möchte, dann bauen wir den“, sagt Petra Solte über das Projekt des Jüngsten der insgesamt vier gemeinsamen Kinder. Dass der Neunjährige auf diese Weise einfach „Hühnerbaron“ (Petra Solte) werden kann, ist ein Vorteil. Genauso, dass der Neunjährige wie seine Geschwister Hedda (17), Merten (15) und Lüder (13) den Platz zum Radfahrtraining und Fußballspiel nutzen konnten. Oder mal zum Spaß den gefrorenen Rasen mähen. Die Weite und ihr Potenzial seien Luxusgut, ist sich das Paar einig. „Wir sind beide auf einem Hof aufgewachsen, wir kennen das so. In einem Neubaugebiet würde ich mir eingeengt vorkommen“, fügt Petra Solte hinzu. Vor allem in der Zeit, in der die Corona-Auflagen besonder streng waren, sei der Raum ein Segen gewesen. Das Grundstück nicht zu verlassen: keine Herausforderung. Die Familienmitglieder können sich bei Bedarf auch gut aus dem Weg gehen.
Die Weite und Offenheit des Geländes bringt allerdings auch mit sich, dass Soltes Hof gut besucht ist. Dass Ortskundige über das Grundstück abkürzen, ist eine Begleiterscheinung. Leben auf dem Bauernhof heißt daher auch, gelegentlich im Wortwechsel Grenzen zu setzen – ein Zaunbau ist nämlich trotzdem nicht geplant. Aber auch ohne ein solches Projekt gibt es auf dem Bauernhof immer viel zu tun.
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