Serie Wohn(t)räume: Vorerst kein Gemeinschaftshaus an der Brockeler Straße

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Detlef Münnich und Birgit Strahmann-Cordes vor dem reservierten Grundstück im Neubaugebiet „Brockeler Straße II“. Für das hinter ihnen abgebildete Gemeinschaftshaus finden sich keine Investoren.
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Die „Interessentengemeinschaft 55plus“ stellt ihre Aktivitäten zur Realisierung eines Gemeinschaftshauses ein. Die engagierten Bürger zeigen sich enttäuscht von der Stadt. Trotz Bemühungen, konnte die Stadt keinen Investor finden.

Rotenburg – Erst im Oktober hatte der Verein „Soziokulturelles Zentrum Rotenburg“ seine Auflösung bekannt gegeben. Er wird das Wernerhaus der Rotenburger Werke nicht kaufen, das Projekt zur Stärkung des Gemeinwohls ist gescheitert. Nun hat eine weitere Rotenburger Bürgerinitiative seinen vorläufigen Rückzug in einem offenen Brief angekündigt: Die „Interessentengemeinschaft 55plus“ stellt ihre Aktivitäten zur Realisierung eines Gemeinschaftshauses im Neubaugebiet „Brockeler Straße II“ ein und überlässt der Stadt das reservierte Grundstück zur weiteren Vermarktung.

Die Kontakte zur Verwaltung seien eingeschlafen, die Unterstützungsangebote seitens der Stadt eher halbherzig gewesen. Das beklagen zumindest Birgit Strahmann-Cordes und Detlef Münnich von der IG 55plus. Schon seit zehn Jahren versucht Strahmann-Cordes ihren Traum vom eigenständigen Wohnen im Alter bei gleichzeitiger Anbindung an kollektiv genutzte Infrastruktur zu verwirklichen.

Seniorengerechtes Baugebiet

Auch durch ihren Einsatz und in guter Kooperation mit der Stadt sei bei der Konzeption der Neubaugebiete „Brockeler Straße I“ und „Brockeler Straße II“ im Bebauungsplan festgehalten worden, dass ein Teil des gemischten Gebietes seniorengerecht gestaltet werden soll. So sind mittlerweile fast 50 Grundstücke mit kleinen ebenerdigen Bungalows bebaut. In ihrer neuen durchmischten Nachbarschaft fühle sich Strahmann-Cordes grundsätzlich wohl: „Es ist sehr schön, wenn die Kinder mit ihren Bobbycars vor meiner Haustür vorbei juckeln.“

Was ihr jedoch fehlt: Ein Gemeinschaftshaus, in dem alle Anwohner zusammen kommen können. Ein großer Saal zum Feiern, ein Hauswirtschafts- und Pflegedienst, Gästezimmer für Besucher, die in den bewusst klein gehaltenen Bungalows keinen Platz finden, regelmäßige Angebote der Volkshochschule oder ein gemeinsames Gerätelager, damit nicht jeder Nachbar einen eigenen Rasenmäher kaufen muss – die Nutzungsideen waren vielfältig. Es scheiterte aber, wie so oft, an der Finanzierung.

Mehr Engagement der Stadt gefordert

Die IG 55plus sei im Rahmen ihrer Möglichkeiten zwar sehr aktiv gewesen, habe erste Entwürfe auf eigene Kosten erstellen lassen und auch immer wieder Vorschläge zur Finanzierung gemacht. Zum Beispiel, dass die Stadt beim Verkauf der Grundstücke im Neubaugebiet auf zehn Euro pro Quadratmeter verzichtet und das Geld in das Gemeinschaftshaus investiert. Rund 110 000 Euro wären so zusammen gekommen, das hätte bei den damaligen Preisen laut Münnich schon fast zum Bau gereicht. Heute geht er eher von Kosten in mittlerer sechsstelliger Höhe aus.

Wir werden alle älter und haben einfach nicht mehr die Power.

 Detlef Münnich

Nicht nur wegen der enorm gestiegenen Baukosten glaubt der 73-Jährige mittlerweile nicht mehr an eine Realisierung des Projektes: „Wir werden alle älter und haben einfach nicht mehr die Power.“ Zudem seien sie als einfache Bürger gar nicht in der Lage, Investoren an Land zu ziehen. Deshalb hätten sie sich gewünscht, „dass die Stadt das Projektmanagement übernimmt und aktiv auf Investoren zugeht, wie es in anderen Kommunen auch üblich ist“, sagt Münnich. Wie das Beispiel des Wernerhauses zeige, sei das Engagement der Stadt bei der Unterstützung neuer Wohnprojekte aber generell sehr schwerfällig.

Bürgermeister bedauert die Situation

Bürgermeister Torsten Oestmann hingegen betont, dass beide Projekte nicht miteinander vergleichbar seien und er durchaus potenzielle Investoren für das Gemeinschaftshaus, zum Beispiel größere soziale Einrichtungen, angesprochen habe. „Sie finden aber nur einen Investor, wenn sich das Projekt langfristig rechnet“, erklärt er die schwierige Ausgangslage. Auch was externe Förderung betrifft, habe die Stadt alle Möglichkeiten geprüft. Das Grundstück hätte sie umsonst zur Verfügung gestellt.

Ich bedauere sehr, dass das Projekt über die Jahre hinweg nicht realisiert werden konnte.

Torsten Oestmann

Aus dem kürzlich verkündeten Städtebauförderungsprogramm – immerhin 30 Millionen Euro schwer – könnten keine Mittel für ein Gemeinschaftshaus an der Brockeler Straße freigegeben werden. Das Programm ziele laut Oestmann auf die Aufwertung von Innenstädten und auf die Verbesserung der Inklusion benachteiligter Bevölkerungsgruppen ab. Projekte in Neubaugebieten seien davon ausgeschlossen. Mit der recht aussichtslosen Situation zeigt sich auch Oestmann unzufrieden: „Ich bedauere sehr, dass das Projekt über die Jahre hinweg nicht realisiert werden konnte.“

Kommunale Wohnungsbaugesellschaft für Rotenburg?

Darüber hinaus kritisiert Münnich, dass es in Rotenburg keine kommunale Wohnungsbaugesellschaft gibt. Diese öffentlichen Unternehmen haben zwar vorrangig den Auftrag, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Investitionen in spezielle Immobilien zur Versorgung der Bevölkerung sind aber ebenfalls möglich. Weder die Stadt, noch der Landkreis sind aktuell mehrheitlich an einer derartigen Gesellschaft beteiligt.

Immerhin scheint sich auf Kreisebene in dieser Hinsicht etwas zu bewegen. Nachdem die SPD-Fraktion bei der letzten Sitzung des Ausschusses für Finanzen und Verkehr beantragt hatte, eine Kommunale Gesellschaft für Wohnen (KGW) zu gründen, will die Landkreisverwaltung nun bis Mitte 2023 die Voraussetzungen für eine Gründung prüfen. Da bei der geforderten KGW aber das Ziel „bezahlbarer Wohnraum“ im Fokus steht, ist es fraglich, ob mittelfristig auch Projekte wie das Gemeinschaftshaus an der Brockeler Straße davon profitieren könnten.

Torsten Oestmann will im Laufe des nächsten Jahres mit den Anwohnern erörtern, wie es mit dem reservierten Grundstück weiter gehen soll. Denkbar wäre etwa auch eine multifunktionale Freifläche für Straßenfeste oder zusätzlichen Parkraum. So wäre immerhin nicht ausgeschlossen, dass zukünftige Generationen den Traum von Strahmann-Cordes eines richtigen Hauses für die Gemeinschaft doch noch in die Tat umsetzen.

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