VonJudith Tausendfreundschließen
Michel Marboeuf ist Besitzer und Betreiber der Disco Padam, irgendwo im Nirgendwo in Riepe. Seit fast 40 Jahren lebt er schon auf dem Hof. Abseits seines Ladens führt Marboeuf ein Leben mit ganz eigener Philosophie.
Riepe – Michel Marboeuf lebt seit fast 40 Jahren auf einem ehemaligen Bauernhof. Er wohnt hier, er arbeitet hier, das Gelände ist ihm mehr als eine Heimat geworden. Dabei betreibt er keineswegs einen landwirtschaftlichen Betrieb – nein, er ist Inhaber und auch die „Seele“ der Disco Padam. Er selber sei immer hier in seinem Laden, sagt er, „das ist ist ein Teil von mir, das ist meine Seele.“ Und die Disco laufe jetzt nach der Corona-Zeit wieder gut. Auch vier Kinder habe er hier groß gezogen, diese hätten ein herrlich freies Leben auf dem Gelände erleben dürfen. Inzwischen wohnt er ohne Familie, hat einen Teil der Gebäude auf dem Hof vermietet.
Alles an seinem Lebensentwurf ist ein wenig exotisch, aber offensichtlich für ihn genau das richtige. Marboeuf lebt ohne Internet, ohne Laptop oder Computer und ohne Handy. „Die Strahlung, die von diesen Geräten ausgeht, möchte ich nicht in meiner Nähe haben.“ Er meditiert viel, er ernährt sich vegetarisch und er lebt mitten in der Natur – trotz des durchaus auch bestehenden Nachtbetriebs seines Unternehmens. Arztbesuche meidet er, Marboeuf interessiert sich aber für alternative Medizin. Auch mit der Geomantie, einer Wissenschaft der Kraftfelder und einer Form des Hellsehens, beschäftigt er sich. Doch nicht nur das, er läuft auch im Winter schon mal barfuß und badet mit eiskaltem Wasser. „Deshalb ist mein Immunsystem so gut“, schildert er seine Überzeugung.
In seinem Haus hat er sich so eingerichtet, dass er in den oberen Etagen schläft. „Morgens, wenn ich aufstehe, öffne ich das Fenster und begrüße alles, das ist der schönste Moment für mich“, sagt er. Er empfindet das Leben jeden Tag als ein neues Geschenk, auch sein Alter möchte er daher nicht angeben, „denn ich werde jeden Tag neu geboren“.
Wer ihm zuhört, merkt schnell, dass Michel Marboeuf wirklich ein eigenes Konzept vom Leben hat und dieses konsequent lebt. Eine Spülmaschine zum Beispiel benutzt er nicht, denn er meditiert auch beim Teller abwaschen. „Ich genieße jeden Schritt, den ich mache“, erklärt er und man sieht ihm an, dass dies wirklich so ist. Er atme dabei bewusst ein, denn ohne Sauerstoff gebe es kein Leben. Dabei empfindet er es auch nicht als Gegensatz, mitten in der Natur Platten aufzulegen und für wilde Discoabende zu sorgen. „Da draußen in der Natur findet jeden Tag ein eigenes Konzert statt“, beschreibt er seine Wahrnehmung des ländlichen Umfelds. Die Vögel, aber auch die landwirtschaftlichen Maschinen und alle anderen Beteiligten würden täglich eine große Sinfonie aufführen.
Er selbst ist auf Umwegen zur Musik gekommen. Ursprünglich in der Karibik geboren, kam er mit acht Jahren nach Frankreich und wanderte später nach Deutschland aus. Dort arbeitete er zunächst als Tellerwäsche im Ruhrpott – und eines Tages fehlt dort der DJ. Sein damaliger Chef forderte ihn auf, für Musik zu sorgen. Der Anfang war gemacht. Zufällig kam der charismatische Unternehmer Jahre später in den Landkreis Rotenburg und beschloss, zu bleiben. Er begann damals im Rotenburger Scotch Corner aufzulegen. Sieben Jahre später, 1984, konnte er seinen eigenen Laden, das Padam öffnen. „Viele haben damals gesagt, dass mein Laden als Disco im Nirgendwo niemals laufen würde, aber die haben sich alle geirrt. Es lief von Anfang an“, blickt er zurück.
Die letzten drei Jahre waren dabei nicht ganz einfach, „es war einsam hier auf dem Hof“, beschreibt er die Phase der pandemiebedingten Schließung. Vor Allem im Winter, wenn es nachmittags schon dunkel wird, sei es schwer gewesen, gut gelaunt zu bleiben. Aber er habe sich in dieser Zeit selber noch besser kennen gelernt und sei mental stärker aus der Krise herausgegangen.
Seit Mai 2022 läuft die Disco wieder, Marboeuf öffnet nur am ersten Wochenende im Monat jeweils Freitags und Samstags. „Es sind zwei Tage, an denen ich spät ins Bett gehe.“ Es sieht hier alles noch so aus, wie es die Gäste schon seit Jahren gewohnt sind. Unzählige Platten stehen im Regal, auf den Tresen haben zwei Plattenspieler Platz. Hier legt er auf und sorgt für tanzbare Musik. Für die Sommermonate gibt es einen kleinen Außenbereich, in dem man sich wohlfühlen kann. Innen befinden sich zwei Theken, an denen die Getränke verkauft werden. „Alles was ich mache, mache ich mit dem Herzen und nicht mit dem Verstand. Und ich meine, jeder hat eine Chance im Leben verdient und ich bin der Beweis dafür“, so beschreibt er seine ihm eigene Lebens- und Arbeitsphilosophie.
Das Padam sei dabei auch ein Ort des Friedens, auch sei es fast eine Bildungslücke, seine Disco noch nicht besucht zu haben. „Manchmal treffe ich Leute, die mich kennen und die mich anderen vorstellen. Oft heißt es dann: Das ist Michel, das ist eine Legende.“
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