VonMichael Schwekendiekschließen
Weit ab vom Schuss liegt Krömer Dup. Doch wie lebt es sich im Nirgendwo? Und warum sind die Dorfbewohner dort hingezogen? Unser Reporter hat sich umgesehen.
Helvesiek – Zugegeben: „Janz weit draußen (JWD)“ ist eine typisch berlinerische Bezeichnung, und um Berlin geht es nicht, aber es trifft auch in diesem Fall den Kern. JWD ist nämlich Krömer Dup. Der Lateiner würde sagen am „anus mundi“, übersetzt: „Der Arsch der Welt“. Und vermutlich wissen Sie auch nicht, wo Krömer Dup liegt. Es sei denn, Sie wohnen in Helvesiek. Von dort aus geht es nämlich auf der Appeler Straße nach Norden. Kurz vor Appel führt dann eine kleine Straße sozusagen in die „Pampa“, und nach etwa zwei Kilometern kommt das Ortsschild: Krömer Dup.
Noch nicht mal der Helvesieker Bürgermeister Merten Lüdemann konnte sich erklären, was der Name „Krömer Dup“ bedeutet, er sei „allerdings erst 36 Jahre alt“, und die Siedlung sei „wohl in den 1960-er Jahren als Wochenendhaussiedlung entstanden“. Christel Behrens, Vorsitzende des Helscher Heimatvereins, konnte aber, wie vom Bürgermeister empfohlen, etwas weiterhelfen: In der vor etlichen Jahren entstandenen Heimatchronik heißt es, es gäbe bei der Nachforschung nach der Herkunft der Bezeichnung „Krömer Dup“ nur „Vermutungen wie Sandloch, Heidekamm, Krummer Deich, genaue Angaben sind darüber nicht bekannt“. Vielleicht ist es auch ein „mergeliger Untergrund“, wie in einem Flurnamenverzeichnis von 1972 angegeben. Heute zeigt sich Krömer Dup als eine kleine schmucke Siedlung mit insgesamt 71 Häusern.
Ursprünglich mal nur für kleine Wochenendhäuser vorgesehen (50 Quadratmeter, Flachdach) haben einige inzwischen fast schon Villencharakter und sind auch dauerhaft bewohnt. Die Straße zur Siedlung aber hört dann auch genau da auf. Dahinter ist nichts – kein Weg, kein Steg, nur Wald, Wiese, Felder.
Wer einkaufen will, muss schon mindestens bis nach Scheeßel oder Sittensen fahren, denn in der Siedlung selbst, in Appel oder auch in Helvesiek, gibt es keinen Laden mehr. Wir treffen auf Ralf Hoffmann (85), der seit mehr als 50 Jahren mit seiner Ehefrau Ingeborg in Krömer Dup wohnt. Gebürtiger Hamburger, überlegte er eines Tages, wie schön es doch wäre, ein kleines eigenes Häuschen zu haben. So etwas in Hamburg – illusorisch.
Da lasen die beiden eines Tages in einer Hamburger Zeitung von den Wochenendgrundstücken nahe Helvesiek („nie gehört vorher“). Zu sehr günstigen Preisen wurden dort Grundstücke mit je 2 000 Quadratmetern angeboten, auf denen man ein kleines Wochenendhaus bauen dürfe, in dem das dauerhafte Wohnen aber „geduldet“ sei. 1971 zogen die Hoffmanns dann um. „Das meiste haben wir wirklich mit unseren eigenen Händen aufgebaut“. Da war gerade erst ein Stromanschluss verlegt worden sowie ein Wasseranschluss möglich. In der ersten Zeit mussten sich die Neusiedler (überwiegend aus der Hamburger Gegend) ihr Wasser noch aus einer Pumpe holen.
Es ist idyllisch ruhig im heutigen Krömer Dup, fast totenstill. Der mitten in der Siedlung liegende kleine Feuerlöschteich ist zugefroren („Kein Badeteich!“). Kein Mensch weit und breit. Aber vor etlichen Häusern stehen immerhin Autos, und ziemlich große Hunde laufen hier und da am Gartenzaun entlang. Und wo sie nicht laufen, weist fast überall ein Schild am Gartentor darauf hin, dass Vorsicht geboten sei, sollte Bello auftauchen.
Wie lebt man hier, weit ab von allen und allem Anderen? Ralf Hoffmann bringt das auf einen kurzen Nenner: „Wir sind happy hier.“ Jahrelang sei er täglich nach Hamburg zur Arbeit gefahren, später nach Sottrum. „Alles kein Problem.“ Auch nach Helvesiek habe es viele Jahre lang guten Kontakt gegeben. Das sei nun in seinem Alter weniger geworden.
Offensichtlich zieht die Einsamkeit nach wie vor: Auf der Anschlagtafel am Siedlungseingang sind drei Zettel angepinnt. „Dringend“ suchen da Interessenten ein freiwerdendes Haus in Krömer Dup, JWD.
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