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Themencheck Energiewende: Immer häufiger entscheiden Bürger und Bürgerinnen, ob sie Windräder vor ihrer Haustür haben möchten oder nicht, auch in Hessen. Und immer öfter entscheiden sie sich dafür.
Wenn am 8. Oktober, dem Abend der Landtagswahl, die Stimmen ausgezählt werden, geht es für die Menschen in Niedernhausen, einer 15 000-Einwohner-Gemeinde am Rande des Rheingau-Taunus-Kreises und nicht weit weg von Wiesbaden, um mehr. Hier wird auch darüber entschieden, ob im gemeindeeigenen Wald Windräder gebaut werden sollen oder nicht. Die Fronten sind verhärtet, der Ausgang des Bürgerentscheids ungewiss.
Immer häufiger sind in Hessen – wie in Niedernhausen – die Bürger und Bürgerinnen gefragt, wenn es um den Ausbau der erneuerbaren Energien geht. Und immer häufiger fällt das Votum pro Windkraft aus.
Themenchecks zur Landtagswahl in Hessen
Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht zur Landtagswahl acht Themenchecks mit Problemaufrissen und Positionen der Parteien dazu.
Bisher erscheinen:
- Polizei und Sicherheit
- Nahverkehr
- Naturschutz: Wolf
- Armut
- Rassismus
- Gesundheit
Zum Beispiel in Hünstetten, ebenfalls im Rheingau-Taunus-Kreis. Dort können sechs geplante Windkraftanlagen gebaut werden. Bei einem Bürgerentscheid haben sich im März dieses Jahres 76 Prozent der Wählerinnen und Wähler für den Bau der Rotoren ausgesprochen. Die dortige Gemeindevertretung hatte ein halbes Jahr zuvor beschlossen, die Entscheidung für oder gegen den Windpark den Hünstettern selbst zu überlassen, obwohl sie diese auch selbst hätte treffen können.
Ein weiteres Beispiel: Freigericht im Main-Kinzig-Kreis. Im Juli vergangenen Jahres hatte dort eine knappe Mehrheit der Einwohnerschaft grünes Licht für die Prüfung von Windkraftanlagen in der Gemeinde gegeben.
Offenbar hat der Wind sich gedreht. Das belegt auch der neueste Bericht des Vereins „Mehr Demokratie“, der seit rund 30 Jahren gemeinsam mit den Universitäten Marburg und Wuppertal bundesweit Bürgerbegehren erfasst und auswertet. 387 Verfahren drehten sich in den Jahren 2013 bis 2022 um den Klimaschutz.
Noch bis 2017 fielen 70 Prozent der Entscheide zu Windparks gegen deren Bau aus. Seit 2018 aber hat sich das Bild gewandelt: In 74 Prozent der Fälle, so meldete „Mehr Demokratie“ im Sommer diesen Jahres, unterstützten nun die Bürger und Bürgerinnen den Bau von Windkraftanlagen in ihrer Stadt oder Gemeinde.
Die Gründe für und gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien mit Windrädern lassen sich am Beispiel Niedernhausen beispielhaft beobachten. Mit dem Nutzen fürs Klima, mehr Unabhängigkeit bei der Energieversorgung, auch mit finanziellen und wirtschaftlichen Vorteilen argumentieren Befürworter wie Helmut Murr oder Jürgen Chlumsky.
„Mit den Einnahmen aus den Windrädern könnte Niedernhausen seinen Sozialetat um die Hälfte aufstocken“, sagt etwa Chlumsky. Mehr als eine halbe Million Euro könnten die vier Windräder einbringen, um die sich der Bürgerentscheid dreht – und dabei seien die Gewerbesteuereinnahmen noch nicht einmal berücksichtigt. Rechnen können sie beide: Diplom-Betriebswirt Murr (72) war bis zur Rente bei einem großen Bankhaus in Frankfurt tätig, Chlumsky (68) war Abteilungsleiter beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Sie sind für einen Bürgerwindpark, an dem sich die Niedernhausener beteiligen könnten und so auch selbst finanziell profitieren.
Landtagswahl in Hessen: Themencheck Energiewende
Diese Zusammenstellung erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weitere Texte dazu:
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Doch es geht um mehr als Geld. „60 Gigawattstunden Strom könnten die Rotoren im Jahr erzeugen“, sagt Murr. Der Gesamtverbrauch in der Gemeinde einschließlich der Privathaushalte und des Gewerbes lägen aktuell bei 39 Gigawattstunden. Niedernhausen könnte also zumindest rechnerisch beim Strom autark werden – und klimaneutral. „Selbst wenn der Verbrauch durch Wärmepumpen und E-Mobilität sicher weiter steigen wird“, wie Chlumsky ergänzt.
Die beiden gehören dem Bündnis „Pro-Windkraft“ Niedernhausen an, das engagierte Bürger und Bürgerinnen mit den Befürwortern der Windkraft in der Gemeindevertretung geschlossen haben. Das sind die Grünen, SPD, die Wählergemeinschaft Niedernhausen, die Offene Liste Niedernhausen und Unabhängige.
Demgegenüber stehen vor allem CDU und FDP. Bürgermeister Joachim Reimann, Christdemokrat, war bereits als Windkraftgegner angetreten und ins Amt gewählt worden.
Die FDP plakatiert großflächig gegen Windräder im Gemeindewald. Vor allem der Schutz des Waldes wird als Argument bemüht. Das örtliche Blättchen, der „Niedernhausener Anzeiger“, füllt zuletzt seine Seiten gut zur Hälfte mit Presseartikeln und Anzeigen, in denen Pro und Kontra aufeinander prallen.
Eine eigens gegründete Bürgerinitiative „pro Wald Niedernhausen“ wirbt engagiert für ein „Nein“ beim Bürgerentscheid am 8. Oktober. Auch Ängste und Sorgen wegen möglichen Lärms und einer Beeinträchtigung des Landschaftsbilds über den Taunushängen treiben die Gegner und Gegnerinnen um. Wie jenen älteren Herren, der – nach seiner Meinung zu den Windrädern gefragt – von seiner Terrasse aus herüberruft, er sei schließlich nicht für viel Geld hierhergezogen, um dann auf sich drehende Rotoren blicken zu müssen.
Ob die tatsächlich so störend wären, bleibt dem Urteil des Einzelnen überlassen. Dem Besucher jedenfalls fällt auf, dass das stete Rauschen der nahen Autobahn 3 mögliche Geräusche der deutlich weiter entfernt stehenden Windräder wohl übertönen würde. Dass bereits jetzt eine markante Hochspannungstrasse die Gemeinde in weiten Teilen überspannt, lässt sich sowohl als Für-als auch als Gegen-Argument verwenden. Entweder ist da gar nicht mehr viel zu verschandeln und von den Windrädern ohnehin nur wenig zu sehen, oder der Ort ist bereits genug belastet und braucht keine technischen Großbauwerke mehr.
Für die Windkraftbefürworter Murr und Chlumsky ist die Entscheidung, die die Niedernhausener am übernächsten Sonntag zu treffen haben, aber mehr als das Ergebnis einer nüchternen Güterabwägung. „Vor zehn Jahren war ich auch noch dagegen“, berichtet Helmut Murr. „Aber der Krieg in der Ukraine und der Klimawandel haben mich zum Umdenken gebracht.“ Die Welt, sagt Murr, die sei jetzt eine andere.
„Ich fand Windräder noch nie wirklich hübsch“, räumt Jürgen Chlumsky ein. „Aber man muss sich schon entscheiden: Will man einfach immer so weitermachen, als ob nichts wäre – oder wenigstens das wenige tun, was man selbst in der Hand hat?“ Und wenn es ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels sei.
Landtagswahl in Hessen
Am 8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.
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