VonLars Warneckeschließen
Heute ist der Meyerhof in Scheeßel als Kultur- und Begegnungsstätte bekannt. Was nicht jeder weiß: Noch bis Anfang der 1970er-Jahre lebte eine Familie in dem Haus.
Scheeßel – Wenn Jochen Beckmann auf den Meyerhof zu sprechen kommt, dann tut er das auch immer mit Blick auf die eigene Familiengeschichte. „Schauen Sie mal, dort drüben habe ich das Licht der Welt erblickt“, sagt der 81-Jährige beim Gang über die Diele. Früher war hier mal ein Zimmer, Beckmanns Geburtszimmer – heute erinnert nur noch wenig an jene Zeiten, in denen die öffentliche Kultur- und Begegnungsstätte, als die der Meyerhof seit den 1970er-Jahren weit über Scheeßels Grenzen hinaus bekannt ist, noch in privater Familienhand lag.
Und das über mehrere Jahrhunderte hinweg. Ein alter Kronleuchter, die gelbstichige, markante Wandbemalung des Künstlers Ernst Müller-Scheeßel, einige Deckenbalken – kaum mehr ist von der ursprünglichen Inneneinrichtung geblieben. „Da hat man damals doch schon eine ganze Menge verändert – und das mitunter nicht gerade zum Besten“, findet er klare Worte.
1972 war es, Jochen Beckmann wohnte da bereits mit seiner Frau Margarete in Bremen, als der Familienrat beschlossen hat, den urkundlich bereits im Jahre 1320 erwähnten Hof zu verkaufen. „Meine Eltern waren damals schon nicht mehr die Jüngsten, bewohnten zuletzt alleine das große Haus, wollten sich verkleinern“, blickt er zurück. „Wir Kinder wussten hingegen noch gar nicht, ob wir überhaupt nochmal nach Scheeßel zurückkommen würden – also stand die Entscheidung fest.“
Zwei Jahre sollten noch ins Land gehen – dann erwarb die Gemeinde Scheeßel das Anwesen, ließ das Innenleben des 1875 errichteten Hauptgebäudes, wie man es heute kennt, ganz im Stile der damaligen Zeit umbauen. Beckmann weiß: „Vom Kommerziellen her wäre es sicherlich besser gewesen, den Hof an Privatpersonen zu verkaufen – unser Anliegen war es aber vorrangig, den Meyerhof für jedermann zugänglich zu machen, so auch für uns selbst.“
Vieles, was seinerzeit an Mobiliar weichen musste, findet sich heute in seinem Wohnhaus am Scheeßeler Wischhoff wieder – ein antikes Buffet etwa oder ein Sessel. Oder ein großformatiges Ölbild von Ernst Müller-Scheeßel, dem Onkel von Beckmanns Großmutter. Es sind regelrechte Familienschätze, die der frühere Elektroingenieur sein Eigen nennt – Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend.
Friedrich Meyer, der besagte Großvater, war von 1905 bis 1920 Gemeindevorsteher in Scheeßel. Mit seiner Frau Gertrude wohnte er schon 1910 im Meyerhof, betrieb dort – quasi als frühe Vorgängereinrichtung zum Rathaus – ein kleines Büro nebst Standesamt. „1914 hat er den Resthof von seinem Vetter gekauft, da der keine Brauerei machen, sondern lieber Jura studieren wollte“, schildert das Scheeßeler Urgestein die damaligen Besitzverhältnisse. Das Standesamt auf dem Meyerhof, in dem Beckmanns Eltern Hanna und Hermann selbst noch tätig waren, ist zwar längst Geschichte (es befindet sich heute im Rathaus) – das Trauzimmer aber ist an gleicher Stelle geblieben.
Vornehmlich residierte die Familie Beckmann im hinteren Gebäudetrakt, der noch heute von einer Tür getrennt ist. „Zur wärmeren Zeit im Sommer haben wir aber auch oft auf der Diele oder im Windfang gesessen, weil es dort immer schön kühl war“, erinnert sich der ehemalige Bewohner. Und auch die Weihnachtszeit über habe man dort zugebracht, gemütliche Stunden am großen Kachelofen verlebt. „Wir hatten auch Palmen draußen – eine von denen steht heute im Vogelpark Walsrode.“
Man merkt: Zu jedem noch so kleinen Winkel weiß Jochen Beckmann eine Geschichte zu erzählen. Etwa die, dass sich die Toilette früher nicht etwa im Hause selbst, sondern sich hinter dem benachbarten Blaudruckspeicher befand – in Form eines Plumpsklos. Der Speicher habe der Familie in Weltkriegszeiten auch Schutz bei Fliegeralarmen geboten. „Dann ging es für uns immer runter in den Felsenkeller.“ Im Krieg habe es auf dem Meyerhof auch Einquartierungen gegeben: „Wir hatten Verwandtschaft, die in Hamburg ausgebombt war – die wohnte noch bis in die 1950er-Jahre bei uns mit.“ So sei auch sein Cousin dort geboren worden wie auch Beke, Jochen Beckmanns drei Jahre ältere Schwester. Beide leben sie ebenfalls noch, sind aber schon lange nicht mehr in Scheeßel beheimatet. Anders als Beckmann selbst: Er ließ sich 1984 im Beeke-Ort wieder nieder.
„Wir hatten auf dem Meyerhof eine wirklich schöne Kindheit“, betont der 81-Jährige. Gerne erinnert er sich an die Aktivitäten im Freien zurück, an das Baden in der nahegelegenen Wümme, an das Bauen von Höhlen und Baumhäusern, an das Bolzen mit den Nachbarskindern. Zahlreiche Fotos aus dieser Zeit zeugen vom damaligen Familienleben. Um sich ein bisschen Taschengeld dazuzuverdienen, habe er schon als Junge öffentliche Führungen über die Diele gemacht – lange, bevor die überhaupt öffentlich zugänglich war.
Ob ihn noch die Wehmut packt, wenn er sich in seinem früheren Zuhause umschaut? Beckmann schüttelt den Kopf: „Heute nicht mehr – in den ersten Jahren nach unserem Auszug war es aber doch noch oft ein komisches Gefühl, dass man das alles aufgegeben hatte.“ Ganz habe er den Meyerhof jedoch nie aus den Augen verloren: „Durch meine Tätigkeit nachher beim Heimatverein hatte ich ja auch noch überall hin Zugang – das war für mich eine angenehme Situation.“
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