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Täglich erleben queere Personen in Deutschland Diskriminierung. Was tun? Der Verband dgti* befürchtet, dass sich das „Zeitfenster für wirksame Maßnahmen schließt“.
Seit Beginn der Corona-Pandemie vor nunmehr vier Jahren verzeichnen queere Verbände und Organisationen in Deutschland eine massive Verschlechterung der psychischen Gesundheit von LGBTQIA+-Jugendlichen. Während bereits heterosexuelle junge Menschen unter Einsamkeit, Isolation und Angst litten, kamen bei queeren Minderjährigen noch einmal spezifische Aspekte und direkte Angriffe hinzu – viele erlebten gerade online eine Welle von Hass und Gewalt.
Das Problem: Obwohl die Pandemie inzwischen hinter uns liegt, hat die Hetze auf queere Menschen bis heute weiter zugenommen. Eine neue Studie des Fachmagazins „Lancet“ stellte dabei nun fest, dass vor allem trans* Menschen zu den besonders gefährdeten Risikogruppen gehören. Jede sechste trans* Person leidet unter einer psychischen Erkrankung, bei nicht-binären Menschen ist es sogar jeder Zweite.
Doch sind die Daten der rund 1,5 Millionen Engländer und rund 10.600 trans* und nicht-binären Menschen dort auf Deutschland übertragbar? BuzzFeed News Deutschland hat sich das pünktlich zum Trans Day of Visibility mal angeschaut.
Trans* Personen in Deutschland: 20 Prozent leiden unter „psychischen Begleitkrankheiten“
Die erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, kurz dgti*, Petra Weitzel, sagt dazu gegenüber Buzzfeed News Deutschland mit Blick auf die Bundesrepublik: „Erwachsene trans* Personen leiden etwa zu 20 Prozent unter psychischen beziehungsweise psychosomatischen Begleitkrankheiten, die zum Teil dem Umfeld geschuldet sind.“
Sogenannte „Mikroaggressionen“ führten zu psychischem Dauerstress, der sich über kurz oder lang in Depressionen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit manifestiere. „Man könnte sagen, dass bereits bestehende Vorurteile und rechte Hetze im Netz, die Angehörige, Mitschüler:innen und Arbeitskolleg:innen erreicht, ihre beabsichtigte Wirkung entfalten“, so Weitzel.
Dabei ist laut Weitzel das Dunkelfeld groß, viele Fälle von Hasskriminalität gerade auch gegenüber trans* Menschen würden oftmals gar nicht erst erfasst. Generell sei die Studienlage für Deutschland sowieso noch nicht ausreichend, auch wenn die bisherigen Erhebungen die Zahlen aus Großbritannien auch für Deutschland nahelegen, wie Fachreferentin Mari Günther vom Bundesverband Trans* bei Buzzfeed News Deutschland ergänzt.
Studie zeigt: Ärzt:innen wissen zu wenig über trans* Menschen
Diskriminierung von trans* Personen – besonders junge Queers belastet
Überrascht von den hohen Fallzahlen betroffener trans* Menschen sind beide Expert:innen indes nicht. Angehörige von gesellschaftlichen Minderheiten ständen unter einem spezifischen Minderheitenstress, der eine Symptomlast psychischer Erkrankungen erzeugen oder verstärken könne, sagt Günther.
„Bei trans* und nicht-binären Menschen könnten die Faktoren der Sichtbarkeit im öffentlichen Leben, damit mehr feindliches Verhalten und die immer noch bestehende Psycho-Pathologisierung hinzukommen“, so Günther. Weitzel betont dabei die Belastung von jungen Queers: „Vor allem junge Menschen, die sich gezwungen sehen, ihr Coming-out verschieben zu müssen oder denen man eine geschlechtsangleichende Therapie verweigert, werden häufiger krank und gewöhnen sich zum Beispiel selbstverletzendes Verhalten an. Dies ist dann nur mit hohem therapeutischen Aufwand zu heilen.“
Dazu komme, dass das deutsche Gesundheitswesen in vielen Fällen durch strukturelle Diskriminierungen (so auch bei Solomüttern) die Situation eher weiter eskalieren lasse, anstatt die Probleme abzumildern oder zumindest fachgerecht aufzufangen.
Queere Menschen in Deutschland: „Größte Baustelle ist das Sozialrecht“
Für trans* Menschen in Deutschland gibt es auch am 25. Trans Day of Visibility nach wie vor viele Baustellen, vom geplanten Selbstbestimmungsgesetz bis hin zum Abstammungsrecht, doch der Bereich Gesundheit steht im Kern der Probleme. „Die derzeit größte Baustelle ist das Sozialrecht, weil der Medizinische Dienst, der regional in seiner Arbeitsweise mal neutral, häufiger jedoch offen diskriminierend arbeitet, bestimmt, ob und welche Gesundheitsleistung genehmigt wird“, sagt die dgti*-Vorsitzende Buzzfeed News Deutschland.
So würden in jüngster Zeit Anträge für Jugendliche ohne Rücksichtnahme auf die individuelle Situation abgelehnt und bislang bei Erwachsenen meist genehmigte Operationen wie zum Beispiel an den Stimmbändern grundlos abgelehnt. „Der Spitzenverband des Medizinischen Diensts hat uns mitgeteilt, dass zum Beispiel Leistungen für Jugendliche begutachtet werden dürfen und grundsätzlich genehmigungsfähig sind.“
Dazu kommen dann sozusagen obendrauf noch lange Wartezeiten sowie der Kampf mit den Institutionen – auch dies ist für viele psychisch sehr belastend, so Weitzel: „Nicht jede:r ist selbstbewusst genug, sich wehren zu können.“ Oftmals seien die Probleme gerade im Gesundheitssektor auch erst auf den zweiten Blick erkennbar – nicht immer trete Diskriminierung klar zutage.
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Trans* Jugendliche und deren Eltern sind Diskriminierungen ausgesetzt
Probleme bereiten so schon, dass einige Eltern oftmals hunderte Kilometer fahren müssten, weil in der Nähe kein Arzt bereit sei, eine Hormontherapie durchzuführen. Dazu kommt laut Weitzel auch, dass viele Eltern gerade online Hass erleben. „Derartige Erlebnisse führen leider zu häufig zu einer langfristigen Vermeidungsstrategie gegenüber dem Gesundheitssystem allgemein, zum Beispiel bei Vorsorgeuntersuchungen. Trans* und nicht-binäre Personen gehen zu spät oder seltener zum Arzt, aus Angst, sich erklären zu müssen und dabei diskriminierende Erfahrungen zu machen.“
Zusätzlich müssten sich gerade auch junge trans* Menschen oft mit alltäglicher subtiler Diskriminierung auseinandersetzen. Von herabsetzendem Verhalten in Schulen oder bei Behörden bis hin zu Dienstleistern, die sich beispielsweise beim Ticketkauf für ein Konzert der Lieblingsband weigern, eine andere Anrede jenseits von „Herr“ und „Frau“ anzubieten.
Die Summe dieser Nadelstiche könne tiefe Wunden erzeugen. Die Verweigerung dieser Anerkennung als trans* Person und der damit indirekt verbundene Gedanke, man sei kein „vollwertiger Mensch“, erzeugt so stetes Leid – auch nach dem Ende der Pandemie. Während heterosexuelle Jugendliche inzwischen wieder die Chance haben, in ihren altbekannten Alltag zurückzukehren, bedeutet dieser Alltag für viele trans*-Minderjährige Anfeindung und Ausgrenzung, auf die am Trans Day of Visibility hingewiesen werden sollte.
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Diskriminierung von trans* Menschen: Bundesregierung muss mehr tun
Die Ampel-Koalition hat mit Beginn ihrer Regierungszeit Ende 2021 angekündigt, auch das Leben von trans* Menschen verbessern zu wollen. Jetzt über zwei Jahre später macht sich in einigen queeren Verbänden inzwischen die Befürchtung breit, dass der versprochene Aufbruch ausbleibt. In vielen Bereichen stockt es. Zuletzt forderten bereits Ende 2023 insgesamt 36 queere Verbände die Bundesregierung sowie Bundeskanzler Olaf Scholz eindringlich dazu auf, mehr zu tun – darunter auch die dgti*.
Die Bundesregierung habe sich hier mit dem Aktionsplan „Queer Leben“ ein „sehr dickes Brett vorgenommen“. Die Arbeit daran laufe planmäßig, auch wenn es auf Grund der Vielzahl der Beteiligten nicht immer einfach sei. Dazu kämen immer wieder auch Angriffe aus verschiedenen Bereichen, von der Werteunion bis zur AfD. „Auch einige Politiker der CDU / CSU lassen sich von radikalen Republikanern in den USA inspirieren und fallen kaum, dass sie von ihrem Besuch aus den USA zurückkommen, mit von dort bekannten Verunglimpfungen auf.“
Dass es nicht ganz rund läuft, zeigt auch der Fakt, dass das Selbstbestimmungsgesetz auch am Trans Day of Visibility 2024 noch auf sich warten lässt. „Wir befürchten, dass sich das Zeitfenster für wirksame Maßnahmen schließt. Menschen, die schon mit Falschinformation und Hetze gefüllt sind, haben wenig Platz für Akzeptanz von Menschen, die Ihnen nicht häufig begegnen“, so Weitzel zu Buzzfeed News Deutschland.
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„Rechtspopulistische Politik hetzt Minderheiten gegeneinander auf“
Auch Günther vom Bundesverband Trans* hofft auf Besserung in mehreren Bereichen: „Die geplanten Gesetzesvorhaben aus dem Koalitionsvertrag sollten zeitnah umgesetzt werden. Dabei sollte das SBGG einen wirklichen Diskriminierungsschutz für trans*, inter und nicht-binäre Menschen beinhalten und Jugendlichen einen möglichst selbstbestimmten Zugang ermöglichen“, findet die Expert:in bei Buzzfeed News Deutschland.
Die Überarbeitung des Abstammungsrechts sollten die Elternkonstellationen von trans* und nicht-binären Elternteilen respektvoll und diskriminierungsfrei abbilden, die Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sollte zu einem wirksamen Diskriminierungsschutz führen. Wichtig sei dabei auch eine bessere Bildungsarbeit, gerade an den Schulen.
„Bildungsarbeit, die Vielfalt akzeptiert, ist Arbeit für die Demokratie und wirkt gesellschaftlicher Spaltung entgegen. Damit kann man nicht früh genug anfangen“, sagt Weitzel. „Die in Mode gekommene rechtspopulistische Politik bewirkt jedoch das Gegenteil. Sie hetzt Minderheiten gegeneinander auf“, beklagt die dgti*-Vorsitzende.
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Trans Day of Visibility 2024: So kannst du das Leben von trans* Personen verbessern
Die Situation für trans* Menschen, gerade auch für Jugendliche, zu verbessern, ist eine Mammutaufgabe, die sich nicht schnell und mit einem einzelnen Aspekt ändern lässt. Dafür braucht es bessere Sichtbarkeit und Aufklärung, Wissensvermittlung, ein effizienter Diskriminierungsschutz sowie weitere rechtliche Gleichstellungen.
Pünktlich zum Trans Day of Visibility 2024 kann aber auch jede:r einzelne dazu beitragen, das Leben von trans* Menschen zu verbessern – manchmal scheitert das vielleicht bisher an der schlichten Tatsache, dass man selbst noch keinen direkten Kontakt mit einer trans* Person hatte.
Was also tun? „Sich mit mehr Neugier und Freundlichkeit in der Welt bewegen, Ängste vor dem vermeintlichen Verlust von Privilegien reflektieren und sich über die möglichen Anregungen für die weitere Ausgestaltung der eigenen geschlechtlichen Identität freuen“, sagt Günther bei Buzzfeed News Deutschland.
Weitzel betont abschließend: „Die realen Berührungspunkte sind da, es gibt aber zu viele Menschen, die sich nicht trauen darüber zu reden. Dies betrifft auch die unmittelbaren Angehörigen, die üble Nachrede aus dem Umfeld befürchten müssen. Es hilft sich zu fragen, welcher Minderheit man selbst angehört“· sagt sie und greift damit auch die Kritik am weißen Feminismus auf. „Eigentlich besteht die Menschheit nur aus Minderheiten und man kann sich fragen, ob man seinen Nächsten beisteht, damit noch einer übrig ist, wenn man selbst Unterstützung und Solidarität braucht.“
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